Man kennt ihn als Oscar-nominierten Schauspieler, als prägende Figur des deutschen Films, als Gesicht großer Rollen. Doch das Herz von Armin Mueller-Stahl schlägt eigentlich für etwas anderes. Nämlich für die Musik! Bis heute prägt sie sein Denken, sein Sehen, sein künstlerisches Arbeiten. Im Interview mit Klassik Radio Redakteurin Valeska Baader spricht er über diese heimliche Leidenschaft – und von einem Lebensweg, der beinahe ein anderer geworden wäre.

Klassik Radio: Herr Mueller-Stahl, viele kennen Sie vor allem als bekannten deutschen Schauspieler. Dabei stand am Anfang Ihres Weges die Musik – Sie haben Violine studiert. Gab es in Ihrem Leben einen Moment, in dem Sie darüber nachgedacht haben, die Schauspielerei hinter sich zu lassen und ganz zur Musik zurückzukehren?
Armin Mueller-Stahl: Ja, ich wollte von der Schauspielerei an einem Tage zurück zur Musik und sprach damals mit meinem Intendanten Fritz Wisten, der mich aber nicht gelassen hat. Er sagte: „Du bleibst hier bei der Schauspielerei!“ Er gab mir daraufhin gleich zwei große Charakterrollen, und ich hatte damit großen Erfolg. Ja, dummerweise. Aber die Musik ist mir trotzdem irgendwie immer vertraut geblieben.
Klassik Radio: Wie nah ist Ihnen die Musik heute noch – spielen Sie noch Violine?
Armin Mueller-Stahl: Ich spiele bis zum heutigen Tage jeden Tag Klavier und Geige. Ganz kurz nur, das ist wie Zähneputzen. Aber das ist gut für die Synapsen.
Klassik Radio: Was wird beim Geigenspiel Ihrer Meinung nach oft unterschätzt?
Armin Mueller-Stahl: Die rechte Hand beim Geiger macht die Musik. Die Leute denken aber natürlich immer die Finger der linken Hand sind es, die schnell tanzen müssen. Nein, der Bogen ist es, die rechte Hand. Das konnte man so schön bei Anne Sophie-Mutter beobachten. Ihre rechte Hand ist virtuos.
Klassik Radio: Wenn Sie zurückblicken: Was war das Schönste für Sie als Musiker bevor dann die große Schauspielkarriere losging?
Armin Mueller-Stahl: Das Schönste waren die Konzerte, die ich gemeinsam mit meinem Pianisten gegeben habe. Wir haben Konzerte in meiner Heimatstadt Prenzlau gegeben, da, wo ich groß geworden bin, und auch in Berlin. Und das waren immer unglaublich schöne Momente, wenn ich dort die César Franck Sonate fehlerfrei über die Runden gebracht habe und auch gut gespielt habe. Das waren Sternstunden in meinem Musikerleben.
Klassik Radio: Hatten Sie damals musikalische Vorbilder?
Armin Mueller-Stahl: 1945, also am Ende des Krieges, war das Trümmerfeld Berlin wieder voll mit Kunst. Die Kunst begann sowohl in der Schauspielerei als auch in der Musik regelrecht zu blühen: Eduard von Winterstein spielte im Deutschen Theater, David Oistrach im Admiralspalast und Yehudi Menuhin im Titania-Palast. Das war auch der Ort, den ich am meisten besucht habe. Ich hatte eine Technik, mich da hineinzuschmuggeln und hörte jedes Konzert der Berliner Philharmoniker – jeden Sonntag um elf und jeden Montag um acht. Aber die Helden meiner Jugendträume – das waren Yehudi Menuhin, Jascha Heifetz, David Oistrach und die Amerikanerin Patricia Travers.
Klassik Radio: Gab es unter diesen großen Vorbildern einen Moment, ein Konzert, das sich Ihnen bis heute unauslöschlich eingeprägt hat?
Armin Mueller-Stahl: Yehudi Menuhin war der erste Musiker, der im Titania-Palast die Chaconne von Johann Sebastian Bach spielte. Mitten im Spiel unterbrach er plötzlich, legte die Geige auf den Flügel, holte einen Brief aus der Tasche und las ihn vor – von einer Holocaust-Überlebenden, die den Deutschen die Hand zur Versöhnung reichte. Dann spielte er weiter. Auf einmal hatte die Chaconne eine völlig andere Bedeutung. Tränen in den Augen des Publikums – und auch in meinen. Unvergessen... Ein anderes Erlebnis war mit David Oistrach im Admiralspalast. Von ihm habe ich das Tschaikowsky Violinkonzert gehört. Und zwar meisterhaft gespielt, mit viel Herzblut und technischer Bravour. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt. Diese großen Geiger, die großen Musiker waren alle um mich herum – bis zum heutigen Tage.
Klassik Radio: Waren diese Konzerte auch Ihre Motivation, selbst Geige zu studieren?
