So komplex sind unsere Sprachen

LinguistikSo komplex sind unsere Sprachen

In einer Studie des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim wurde die Komplexität der Sprachen unserer Welt herausgestellt. 

7.000 Sprachen weltweit Foto: Adobe Stock

In der modernen Sprachwissenschaft wurde lange angenommen, dass alle Sprachen ungefähr die gleiche Komplexität aufweisen. Diese Theorie, auch als "equi-complexity hypothesis" bekannt, besagt, dass es eine Art Ausgleich zwischen den verschiedenen sprachlichen Ebenen gibt. Wenn eine Sprache zum Beispiel in der Wortstellung im Satz sehr eingeschränkt ist, kann dies durch reichere Wortbildungsmittel ausgeglichen werden. Unter Betrachtung sehr vieler Sprachen sollte dies dazu führen, dass die generelle Komplexität einer einzigen Sprache nicht besonders stark von anderen Sprachen abweicht.

Um dies zu überprüfen, ist es erforderlich, die "allgemeine Komplexität" einer Sprache zu messen, was bisher unklar war. Alexander Koplenig, Sascha Wolfer und Peter Meyer vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) nähern sich dieser Frage in ihrer Studie, die in Nature Scientific Reports veröffentlicht wurde, aus einer informationstheoretischen Perspektive. Sie gehen davon aus, dass die sprachliche Komplexität durch eine Art "Sprachspiel" gemessen werden kann.

Die Forscher des IDS nutzen die Idee, dass Menschen durch ihre lebenslange Exposition gegenüber Sprache in der Lage sind, in den meisten Fällen ziemlich gut vorherzusagen, welches Wort oder welcher Buchstabe als nächstes kommt. Sie füttern einen Computer mit großen Mengen an Textmaterial, damit dieser die statistischen Gesetzmäßigkeiten von Sprachen "lernen" kann, um dieses Vorhersagespiel möglichst gut spielen zu können. Die Leistung der Maschine am Ende des Lernprozesses ist ein Maß für die Komplexität des sprachlichen Materials, das dem Computer vorgelegt wurden.

Die Forscherinnen und Forscher haben 41 mehrsprachige Textsammlungen untersucht. Insgesamt umfassen die Textsammlungen über 6500 Dokumente in über 2000 Sprachen, die von mehr als 90% der Weltbevölkerung gesprochen werden. Die Studie zeigt, dass Sprachen, die von mehr Menschen als Muttersprache gesprochen werden, komplexer sind als Sprachen, die von weniger Menschen gesprochen werden. Dies gilt nicht nur innerhalb sehr "großer" Sprachen wie Mandarin, Englisch oder Deutsch, sondern lässt sich auf alle untersuchten Sprachen verallgemeinern. Auch ist der Effekt nicht auf bestimmte Sprachfamilien oder Schreibsysteme beschränkt.

Die Ursache dieses Effekts ist noch weitgehend unklar, aber erste Beobachtungen zeigen.

Erhalten Sie Informationen aus erster HandBestellen Sie den Klassik Radio Newsletter

* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis

Neueste Artikel

Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann über Neurodermitis, Klima und neue Hoffnung für Patienten
Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann

Experten-Interview
Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann über Neurodermitis, Klima und neue Hoffnung für Patienten

Viele Menschen mit Neurodermitis suchen seit Jahren nach echter Hilfe gegen Juckreiz und entzündete Haut. Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann erklärt im Interview, warum es heute neue Ansätze und berechtigte Hoffnung für Betroffene gibt. Hier können Sie das Interview nachhören.

Warum Ihre Tomaten Bach lieben
Musik im Garten

Musik im Garten
Warum Ihre Tomaten Bach lieben

In der Toskana läuft seit zehn Jahren ein Experiment: Forscher der Universität Florenz lassen Weinreben Mozart und Vivaldi hören – mit eindeutigem Ergebnis: Die Trauben schmecken besser, die Reben tragen mehr Laub. Was bei Pflanzen funktioniert, wirkt erst recht beim Menschen: Musik senkt den Blutdruck, reduziert Stress und macht Ihren Garten zu einem Ort, an dem Entspannung gedeihen kann. Wir zeigen Ihnen, wie es geht!

Sensationsfund in College-Archiv: Unbekanntes Werk von Vaughan Williams entdeckt
Ausschnitt Before the Mirror

Sensationsfund in College-Archiv: Unbekanntes Werk von Vaughan Williams entdeckt

Fast sieben Jahrzehnte nach dem Tod von Ralph Vaughan Williams sorgt ein spektakulärer Archivfund in London für Aufsehen: Ein bislang unbekanntes Lied des britischen Komponisten ist im Morley College aufgetaucht. Das Manuskript eröffnet nicht nur einen seltenen Blick auf die frühen Jahre Vaughan Williams’, sondern erinnert auch daran, dass selbst die Musikgeschichte noch Überraschungen bereithält.

Klassik Radio - Deutschland nationalKlassik Radio - Deutschland national