Jahrhundertfund: Zwei bislang unbekannte Bach-Werke gefunden

Musikalische SensationJahrhundertfund: Zwei bislang unbekannte Bach-Werke gefunden

Dass so etwas im Jahr 2025 noch passiert, wirkt fast unwirklich: Der Komponist, von dem wir dachten, längst jeden Takt zu kennen, bekommt nun zwei bislang völlig unbekannte Stücke zugeschrieben. Nach jahrelanger Recherche konnte das Bach-Archiv Leipzig bestätigen, dass es sich bei zwei unbekannten Orgelwerken um Kompositionen von Johann Sebastian Bach handelt.

Jahrhundertfund Foto: gemeinfrei

Es ist eine Weltsensation: Das Bach-Archiv Leipzig hat nach vielen Jahren Forschung herausgefunden, dass zwei bislang unbekannte vollständige Orgelstücke von Johann Sebastian Bach stammen. Beide Stücke, die Chaconne in d-Moll und die Chaconne in g-Moll, stammen dabei wohl aus den frühen Schaffensjahren des Komponisten, wahrscheinlich aus seiner Arnstädter Zeit, wo er gerade einmal 18 Jahre alt war. Für die Musikwelt ist das ein außergewöhnlicher Fund: Nicht, weil die Werke besonders lang wären – zusammen dauern sie nur rund 14 Minuten –, sondern weil es heute kaum noch möglich scheint, bislang unbekannte Musik dieses Komponisten zu finden. 

Eine Entdeckung, die drei Jahrzehnte gedauert hat

Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs in Leipzig, stieß bereits vor mehr als 30 Jahren in der Königlichen Bibliothek in Brüssel auf ein Konvolut alter Orgelabschriften – unscheinbar, nicht signiert, ohne große Hinweise. Zwei Stücke darin ließen ihn seitdem nicht mehr los. Sie klangen… zu gut, zu eigen, zu Bach. Doch Klangintuition reicht in der Forschung nicht aus. Es brauchte Wasserzeichenanalysen, Stilvergleiche, Kopistenforschung und eine Spur, die sich über Jahrzehnte zog.

Erst als Peter Wollny die Handschrift eines bislang kaum bekannten Musikers identifizieren konnte, fügte sich der jahrzehntelang offene Befund zu einem schlüssigen Bild: Salomon Günther John, der sich 1727 in einer Bewerbung im ostthüringischen Schleiz selbst als Schüler Johann Sebastian Bachs bezeichnet hatte, entpuppte sich als Kopist der entscheidenden Quellen. Mit der nun eindeutig zuordenbaren Handschrift Johns ließ sich schließlich auch die Verbindung zu Bachs Arnstädter Frühzeit herstellen.

Auch stilistisch bestätigte sich der Verdacht: Beide Chaconnen tragen jene kompositorischen Merkmale, die nur im Œuvre des jungen Bach auftreten. Damit verdichteten sich die Indizien so weit, dass Wollny inzwischen von einer Sicherheit von 99,9 Prozent spricht und aus lange unscheinbaren Abschriften zwei mutmaßlich authentische Frühwerke Johann Sebastian Bachs geworden sind.


Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Uraufführung des sensationellen Funds in Leipzig

Der Moment für die Uraufführung hätte kaum symbolträchtiger sein können: Am 17. November 2025 erklangen die beiden Stücke erstmals in der Leipziger Thomaskirche, Bachs jahrzehntelanger Wirkungsstätte. Die Orgel in lila-blaues Licht getaucht, der Kirchenraum bis auf den letzten Platz gefüllt, verfolgten Tausende im Livestream die Jahrhundertsensation live.

Der niederländische Organist Ton Koopman spielte die beiden Chaconnen mit einer Mischung aus Ruhe und Klarheit. Man merkte, wie respektvoll er diesem jungen Bach begegnete, dessen Stil sich schon in diesen beiden Frühwerken andeutet.

