Oper für ALLE am Staatstheater Augsburg

Oper für ALLE am Staatstheater Augsburg

Das Staatstheater Augsburg möchte auch Blinde und Sehbehinderte am Opernerlebnis teilhaben lassen und bietet dafür einige Extras.

Oper „Eugen Onegin“ am Staatstheater AugsburgFoto: Foto: Jan-Pieter Fuhr

Vorher auf Tuchfühlung gehen

Oper ist ein Genuss für Ohren und Augen - eigentlich! Denn wer sehbehindert oder blind ist, bekommt natürlich nur wenig mit, von der Handlung und der Gestaltung des Bühnenbilds. Doch das muss nicht sein. Das Staatstheater Augsburg bietet bei speziellen Vorstellungen Extraservices für Blinde und Sehbehinderte an. So z.B. eine vorherige Tasteinführung auf der Bühne, erklärt David Ortmann, Teamleiter Schauspiel und leitender Regisseur. „Das heißt, man kann z.B. mit den Requisiten oder mit bestimmten Kostümen auf Tuchfühlung gehen. Wir erzählen, worum es im Stück geht und zeigen aber auch Requisiten und die Kostümteile, die man sich mit Beschreibungen ertasten, erfüllen oder auch erriechen kann. Wir haben oft auch ein Bühnenmodell mit dabei, wo man dann mit den Fingern quasi die Treppen entlang gehen kann und so weiter, um ein bisschen einen Eindruck zu bekommen, wie auch die räumliche Situation im Theater ist.“ Diese vorherige Ertastung des Bühnenbilds hilft später bei der Vorstellung enorm: „Wenn man so ein Bühnenmodell ertastet, dann kann man eben mit den Fingern, z.B. die Treppen abtasten, die vielleicht das Bühnenbild nach oben führen. Dann spürt man vielleicht ein Geländer, man fühlt z.B. die Textur einer Mauer und man sieht eben auch mit den Fingern, wie sich Dinge im Raum befinden:  also rechts ist vielleicht ein Wirtshaus, links weitere Häuser und in der Mitte ist ein großer freier Platz, wo dann wieder viele Szenen stattfinden. Und wenn man das einmal erfühlt hat, dann melden uns die Menschen zurück, dass das später in den Beschreibungen hilft, wenn z.B. gesagt wird, links oben steht jetzt eine Theaterfigur, in der Mitte kommt der Opernchor zusammen. Dass man so viel einschätzen kann, wie eben Relationen und Beziehungen im Raum sich zueinander verhalten.“ 

Parallele Audiodeskription

Denn auch während der Aufführung gibt es Hilfestellung zur räumlichen Vorstellung - mittels Audiodeskription, die über einen Einohrkopfhörer parallel zur Handlung auf der Bühne übertragen wird. Diese wurde zuvor bei Proben und über Videoaufnahmen Stück für Stück von einem Autorenteam erarbeitet, dass sich aus einer blinden und einer sehenden Redakteurin zusammensetzt. "Manchmal gibt es ja musikalische Zwischenspiele, Pausen in den Dialogen oder Umbauten, aber eben auch einfach kurze Momente von Stille und da schneiden sie dann rein. Manchmal nur mit einem Wort: das gesagt wird welche Figur gerade spricht, manchmal mit einer längeren Passage, wer gerade von wo nach wo geht oder was für ein Requisit er in der Hand hat, das überreicht wird. Immer mit der Frage: Was ist für eine Person, die wenig oder nicht sieht, jetzt gerade eine fehlende Information, die man noch nachreichen muss.“ Doch wie ist das, stört die Audiodeskription nicht den Musikgenuss? „Es gibt immer wieder Passagen, wo die Musik auch frei steht und natürlich gerade auch der Gesang frei steht. Zudem hat man ja zwei Ohren, das heißt, das Publikum hört sowohl die Beschreibung auf dem einen Ohr, als auch die Livemusik auf dem anderen und das mischt sich eigentlich ganz schön, sodass man sowohl einen Musikgenuss hat als auch eine informative Beschreibung“, erklärt David Ortmann. 

Auch bei einigen Vorführungen von Eugen Onegin wird Audiodeskription und vorherige Tasteinführung angeboten: 

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Musiktheater besonders geeignet

Bei der Auswahl der Stücke versucht man dabei in den letzten Jahren vermehrt, die Frage auch in die Community zu stellen und direkt zu fragen, welche Werke gewünscht werden. Doch natürlich gibt es auch Aspekte, die bei der Realisierung beachtet werden müssen, erklärt David Ortmann: „Also  z. B. eine Ballettvorstellung zu beschreiben, also eine Vorstellung, bei der nur Musik gespielt wird und es keine Textebene lautsprachlicher Art gibt,  da gab es bisher aus der Community, aber auch von unseren Autorinnen den Hinweis, dass das wahrscheinlich nicht gut funktioniert. Insofern konzentrieren wir uns mittlerweile auf Schauspiel und vor allem aber das Musiktheater, weil da eben instrumentale Zwischenspiele sind, wo man dann auch Informationen und Texte dazwischen schalten kann.“ 

Große Nachfrage

Das Feedback jedenfalls ist groß - das sehende und nicht-sehende Publikum ist gleichermaßen begeistert. Mittlerweile kommen auch Besucher aus Nürnberg, Ingolstadt und München, um am Staatstheater Augsburg inklusiv Kultur erleben zu können. „Ich glaube, dass viele Theater denken: Wir haben Rollstuhlplätze und vielleicht Rabatt für Menschen mit Schwerbehindertenausweis und das ist doch eigentlich alles! (…) Ich höre von anderen Theatern auch, das oft gesagt wird: Naja, aber die blinden Menschen kommen doch eh nicht ins Theater, was wollen denn gehörlose Menschen in der Oper! Doch wir stellen eben ganz im Gegenteil fest, dass es ein ganz großes Interesse gibt und diese Menschen einfach nur deshalb nicht in die Theater kommen, weil sie sich nicht eingeladen fühlen und da versuchen wir gerade einfach besser zu werden“, meint der leitende Regisseur. Das Staatstheater Augsburg geht jedenfalls mit gutem Beispiel voran und gibt regelmäßige Aufführungen mit Audio-Deskription, pro Spielzeit gibt es mehrere Produktionen. Nächste Gelegenheit: Morgen, bei der Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“. Alle Infos auf der Website des Staatstheaters Augsburg

Klara Jäger / 06.02.2024

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