Armin Mueller-Stahl: Das war der Grund, dass ich mit meiner Geige, die ich in Prenzlau erworben hatte, nach Berlin ging und in der Musikhochschule die F-Dur Romanze von Beethoven vorspielte. Dort begann ich dann auch wirklich, bei Professor Mahlke Geige zu studieren, und wechselte später von der Musikhochschule an das Sternsche Konservatorium zu Professor Jonas. Dort spielte ich – bis hin zum Mendelssohn e-Moll Violinkonzert, das ja doch ziemlich schwierig ist. Als ich dieses Konzert Professor Mahlke noch einmal vorspielte, schickte er mich zu einem Geigenbauer. Der hörte sich das Violinkonzert von mir an und gab mir anschließend eine wunderbare Geige – eine Guarneri. Leider ist sie bei dem großen Brand im vergangenen Jahr in unserem Haus in Los Angeles verbrannt. Doch ich durfte diese Geige mein ganzes Leben lang spielen. Ich habe sie geliebt und gehütet wie meinen Augapfel.
Klassik Radio: War es Ihr heimlicher Traum, irgendwann auch wieder als Musiker auf der Bühne zu stehen, so wie die Helden Ihrer Jugendträume?
Armin Mueller-Stahl: Ich wäre gerne Dirigent geworden, weil ich dann mit der Musik immer verbunden geblieben wäre. Und ich hätte dort auch meine Fähigkeiten als Schauspieler einsetzen können, indem ich versuche, mich so zu bewegen, wie ich glaube, dass es sein müsste: sparsam. Nicht wie manche junge Dirigenten, die versuchen zu tanzen.
Klassik Radio: Was bedeutet das Dirigieren für Sie?
Armin Mueller-Stahl: Der Dirigent ist mit der Musik ganz eng und tief verbunden. Er muss die Musik begreifen, er muss sie musikalisch verstehen, er muss rhythmisch präzise sein. Alles Dinge, die ich gerne getan hätte. Aber das Leben hat mir eine andere Kurve gegeben. Und so bin ich Schauspieler geworden.
Klassik Radio: Gibt es einen Dirigenten, den Sie bewundert haben?
Armin Mueller-Stahl: Leonard Bernstein ist der Dirigent, der mir ganz nah ist. Der hat eine so große Menschlichkeit. Ich habe ihn mal mit den Wiener Philharmonikern gehört. Da hat er die Arme über den Bauch verschränkt und hat nur dem Orchester zugehört. Er hat nicht mehr dirigiert. Er wollte damit sagen: Die spielen das so schön. Sie haben mich nicht nötig.
Klassik Radio: Gibt es eine Erfahrung aus Ihrer Zeit als Musiker, die Ihr Schauspiel nachhaltig geprägt hat?
Armin Mueller-Stahl: Bruno Walter war Student am Sternschen Konservatorium – so wie ich. Allerdings zu sehr unterschiedlichen Zeiten. Er sehr viel früher. Er kam eines Tages ins Konservatorium und wollte verschiedene Studenten hören, und ich wurde ausgesucht, den ersten Satz der César Franck Sonate vorzuspielen. Mein Lehrer, Professor Jonas, hatte mir immer eingebläut: „Nicht halber Bogen, ganzer Bogen, ganzer Bogen! Dann erst machst du wirklich Musik.“ Als Bruno Walter kam, saß mein Lehrer in der Ecke, und als ich mit meiner Geige auf Bruno Walter zuging, sagte er noch einmal: „Ganzer Bogen, ganzer Bogen.“ Ich fing also an, mit ganzem Bogen zu spielen. Da sagte Bruno Walter plötzlich: „Wieso benutzen Sie den ganzen Bogen?“ Ich dachte: Wieso sagt der jetzt nicht „ganzer Bogen“? Bruno Walter mag ein großartiger Dirigent sein, aber von der Geige versteht er ja anscheinend wenig. Aber dann sagte er etwas, das mich ein Leben lang begleitet hat – auch in der Schauspielerei. Er sagte: „Wenn Sie den ganzen Bogen benutzen, nehmen Sie der Sonate das Geheimnis.“ Das leuchtete mir ein. Und in der Schauspielerei ist es genauso. Es gibt viele dramaturgische Szenen, die ein Geheimnis haben. Und ich versuche, dieses Geheimnis zu bewahren. Wenn ich einen Betrunkenen gespielt habe, habe ich ihn nicht betrunken gespielt, sondern nur mit halbem Bogen – oder nur mit dem oberen Drittel. Das heißt: Ich habe immer versucht, das Geheimnis zu wahren. Und das ist bis zum heutigen Tage so geblieben. Daran sieht man die große Verwandtschaft des Geigers zum Schauspieler.
Klassik Radio: Gibt es Musik, die in Ihnen sofort den Schauspieler weckt?
Armin Mueller-Stahl: Immer, wenn ich Mendelssohn höre, besonders beim Sommernachtstraum, will ich auf die Bühne und will die Rollen spielen, die ich mit Erfolg gespielt habe.
Klassik Radio: Ist Mendelssohn auch Ihr Lieblingskomponist?
Armin Mueller-Stahl: Ich höre Mendelssohn immer wieder gerne, wenn ich an Leipzig denke. Sie wissen, dass Johann Sebastian Bach von Mendelssohn, der ja Kapellmeister im Gewandhaus war, wieder hervorgeholt wurde. Mendelssohn hatte dessen Matthäuspassion aufgeführt.
