Dating ohne App, dafür mit klassischer Musik: In Berlin wagt ein Klassik-Duo das Experiment und macht Liebeslieder zum Ausgangspunkt neuer Dating-Begegnungen. Während sonst digital gewischt und gematcht wird, setzt dieses Format auf das, was wirklich verbindet: Gemeinsame Hörerlebnisse, persönliche Gespräche – und die Chance, sich jenseits digitaler Algorithmen näherzukommen.

Ein Liederabend. Ein Glas Crémant. Und die leise Hoffnung, dass zwischen Schumann und Weill nicht nur Applaus entsteht, sondern vielleicht auch ein Blick, der länger bleibt als ein Takt. Mit „Vom Eise befreit“ wagt die Mezzosopranistin Dorothe Ingenfeld gemeinsam mit Pianist Markus Zugehör ein Experiment, das fast revolutionär wirkt: Ein Dating-Format für Menschen, die klassische Musik lieben – und genug haben vom Wischen nach links oder rechts. Statt Profiltexten gibt es hier echte Gespräche. Statt Algorithmen, Liebeslieder!
Die Idee entstand beinahe zufällig. Nach einem Liederabend über Sehnsucht und Fernweh im vergangenen Sommer, kam bei den beiden Musikern der Gedanke auf, die emotionalen Themen der Musik weiterzudenken. „Wir fanden die Idee einfach wunderbar, dass die Menschen bei einem solchen Abend nicht nur wunderbare Musik genießen können, sondern gleichzeitig auch andere Menschen treffen, die klassische Musik ebenso lieben und sich auf diese Weise vielleicht kennenlernen“, erzählt Dorothe Ingenfeld im Interview mit Klassik Radio Redakteurin Valeska Baader. Aus einer Laune wurde ein Konzept. Und aus dem Konzept ein Klassik-Dating-Abend, der nun erstmals am 15. Februar in Berlin stattfinden soll.
Das Publikum: Kulturaffine Singles zwischen 45 und 65 Jahren. Der Ablauf ist bewusst locker gehalten. Man kommt an, stößt gemeinsam an, setzt sich an kleine Tische und hört sich gemeinsam klassische Liebeslieder an. Zwischen den Liedgruppen gibt es Gesprächsimpulse, Platzwechsel, kleine Ermutigungen, ins Gespräch zu kommen. Keine Stoppuhr, kein erzwungenes Rotationsprinzip – eher ein musikalischer Fluss, der Begegnungen ermöglicht. „Es soll etwas Spielerisches haben“, erzählt Ingenfeld. Sie selbst versteht sich an diesem Abend ein wenig als Amor – aber ohne Pfeil und Bogen. Wer sich nicht traut, jemanden anzusprechen, darf auf ihre diskrete Unterstützung hoffen. Aktiv verkuppelt wird nicht. Doch ein bisschen Vermittlung? Durchaus möglich.
Gemeinsame Musikerlebnisse verbinden, davon ist die Berlinerin überzeugt, oft schneller und tiefer als jeder Smalltalk. Lieder seien etwas zutiefst Persönliches, etwas Poetisches. „Ich glaube, sie berühren etwas ganz Ursprüngliches, etwas sehr Liebevolles in uns.“ Wer sich von derselben Melodie anrühren lässt, bewegt sich bereits in einem gemeinsamen Resonanzraum – verbunden durch ein Gefühl, das sich kaum in Worte fassen lässt.
Im Programm stehen Liebeslieder von Robert Schumann, Reynaldo Hahn oder Kurt Weill – mal zart, mal heiter, mal mit einem Augenzwinkern. Einige Stücke schaffen sofort eine besondere Stimmung. „Wir haben auf jeden Fall ein paar Lieder, die einen in so eine lustvolle Stimmung bringen“, sagt Ingenfeld und lacht. Es sind diese musikalischen Momente, die eine Atmosphäre erzeugen, in der Gespräche leichter fallen.
Der Konzertname „Vom Eise befreit“ ist dabei mehr als eine hübsche Anspielung. Er entstand aus einer Mischung aus Goethe-Zitat, Winterstimmung und Berliner Ironie. Für Ingenfeld passte er einfach: Als Bild für das Auftauen nach einer langen, vielleicht auch einsamen Zeit. Für das vorsichtige Hinaustreten aus der Kälte – hinein in etwas Neues. Vielleicht liegt genau darin der Kern dieses Abends: Dass Musik eine gemeinsame Ebene schafft, ein verbindendes Gefühl – hinaus aus der Einsamkeit. Entsprechend konkret ist Ingenfelds Einladung: „Wenn Sie klassische Musik mögen, alleinstehend sind und Lust haben, jemanden kennenzulernen – dann ist das an diesem Abend ganz unkompliziert möglich.“ Mit einem Augenzwinkern ergänzt sie: „Im Moment haben wir einen Frauenüberschuss, da freuen wir uns natürlich noch über Männer, die dazustoßen möchten.“ Also, liebe Herren – vielleicht ist das Ihre ganz persönliche Ouvertüre zu etwas Neuem. Anmeldeschluss ist am Freitag, der 13. Februar – vielleicht genau der Freitag, der Sie zu neuem Glück führt?
Berlin ist dabei nur der Auftakt. „Wir wollen mit dem Konzept auch nach Köln, München oder in andere Städte gehen“, wie Ingenfeld weitererzählt. Die Vision dahinter: Deutschlandweit Räume zu schaffen, in denen Musik Menschen zusammenführt. Denn, wo Musik verbindet, ist der erste Schritt schon gemacht. Und vielleicht taut dabei nicht nur der Winter, sondern auch so manches Herz ein wenig auf.
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