Der Baumflüsterer: Komponist Graham Fitkin bringt Bäume zum Klingen

Der Baumflüsterer: Komponist Graham Fitkin bringt Bäume zum Klingen

Der Musiker und Komponist Graham Fitkin radelt rund 4000 Kilometer auf den Spuren von Europas Urwäldern, nimmt die Geräusche von Bäumen auf und verwandelt sie in einzigartige Konzerte. Am Samstag kommt er mit seinem Projekt "Treeline" in die Rotunde in die Tonhalle in Düsseldorf. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, u.a. welche Klänge Bäume erzeugen, warum es ihm so wichtig ist, mit dem Rad zu fahren und warum jeder Baum anders klingt.

Graham Fitkin hört einen Baum abFoto: Ruth Wall

Wenn Graham Fitkin am Samstag mit "Treeline" in der Rotunde der Tonhalle Düsseldorf gastiert, hat er bereits um die 2500 Kilometer mit dem Fahrrad hinter sich. Weitere 1500 Kilometer liegen dann noch vor ihm. Der Komponist, Pianist und Dirigent radelt auf den Spuren der europäischen Urwälder insgesamt durch 10 europäische Länder. Gestartet ist er in Rumänien, sein Ziel liegt in England. Die Tonhalle ist dabei Station 13 von insgesamt 20 Orten, an denen er Halt macht und ein Konzert gibt. Dabei ist jedes Konzert anders, denn es werden jedes Mal die Geräusche eines Baumes verwendet, der vor Ort besonders oder besonders alt ist.

Doch welche Geräusche macht ein Baum eigentlich, abgesehen vielleicht vom Rauschen der Blätter?

Graham Fitkin: Bäume erzeugen eine Vielzahl von Klängen, genauso wie viele andere Lebewesen im Wald. Das Offensichtlichste sind vielleicht Spechte, die auf Baumstämme klopfen. Aber wir verwenden auch Mikrofone, die in den Stamm eingeführt werden. Damit lassen sich zum Beispiel Insekten im Inneren des Baumes hören, aber auch Flüssigkeit, die durch den Baum auf- und abfließt. Dabei entstehen kleine Knack- und Ploppgeräusche.

Klassik Radio: Klingen verschiedene Baumarten anders bzw. macht es einen Unterschied, wo sie stehen?

Graham Fitkin: Ja, auf jeden Fall. Im Winter hört man aus einem Baum nur sehr wenig, weil er sich in einer Ruhephase befindet. Im Sommer dagegen – besonders an heißen Tagen (...) – gibt es viel mehr zu hören. Das macht eigentlich einen größeren Unterschied, als der, ob es eine Esche oder eine Eiche ist.

Ein wichtiger Vorgang ist die Verdunstung: Über die Unterseite der Blätter geben Bäume Wasser an die Luft ab. Dadurch entsteht im Baum ein Sog, der Wasser aus dem Boden durch den Stamm nach oben zieht. Mit speziellen Mikrofonen kann man diesen Wassertransport tatsächlich hören. Genau solche Klänge fließen auch in meine musikalische Arbeit ein.

Klassik Radio: A propos: wie sind Sie eigentlich auf die Idee für "Treeline" gekommen?

Graham Fitkin: Ich interessiere mich schon seit langer Zeit für Bäume und inzwischen immer mehr für Urwälder, denn Urwälder sind außergewöhnliche Ökosysteme. Ihre Wirkung reicht weit über den Wald selbst hinaus. Sie beeinflussen uns alle und unser Leben – sogar das Leben von Menschen, die tausende Kilometer entfernt wohnen.

Leider verlieren wir diese Urwälder immer mehr. Jeder kennt den Amazonas-Regenwald und weiß, dass wir ihn schützen sollten. Aber es geht nicht nur um den Amazonas. Weltweit werden Wälder zerstört. Sie sind von unschätzbarem Wert für die Artenvielfalt und spielen eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Klimawandel. Sie beeinflussen sowohl das Mikroklima als auch das globale Klima. Wer mit dem Fahrrad durch einen Wald fährt, merkt sofort, wie viel kühler es dort ist.

Außerdem stehen Bäume miteinander in Verbindung – über ihre Wurzeln und die Netzwerke im Boden. Dieses Projekt verbindet deshalb Menschen mit ihrer Umwelt und Menschen mit anderen Menschen, Gemeinschaften mit anderen Gemeinschaften. In gewisser Weise bilden Bäume ein soziales Netzwerk untereinander, und genau das versucht dieses Projekt auch zwischen den Menschen zu schaffen.