Klassik Radio: Bach gehört also auch zu Ihren Lieblingskomponisten?
Armin Mueller-Stahl: Ich höre Bachs Partiten hin und wieder. Das ist grandios komponiert. Das sind Musiken, die mich wirklich bis zum heutigen Tage berühren.
Klassik Radio: Welches Musikstück lässt Sie alles um sich herum vergessen?
Armin Mueller-Stahl: Die vier Brahms Sinfonien. Ich habe die Partituren studiert und habe sie von den Berliner Philharmonikern alle der Reihe nach gehört und verinnerlicht. Sie sind mir sehr, sehr nahe. Bis zum heutigen Tage lasse ich alles stehen und liegen, wenn die Brahms Sinfonien im Radio laufen!
Klassik Radio: Gab es ein Stück, das Sie als Geiger immer als Zugabe gespielt haben?
Armin Mueller-Stahl: Das Air auf der G-Saite von Bach war immer meine Zugabe und die spiele ich manchmal jetzt noch, um meine Finger und meinen Kopf fit zu halten.
Klassik Radio: Gab es etwas, das Sie als Musiker immer genervt hat?
Armin Mueller-Stahl: Ja, mich hatte ein bisschen mein Professor Mahlke genervt, der mich privat unterrichtete. Der probierte so gerne mit mir die Spohr‘schen Etüden. Ich wollte aber eigentlich längst die schweren Stücke, die Violinkonzerte, spielen. Und der blieb aber immer bei den Etüden. Das war dann schon nervig.
Klassik Radio: Hören Sie in der Musik den Menschen hinter den Noten?
Armin Mueller-Stahl: Musik klingt ein bisschen wie die Gesichter der Komponisten. Also wer Beethovens Gesicht sieht, und seine Musik hört, sieht da definitiv eine Ähnlichkeit.
Klassik Radio: Sie sind ja nicht nur Schauspieler und Musiker, sondern auch leidenschaftlicher Maler. Verarbeiten Sie in Ihrer Kunst auch Musik?
Armin Mueller-Stahl: Ich fahre gern nach Berlin in die Philharmonie und höre mir die Berliner Philharmoniker an, an die ich mich noch sehr genau erinnere. Damals war Professor Borries Konzertmeister, Professor Dünschede der zweite Konzertmeister – ich sehe sie alle noch vor mir. Neulich haben wir dort Mahlers Siebte Sinfonie gehört. Das ist kein leichtes Werk, aber es wurde grandios gespielt. Solche Erlebnisse nehme ich mit in mein Atelier. Sie werden zu Malereien, gewissermaßen zu übersetzten Musiken.
Klassik Radio: Hat diese tägliche Arbeit im Atelier für Sie auch etwas, das Ihrem Alltag Halt gibt?
Armin Mueller-Stahl: Mit meinen 95 Jahren bin ich dabei, Ordnung in mein Leben zu bringen, und die Malerei ist dabei die Kunst, die ich im Moment am intensivsten ausübe. Mein Tag beginnt so, dass ich morgens um neun in mein Atelier gehe und dort zwei, drei, manchmal sogar vier Stunden male.
Klassik Radio: Gibt es für Sie Parallelen zwischen dem Musik machen und dem Malen?
Armin Mueller-Stahl: Ich finde, Komponieren und Zeichnen haben große Ähnlichkeiten. In der Malerei ist man gewissermaßen frei von festen Harmonien – man muss alles selbst erfinden. Die Freiheit ist dort nahezu grenzenlos. In der Komposition ist das anders: Es gibt Harmonie, Melodie und Rhythmus, also Ordnung und Einteilung. Das ist sehr viel geordneter als die Malerei, in der man die totale Freiheit hat, die ich aber auch genieße.
Klassik Radio: Wenn Sie jetzt auf Ihr Leben zurückschauen: Gab es einen Moment, in dem Sie dachten „Jetzt habe ich alles richtig gemacht“?
Armin Mueller-Stahl: Ich habe mich selten mit innerem Lob für mein Leben befasst. Manchmal habe ich gedacht, einzelne Dinge sind mir gut gelungen. Das nenne ich Flugmomente. Solche Momente gibt es in der Schauspielerei, in der Malerei und auch in der Musik. Es sind Augenblicke, in denen Sie das Gefühl haben, stärker zu sein als die Kollegen, stärker als der Regisseur. Sie fliegen. Sie sind wirklich die Rolle, die Sie spielen. Oder Sie sind ganz das Bild, das Sie malen. Es ist genau das, was Sie sich vorgestellt haben, und es entsteht in diesem Moment. Mehr inneres Lob habe ich mir nicht ausgesprochen – denn Lob kann gefährlich sein.
Die Musik großer Komponisten begleitete Armin Mueller-Stahl ein Leben lang – auch die Werke von Johann Sebastian Bach. Tauchen Sie ein in die Klangwelt des großen Meisterkomponisten im Sender "Best of Bach" auf "Klassik Radio Plus":
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