Die Nachricht sorgt in der Musikwelt für Aufsehen: Die Metropolitan Opera in New York steht vor ihrer größten finanziellen Herausforderung seit ihrer Gründung. Sparprogramme, weniger Produktionen und schmerzhafte Entscheidungen geben Grund zur Sorge. Wie konnte es so weit kommen – und warum steht trotz allem mehr auf dem Spiel als nur ein Spielplan?

Wenn Oper in Amerika ein Herz hat, dann schlägt es seit über 140 Jahren an der Upper West Side von Manhattan. Die Metropolitan Opera – für viele schlicht die Met – war nie ein Haus für die elitäre Nische der Klassik-Aficionados. Sie war ein Versprechen: dass große Musik allen gehören kann.
Heute steht diese Institution vor ihrer wohl schwersten Krise: Sparprogramme, ein ausgedünnter Spielplan, fragwürdige Deals. Und doch wäre es zu kurz gegriffen, nur von Zahlen und Defiziten zu sprechen. Denn die Geschichte der Met ist vor allem eine Geschichte von Menschen, Stimmen und Momenten, die Generationen geprägt haben.
Gegründet 1883, wurde die Metropolitan Opera rasch zur wichtigsten Opernbühne der westlichen Hemisphäre. Wer hier sang, war angekommen. Enrico Caruso machte von dieser Bühne aus ganz Amerika mit Oper vertraut. Maria Callas elektrisierte das Publikum mit einer Intensität, die bis heute Maßstäbe setzt. Luciano Pavarotti, Plácido Domingo, Birgit Nilsson, Renata Tebaldi, Jonas Kaufmann – sie alle trugen dazu bei, dass die Met zu einem Ort kulturhistorischer Relevanz wurde. Mehr noch, hier wurde musikalische Weltgeschichte geschrieben.

Besonders prägend waren die legendären Radioübertragungen, die 1931 begannen. Samstag für Samstag versammelten sich Familien im ganzen Land vor dem Radio. Oper wurde Wohnzimmererlebnis. Eben nicht elitär, sondern nahbar. Für viele war die Met der erste Kontakt mit der Oper – ein Erlebnis, das ein Leben lang bleiben sollte.
Unter Intendant Rudolf Bing setzte die Met auch Zeichen über die Bühne hinaus. 1955 engagierte er Marian Anderson und brach damit bewusst die Rassentrennung im Opernbetrieb. Leontyne Prices Debüt wenige Jahre später wurde zu einem der bewegendsten Abende der Operngeschichte – mit minutenlangen Ovationen. Die Met zeigte, dass große Kunst universell ist und Grenzen überwinden kann.
1966 zog das Haus ins neu errichtete Lincoln Center. Die hohen Bögen, das weite Foyer, die Offenheit zur Stadt hin – all das sollte zeigen: Musik gehört mitten ins öffentliche Leben, ist ein Teil von uns allen.
Wer das Opernhaus betritt, blickt unweigerlich auf zwei monumentale Wandgemälde von Marc Chagall: „The Triumph of Music“ und „The Sources of Music“. Sie entstanden im Jahr 1966 eigens zur Eröffnung des Hauses.
Chagall ließ Mozart über Manhattan schweben, Figuren aus der „Zauberflöte“ tanzen durch Farbe und Licht. Musik wird hier als verbindende Kraft dargestellt, als etwas, das Zeit, Ort und Menschen zusammenführt. Selbst der damalige Intendant Rudolf Bing ist verewigt – mit einer Mandoline, mitten im Geschehen.
Dass diese Gemälde heute als mögliche finanzielle Rettungsanker diskutiert werden, zeigt, wie existentiell die Krise tatsächlich ist. Und zugleich, wie sehr Kunst und Identität an der Met miteinander verwoben sind.

Die Ursachen für diese Rezession sind vielfältig: Die Corona-Pandemie traf die Met besonders hart. Der Spielbetrieb kam monatelang zum Erliegen, Einnahmen brachen weg. Das Orchester wurde aufgelöst, viele Spitzenmusiker verließen das Haus. Sponsoren zogen sich zurück. Gleichzeitig hatte sich der Opernbetrieb bereits zuvor verändert: steigende Produktionskosten, hohe Ticketpreise und ein Publikum, das sich nach Corona nur langsam wieder an den Besuch großer Häuser gewöhnt.
Hinzu kommt eine strukturelle Besonderheit der USA: Kulturinstitutionen sind hier weit stärker von privaten Spenden abhängig als in Europa. Öffentliche Förderung ist begrenzt. In Krisenzeiten wird diese Abhängigkeit zur Schwachstelle.
Um das Überleben zu sichern, musste die Met drastisch sparen: Stellenabbau, Gehaltskürzungen in der Führungsebene, ein reduzierter Spielplan. Parallel sucht man nach neuen Einnahmequellen – etwa durch Gastspiele, Kooperationen oder die Vermietung des Hauses für andere Formate.
Auch ein umstrittener Deal mit Saudi-Arabien sollte finanzielle Stabilität bringen, ist derzeit jedoch unsicher. Intendant Peter Gelb betont dennoch, dass alle Maßnahmen einem Ziel dienen: die Met als lebendiges Opernhaus zu erhalten.
Trotz allem bleibt die Met ein Symbol mit enormer Strahlkraft. Sie hat ein weltweites Publikum, eine starke Marke und eine Historie, die Musikliebhaber über alle Grenzen und Kulturen hinweg emotional berührt. Gerade deshalb beobachtet die ganze (Kultur-)Welt die momentanen Entwicklungen mit Sorge – aber auch mit Solidarität.
Die Vergangenheit zeigt: Die Met hat Krisen überstanden, sich immer wieder neu erfunden und Wege gefunden, relevant zu bleiben. Neue Publikumsformate, Übertragungen, internationale Kooperationen – all das bietet Chancen, Oper auch künftig offen und zugänglich zu halten.
Vielleicht bietet diese Krise auch eine Chance: die Rückbesinnung auf das, was die Met schon immer ausgezeichnet hat. Große Musik, erzählt für viele. Mit Leidenschaft, Mut und dem festen Glauben daran, dass Kunst mehr ist als ein Luxus.
Denn eines ist sicher: Eine Welt ohne die Metropolitan Opera wäre eine ärmere.
Die großen Stimmen der Operngeschichte hören Sie in unserem Klassik Radio Plus-Stream „Best of Oper“ – mit ausgewählten Arien und Stücken zum Entspannen und Genießen.
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