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Klassik Radio: Dabei fahren Sie ganz bewusst mit dem Fahrrad von Konzert zu Konzert, immer auf den Spuren der europäischen Urwälder. Warum?

Graham Fitkin: Dieses Projekt handelt von Verbindungen – zwischen Orten, zwischen Menschen und ihrer Umwelt und auch zwischen Ländern, über Grenzen hinweg. Deshalb ist es mir wichtig, mich selbst mit den Orten zu verbinden, durch die ich reise. Normalerweise würden mein Team und ich einfach mit dem Auto fahren. Aber auf dem Fahrrad erlebt man die Landschaft ganz anders.

Man riecht die Düfte der Umgebung, hört die Geräusche, fährt direkt durch Wälder und nimmt ihre Atmosphäre intensiv wahr. Man riecht die Bäume, den Wald und alles, was dazugehört. Dazu gehören nicht nur angenehme Gerüche, sondern auch die weniger angenehmen. All das ist Teil der Reise.

Außerdem hat man viel mehr Zeit, mit den Menschen und den Orten in Kontakt zu kommen. Es gab Momente, in denen plötzlich frische Bärenspuren direkt vor mir lagen – das kann durchaus beängstigend sein. Man hört manchmal Schüsse aus der Ferne oder den gewaltigen Chor unzähliger Vögel. All diese Erfahrungen hätte man in eine Blechkiste auf dem Autobahn nicht.

Klassik Radio: Doch 4000 Kilometer sind eine große körperliche Herausforderung. Wie gehen Sie damit um? Vor allem bei großer Hitze wie letzte Woche?

Graham Fitkin: Ich bin morgens immer sehr früh gestartet - gegen sechs Uhr, wenn ich früher losgekommen bin, früher. Dann war es noch kühler. Der schwierigste Teil des Tages ist bei Hitze immer der Nachmittag, besonders zwischen etwa 13 und 17 Uhr. Ich muss genug Wasser und ausreichend Essen dabeihaben und gut auf mich achten. Natürlich könnte ich versuchen, schneller zu fahren, aber das wäre nicht klug. Ich muss mein eigenes Tempo finden und zum Beispiel den kühlenden Fahrtwind auf Abfahrten nutzen.

Klassik Radio: Gibt es etwas, dass Sie auf Ihrer Reise bisher besonders beeindruckt hat oder Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Graham Fitkin: Ja. Besonders faszinierend sind die alten Bäume entlang der Strecke. Viele von ihnen haben eine unglaubliche Geschichte erlebt. Manche sind mehrere hundert Jahre alt. Sie haben Kriege überstanden, standen schon dort, bevor es Elektrizität gab, lange bevor das Internet existierte. Sie stammen aus einer völlig anderen Zeit und leben trotzdem noch heute unter uns.

Oft stehen solche alten Bäume heute allein, weil alle anderen Bäume um sie herum längst gefällt wurden. Dadurch wird jeder einzelne Baum zu einem besonderen Zeitzeugen.

Erst vor Kurzem war ich außerhalb von Dresden bei einer etwa 700 oder 800 Jahre alten Linde. Unter diesem Baum wurde musiziert, Menschen haben dort geheiratet, und für die Menschen der Umgebung ist dieser Baum bis heute etwas ganz Besonderes. Das ist ein schönes Beispiel – und natürlich könnte ich noch viele weitere erzählen.

Klassik Radio: Und wie sieht es mit den Menschen aus? Wie hat Ihr Publikum bisher auf dieses besondere Konzertformat reagiert?

Graham Fitkin: Sie waren wirklich wunderbar. Das Publikum war überall sehr herzlich. Das Schöne an diesem Projekt ist, dass kein Konzert dem anderen gleicht. Es ist keine standardisierte Musikveranstaltung. Jeder Aufführungsort ist anders. Manchmal spiele ich in einer Kirche, einmal bin ich in einer alten Glasfabrik gewesen. Ich habe bereits in Rathäusern und an vielen anderen Orten gespielt. Jeder Ort besitzt seinen eigenen Charakter – manche sind klein, andere groß. Genau das macht das Projekt so besonders. Jede einzelne Aufführung hat ihren eigenen, einzigartigen Charakter, genauso wie jeder einzelne Baum seinen ganz eigenen Charakter besitzt.

In Deutschland gibt es noch zwei Mal die Möglichkeit, das Projekt "Treeline" zu hören: am 4. Juli 2026 in Düsseldorf und am 6. Juli 2026 in Köln. Danach geht es über die Niederlande nach Großbritannien.


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Klara Jäger / 02.07.2026

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