Sie gilt als eine der größten Pianistinnen aller Zeiten, gewann die wichtigsten Wettbewerbe der Welt und spielte Generationen von Musikern an die Wand. Doch Martha Argerich wollte nie ein Star sein. Zum 85. Geburtstag der argentinischen Ausnahmekünstlerin blicken wir auf ein Leben zwischen Genie, Zweifel und einer Karriere, die längst Musikgeschichte geschrieben hat.

Es gibt Pianisten, die beeindrucken. Es gibt Pianisten, die begeistern. Und dann gibt es Martha Argerich.
Wer sie einmal erlebt hat, vergisst sie nicht. Diese Mischung aus Wildheit und Präzision, aus Risiko und Selbstverständlichkeit, aus Temperament und Zartheit. Bei ihr klingt selbst das Schwerste oft so, als sei es gerade erst erfunden worden. Als würde die Musik nicht reproduziert, sondern im selben Augenblick geboren.
Heute feiert Martha Argerich ihren 85. Geburtstag. Für viele ist sie längst mehr als eine große Pianistin. Sie ist eine Legende. Eine jener seltenen Künstlerpersönlichkeiten, die eine ganze Epoche prägen.
Ihren Anfang nahm diese einzigartige Karriere in Buenos Aires. Geboren am 5. Juni 1941, spielte sie bereits als Kleinkind Melodien fehlerfrei nach. Mit sieben Jahren trat sie öffentlich mit Beethovens erstem Klavierkonzert auf. Die Erwachsenen sprachen vom Wunderkind. Martha selbst empfand diese Rolle oft als Last.
Später erinnerte sie sich daran, dass sie sich auf der Bühne wie „ein Insekt unter einer Lampe“ gefühlt habe. Ein Satz, der viel über ihr Wesen verrät. Denn während andere die Aufmerksamkeit suchten, versuchte Argerich ihr Zeit ihres Lebens zu entkommen. Noch heute verlässt sie nach Konzerten häufig beinahe fluchtartig die Bühne. Interviews gibt sie selten. Berühmtheit bedeutet ihr nichts. Musik dagegen alles.
Als die Familie Mitte der 1950er Jahre nach Europa zog, begegnete Martha Argerich ihrem wichtigsten frühen Lehrer: Friedrich Gulda. Der exzentrische Wiener Klavierstar war verblüfft. Die Zwölfjährige könne praktisch alles spielen, soll er gesagt haben.
Doch Talent allein macht noch keine Karriere. Anfang der 1960er Jahre verschwand Argerich zeitweise fast vollständig von den Konzertpodien. Die junge Mutter zweifelte an sich, fühlte sich überfordert und dachte zeitweise sogar daran, ein völlig anderes Leben zu führen.
Dann kam Warschau.
1965 gewann sie den Internationalen Chopin-Wettbewerb – einen der bedeutendsten Musikwettbewerbe überhaupt. Von diesem Moment an war sie weltweit bekannt. Doch was das Publikum damals hörte, war etwas Neues. Argerich spielte Chopin nicht einfach nur. Sie erfand ihn mit elektrischer Spannung, mit Feuer und Spontaneität neu. Jede Phrase schien auf Messers Schneide zu stehen. Das Publikum war überwältigt.
Bis heute gilt dieser Wettbewerbssieg als einer der berühmtesten Momente der Klaviergeschichte.

Erstaunlicherweise führte der Ruhm nicht dazu, dass Argerich die klassische Solistenkarriere immer weiter ausbaute. Im Gegenteil.
Je berühmter sie wurde, desto stärker zog es sie zur Kammermusik. Allein auf der Bühne fühlte sie sich oft verloren. Gemeinsam mit Freunden zu musizieren, entsprach viel mehr ihrem Wesen. Besonders die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Mischa Maisky, Gidon Kremer, Nelson Freire oder Daniel Barenboim wurde legendär.
Argerich verstand Musik nie als sportlichen Wettkampf. Für sie war sie Kommunikation. Ein Gespräch ohne Worte. Vielleicht erklärt das auch ihre außergewöhnliche Fähigkeit zuzuhören. Wer ihre Kammermusikaufnahmen kennt, staunt oft darüber, wie aufmerksam sie auf ihre Partner reagiert. Selbst als Weltstar blieb sie eine Musikerin unter Musikern.
Viele junge Künstler verdanken ihr entscheidende Impulse. Seit Jahrzehnten fördert sie Nachwuchstalente, lädt sie zu ihren Festivals ein und stellt sie ins Rampenlicht. Nicht wenige internationale Karrieren begannen mit einer Empfehlung von Martha Argerich.
Wer Martha Argerich verstehen möchte, muss auch ihre Widersprüche akzeptieren.
Da ist die Frau, die auf der Bühne wirkt, als könne sie Berge versetzen, und die gleichzeitig unter massivem Lampenfieber leidet. Da ist die Künstlerin, die weltweit gefeiert wird, aber Öffentlichkeit meidet. Da ist die Mutter von drei Töchtern, die offen über die Schwierigkeiten sprach, Familie und Künstlerleben miteinander zu vereinbaren.
Besonders nahe kam man ihr in dem Dokumentarfilm „Bloody Daughter“, den ihre Tochter Stéphanie Argerich drehte. Der Film zeigt keine unnahbare Ikone, sondern einen Menschen voller Zweifel, Wärme, Humor und Verletzlichkeit. Gerade diese Offenheit machte das Porträt so außergewöhnlich.
Zu den weniger bekannten Kapiteln ihres Lebens gehört auch ihre schwere Krebserkrankung in den 1990er Jahren. Viele fürchteten damals um ihre Zukunft. Doch Argerich kämpfte sich zurück und stand bald wieder auf den großen Bühnen der Welt. Aus dieser Erfahrung scheint sie eine noch größere Gelassenheit gewonnen zu haben.
Es gibt Pianisten mit größerem Repertoire. Pianisten mit mehr Aufnahmen. Pianisten mit stärkerem Drang zur Selbstvermarktung.
Aber kaum jemand besitzt diese einzigartige Mischung aus Instinkt, Fantasie und Freiheit.
Noch heute, mit 85 Jahren, kann Martha Argerich in wenigen Takten mehr Spannung erzeugen als andere in einem ganzen Konzert. Ihre Auftritte sind selten geworden, doch gerade deshalb wirken sie oft wie besondere Ereignisse. Man weiß nie genau, was passieren wird. Und genau darin liegt ihr Zauber.
Vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis ihrer Kunst. Martha Argerich spielt nicht, um perfekt zu sein. Sie spielt, um lebendig zu sein.
Und so bleibt sie auch mit 85 Jahren das, was sie immer war: das scheue Wunderkind, das nie erwachsen geworden ist – und gerade deshalb die Musikwelt bis heute in Staunen versetzt.
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