Eine Boa bekommt die Hauptrolle, fünf Hunde müssen als Ensemble harmonieren und Pferde hören wochenlang Mozart – zumindest fast. Hinter den Kulissen großer Opernhäuser werden Tiere gecastet, trainiert und auf ihre Bühnenkarriere vorbereitet. Willkommen in einer Welt, in der nicht nur Sopranisten um den großen Auftritt kämpfen, sondern auch Schlangen, Esel und Elefanten.

Stellen Sie sich ein Casting vor, bei dem die Kandidatinnen weder eine Arie schmettern noch ihren Lebenslauf vorlegen müssen. Stattdessen werden sie hochgehoben, dürfen sich um einen Körper winden und müssen beweisen, dass sie sich von grellem Licht und fremden Menschen nicht aus der Ruhe bringen lassen. Willkommen beim Schlangen-Casting an der Metropolitan Opera in New York!
Im September 2026 berichtete die Nachrichtenagentur Associated Press von einer ungewöhnlichen Besetzungsentscheidung für Mozarts "Così fan tutte". Die Oper spielt in einer neuen Fassung in einem Jahrmarkt auf Coney Island in den 1950er-Jahren. Mitten im Geschehen: eine Schlangenbeschwörerin – und ihr lebendes Requisit.
Die Darstellerin Zoe Ziegfeld, die selbst als Jahrmarktperformerin gearbeitet hat, prüfte mehrere Schlangen auf ihre Bühnentauglichkeit. Den Zuschlag erhielt Princess, eine auffällig gelblich-pfirsichfarbene Boa constrictor. Sie war größer als die Konkurrenz und machte deshalb auf der Bühne optisch mehr her. Die etwas kleinere braune Boa Nala wurde als Zweitbesetzung vorgesehen.Doch es ging nicht nur um die Optik. Ziegfeld erklärte gegenüber AP: „Die Darstellerin muss wissen, dass sich das Tier mit Menschen und dem geplanten Ablauf wohlfühlt."
Die Pointe dieser tierischen Castinggeschichte: Ziegfeld betonte, dass die Probephase nicht Princess' Fähigkeiten infrage stelle, sondern auch die eigene Kraft auf die Probe stelle. Schließlich ist eine Boa kein Accessoire, das man nach der Vorstellung in die Garderobe hängt.
Wer glaubt, bei einem Operncasting gehe es immer um Charisma, Ausdruck und eine gewisse dramatische Präsenz, hat die Rechnung ohne die Pferde gemacht. Bei ihnen kann ausgerechnet Langeweile eine erstklassige Qualifikation sein.
Das zeigt eine Reportage des New Yorker aus dem Jahr 1996 über Franco Zeffirellis Inszenierung von Georges Bizets "Carmen" an der Metropolitan Opera. Hinter der Bühne warteten damals zwei Esel, zwei Pferde und drei Hunde auf ihren Auftritt. Im Verlauf der Produktion kamen weitere Pferde hinzu – insgesamt wurde die Schluss-Szene zu einer ziemlich beeindruckenden Reitparade.
Zwei der Pferde, Sargeant und Bach, waren zum ersten Mal in einer Oper dabei. Sie wurden als spanische Militärpferde besetzt, weil sie ein ruhiges Temperament hatten und gut aussahen. Ihr Betreuer Paul Novograd brachte die Anforderungen mit einer herrlich trockenen Formulierung auf den Punkt: Die Tiere seien „boring in a good way“ – langweilig auf die gute Art.
Man muss sich das vorstellen: Während auf der Bühne Eifersucht, Leidenschaft und tödliches Drama toben, ist das Ideal für die vierbeinigen Darsteller, dass sie sich von all dem möglichst wenig beeindrucken lassen. Kein nervöses Schnauben im falschen Moment, kein spontaner Ausflug ins Orchestergraben-Abenteuer, keine improvisierte Flucht vor dem Chor.
Und auch die Logistik hatte ihre Tücken. Die Pferde mussten durch einen langen Korridor ins Opernhaus gebracht werden, dessen roter Teppich sorgfältig mit braunem Papier abgedeckt war. Der Grund war wenig glamourös: Der Chor war ausgesprochen empfindlich gegenüber Pferdeäpfeln.
Oper ist eben die Kunst, selbst die banalsten Dinge in eine große Inszenierung einzubauen – und dabei den Stallgeruch möglichst draußen zu lassen.