Wenn Musik mehr verrät als ihr Name

Die beiden Stücke öffnen einen seltenen Blick auf die Jugend des Komponisten: Auf einen 18-Jährigen, der bereits erstaunlich selbstverständlich mit der Form der Chaconne umging. Die Variationsfolgen sind klar gebaut, überraschend sicher für jemanden, der gerade erst seine Laufbahn begann. Sie tragen einen fast tänzerischen Impuls, ein mitreißendes Grundmuster, das an ihre Herkunft aus lebendigen spanischen Tänzen erinnert. In den Bassbewegungen und den kippenden Harmonien lässt sich schon das erkennen, was später zu Bachs Handschrift wird. Genau darin liegt die Faszination dieses Fundes: Man erkennt den Komponisten nicht am Namen, sondern daran, dass die Musik selbst ihn verrät.

Bach Noten
Foto: KBR - Königliche Bibliothek Belgiens / Bach-Archiv Leipzig Signatur: MS II 3911 MUS (Fétis 2013)

Ein paar Minuten mehr Bach 

Vierzehn Minuten: So lange dauern die beiden Werke zusammen. Und doch fühlt sich das Ereignis größer an. Vielleicht, weil diese Musik eine Lücke füllt, von der wir gar nicht wussten, dass sie existiert. Vielleicht, weil sie uns dem jungen Bach näherbringt. Oder, weil solche Funde uns daran erinnern, dass die Musikgeschichte noch immer Überraschungen bereithält. Und vielleicht steckt genau darin die Schönheit dieser Sensation: Dass wir Bachs Musik ein paar Minuten länger haben, als wir je dachten.


Den ganzen Tag Bach hören? Das können Sie in unserem Sender "Best of Bach" bei "Klassik Radio Plus":

Valeska Baader / 18.11.2025

Erhalten Sie Informationen aus erster HandBestellen Sie den Klassik Radio Newsletter

* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis

Neueste Artikel

Weltklasse-Musik in Roms heiligen Räumen: Ein einzigartiges Erlebnis aus Spitzenmusik und sakraler Schönheit
Festival Pro Musica et Arte SacraFoto: Photo © Musacchio, Pasqualini, Fucilla / MUSA

Festival Internazionale di Musica e Arte Sacra 2026 – präsentiert von Klassik Radio
Weltklasse-Musik in Roms heiligen Räumen: Ein einzigartiges Erlebnis aus Spitzenmusik und sakraler Schönheit

Als offizieller Radiopartner präsentiert Klassik Radio das Festival Internazionale di Musica e Arte Sacra 2026 – eine außergewöhnliche Begegnung von Weltklasse-Musik, sakraler Kunst und Spiritualität an den bedeutendsten Orten Roms.

Ein Rucksack voller Kultur – wie Nürnberg Kindern neue Welten eröffnet
Kinder sitzen in der OperFoto: Generiert mit KI

Ein Rucksack voller Kultur – wie Nürnberg Kindern neue Welten eröffnet

Ein Museum besuchen, Theater erleben oder klassische Musik entdecken: Was für manche Kinder selbstverständlich ist, bleibt für andere eine Ausnahme. Der Nürnberger KulturRucksack bringt Kunst und Kultur in den Schulalltag und ermöglicht Begegnungen, die sonst vielleicht nicht stattfinden würden. Dahinter steht eine einfache Idee: Jedes Kind soll die Chance bekommen, Kultur für sich zu entdecken.

„No Silence ist mein Leben“ – Starpianist Igor Levit über sein neues Musiklabel
Igor Levit PianistFoto: forartists

Interview
„No Silence ist mein Leben“ – Starpianist Igor Levit über sein neues Musiklabel

Igor Levit zählt zu den großen Pianisten unserer Zeit. Bekannt ist er nicht nur für seine Beethoven-Interpretationen und seine außergewöhnlichen Konzertprojekte, sondern auch für sein gesellschaftspolitisches Engagement. Mit seinem neuen Label möchte er eigene musikalische Visionen verwirklichen und Künstlern unabhängig von Alter und Genre eine Plattform bieten. Im Interview verrät er, was hinter der Labelgründung steckt, welche Rolle Kunst und Haltung für ihn spielen und warum „No Silence“ für ihn weit mehr als ein Musiklabel ist.

Klassik Radio - Deutschland nationalKlassik Radio - Deutschland national