Bei Richard Strauss' "Der Rosenkavalier" darf man sich auf große Gefühle, gesellschaftliche Verwicklungen und musikalischen Glanz freuen. In der besprochenen Produktion der Metropolitan Opera gab es noch eine weitere Attraktion: fünf Hunde, die ihren Auftritt ebenfalls ernst nahmen.Die Besetzung bestand aus zwei Barsois, zwei Afghanischen Windhunden und einem Shetland Sheepdog.
Klingt nach einem ziemlich exklusiven Hundespaziergang? War es auch – nur mit Kostümen, präzisen Einsätzen und einem Publikum, das für gewöhnlich eher auf die Sängerinnen und Sänger schaut.
Im offiziellen Videotranskript der Met berichtet Tierexpertin Nancy Novograd, dass die Hunde miteinander auskommen mussten. Sie sollten gemeinsam in einem begrenzten Bereich warten, auf die Bühne gehen und an der Leine ordentlich laufen. Ein Hund, als alleiniger Star, reicht schließlich nicht, wenn er im Ensemble ständig Streit anfängt.
Auch die Optik spielte eine Rolle. Die Afghanischen Windhunde und Barsois brachten die gewünschte elegante Erscheinung mit. Ein weißer Hund musste besonders sauber sein, damit sein Fell unter dem Bühnenlicht gut aussah. Die Vorbereitungen umfassten also Bäder, Bürsten und ausgedehnte Fellpflege.
Und dann wäre da noch die Sache mit der Motivation. Novograd beschrieb, wie sehr die Hunde die Aufmerksamkeit der Darstellerinnen und Darsteller genossen. Streicheleinheiten und freundliche Begegnungen seien positive Verstärkung. Für die Tiere ist der Opernauftritt damit nicht bloß ein Job, sondern auch eine Gelegenheit, Zeit mit ihren Menschen zu verbringen.
Das dürfte so manchen menschlichen Bühnenstar neidisch machen: Die Hunde bekommen Komplimente, Zuwendung und Aufmerksamkeit – und müssen dafür nicht einmal eine Arie auswendig lernen.
Wer bei "Carmen" schon von einer Pferdeparade beeindruckt ist, sollte einen Blick auf Giuseppe Verdis "Aida" werfen. Die Oper steht für monumentale Bühnenbilder, Triumphzüge und große historische Tableaus. Und in manchen Inszenierungen gehörten lebende Tiere tatsächlich zum Spektakel: Pferde, Kamele und sogar Elefanten.
Die Metropolitan Opera beschreibt in ihrem pädagogischen Begleitmaterial zu Aida, dass das Werk in einer langen Aufführungstradition für seine monumentale Ausstattung und die lebenden Tiere auf der Bühne bekannt ist.
Das wirft eine naheliegende Frage auf: Wie castet man eigentlich einen Elefanten für eine Oper? Ein Blick auf die dokumentierten Beispiele zeigt vor allem, wie entscheidend die Zusammenarbeit mit erfahrenen Tierbetreuern ist. Ein Tier muss zur Inszenierung passen, sich sicher bewegen lassen und mit einer Umgebung zurechtkommen, die für es alles andere als alltäglich ist.
Hier wird aus dem Casting schnell eine logistische Meisterleistung. Denn ein Elefant ist nicht einfach ein Requisit, das man vor dem Auftritt aus dem Lager holt. Er braucht Platz, fachkundige Betreuung und eine Umgebung, in der sein Wohlergehen gewährleistet werden kann. Und natürlich muss die Produktion dafür sorgen, dass das Tier und alle Beteiligten sicher sind.
Allerdings gilt: Nicht jede "Aida"-Produktion setzt echte Tiere ein. Moderne Inszenierungen nutzen auch Projektionen, Animationen und andere Bühnentechniken. Die lebenden Elefanten gehören zu einer spektakulären Tradition – nicht zu einer zwingenden Voraussetzung für die Oper.
Und dann ist da noch Wanda. Sie ist eine Eselin, die in Puccinis "La Bohème" an der Metropolitan Opera auftritt und einen Wagen durch die geschäftige Weihnachtsszene zieht. Ihr tierischer Kollege Max, ein Pferd, gehört ebenfalls zur Produktion.
Im Oktober 2026 widmete der New Yorker Wanda eine eigene Reportage. Darin wird deutlich, dass ein ruhiges Tier mit Bühnenerfahrung für eine solche Produktion Gold wert ist. Schließlich muss Wanda ihre Aufgabe erledigen, während um sie herum Menschen auftreten, Kulissen bewegt werden und die Musik den Raum erfüllt.
Der Artikel zeichnet das Bild einer tierischen Darstellerin, deren Gelassenheit Teil ihres Erfolgs ist. Während andere auf der Bühne um die Aufmerksamkeit des Publikums kämpfen, zieht Wanda ihren Wagen – zuverlässig und unaufgeregt.
Das ist vielleicht die schönste Pointe dieser Geschichten: Nicht jedes Tier muss spektakuläre Kunststücke beherrschen. Manchmal besteht die große Leistung darin, inmitten des Operntrubels einfach ein guter Esel zu sein.

Die Geschichten zeigen, dass tierische Bühnenstars nach ganz eigenen Kriterien ausgewählt werden. Größe und Farbe können eine Rolle spielen, ebenso wie das Temperament. Bei mehreren Tieren kommt es darauf an, dass sie miteinander harmonieren. Und ein Tier muss mit den besonderen Anforderungen einer Bühne zurechtkommen können.Die wichtigste Voraussetzung ist aber, dass das Tier sicher und möglichst stressarm eingesetzt werden kann. Ein spektakulärer Auftritt ist wenig wert, wenn er das Tier überfordert. Verantwortungsvolle Produktionen brauchen daher erfahrene Betreuung, eine passende Umgebung und Abläufe, die sich an den Bedürfnissen des Tieres orientieren.
Das Casting ist also durchaus ernst zu nehmen – selbst wenn die Vorstellung, dass eine Schlange um eine Opernrolle konkurriert, erst einmal komisch klingt.
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Die Oper ist ein Ort großer Gefühle, dramatischer Wendungen und musikalischer Höchstleistungen. Dass dort auch Schlangen, Hunde, Esel und Pferde auftreten, macht sie nur noch faszinierender. Hinter jeder tierischen Rolle steckt eine eigene Geschichte: von der Auswahl über das Training bis zum Moment, in dem das Tier im Scheinwerferlicht erscheint.
Princess, Wanda und die fünf Hunde aus "Der Rosenkavalier" zeigen, dass Bühnenpräsenz viele Formen annehmen kann. Und manchmal ist der eigentliche Star eben nicht die Primadonna, sondern die Boa, die sich völlig unbeeindruckt um den Arm ihrer menschlichen Kollegin windet.
Man darf gespannt sein, welches Tier als Nächstes zum Vorsingen eingeladen wird. Vielleicht ein Papagei für Mozart? Ein Lama für Wagner? Oder ein besonders ausdrucksstarker Esel, der endlich seine eigene Arie bekommt?
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