Startenor Plácido Domingo - Lichtgestalt mit Schattenseiten

Zum 85. Geburtstag der Klassik-LegendeStartenor Plácido Domingo - Lichtgestalt mit Schattenseiten

Er ist eine der prägendsten Stimmen des 20. Jahrhunderts, ein Star weit über die Grenzen der Oper hinaus. Mit den Drei Tenören schrieb Plácido Domingo Musikgeschichte und machte klassische Musik zu einem globalen Massenereignis. Doch sein Lebenswerk ist nicht frei von Schatten. Zum 85. Geburtstag blicken wir eine Karriere zwischen Triumph, Verantwortung und der schwierigen Frage, wie weit sich Kunst und Künstler trennen lassen.

Plácido DomingoFoto: Ruben Martin

Plácido Domingo gehört zu den wenigen Künstlern, deren Name auch jenseits der klassischen Musik eine unmittelbare Wirkung entfaltet. Über Jahrzehnte hinweg stand er für eine unvergleichliche Stimme, für musikalische Intelligenz und eine beinahe unerschöpfliche Präsenz auf den Opernbühnen dieser Welt. Am 21. Januar feiert Domingo seinen 85. Geburtstag – ein Anlass, der gleichermaßen zur Würdigung wie zur kritischen Rückschau zwingt.

Musik ist alles: monumental, romantisch, tragisch, erotisch, fröhlich, melancholisch, religiös, lebensbejahend, was Sie wollen. Musik erfüllt jeden Wunsch.

Plácido Domingo

Geboren 1941 in Madrid, aufgewachsen in Mexiko, war Domingo früh von Musik umgeben. Seine Eltern betrieben eine Zarzuela-Compagnie, diese ganz besondere spanische Operette, und noch bevor er international Karriere machte, lernte er den Opernbetrieb von Grund auf kennen. Was folgte, ist eine der außergewöhnlichsten Laufbahnen der Musikgeschichte: über 150 Opernrollen, mehr als 4.000 Auftritte, Engagements an allen großen Häusern – von der Metropolitan Opera über die Wiener Staatsoper bis zur Mailänder Scala. Domingo war nie nur Sänger. Er war Musiker, Dirigent, Intendant, Organisator.

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Seinen Platz im kollektiven Gedächtnis sicherte er sich endgültig als Teil der Drei Tenöre. Gemeinsam mit Luciano Pavarotti und José Carreras verwandelte er die Oper in ein weltweites Pop-Phänomen. Das Konzert zur Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Rom erreichte ein Milliardenpublikum – ein kulturelles Ereignis, dessen Dimension sich heute problemlos mit den größten Pop-Tourneen vergleichen lässt. Domingo verstand früh, dass Popularität kein Verrat an der Kunst sein muss, sondern ihr neue Räume eröffnen kann.

Dabei blieb sein Engagement nicht auf die Bühne beschränkt. Immer wieder setzte sich Domingo für wohltätige Zwecke ein, organisierte Benefizkonzerte, sammelte Spenden nach Naturkatastrophen - wie etwa nach dem großen Erdbeben von Mexika Stadt im Jahr 1985 - und unterstützte musikalische Bildungsprojekte. Er nutzte seine Bekanntheit, um Aufmerksamkeit zu schaffen – für Musik ebenso wie für gesellschaftliche Verantwortung.

Domingo als Dirigent bei einem Benefizkonzert in Mexiko-Stadt
Foto: ProtoplasmaKid/CC BY-SA 4.0
Domingo als Dirigent bei einem Benefizkonzert in Mexiko-Stadt im Jahr 2015

Doch das Bild des unangefochtenen Idols bekam spätestens 2019 Risse: Mehrere Frauen erhoben Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Domingo. Die Anschuldigungen führten zu seinem Rücktritt als Generaldirektor der Los Angeles Opera und zu einem tiefen Einschnitt in seine öffentliche Wahrnehmung. In einer späteren Untersuchung konnten einige Vorwürfe nicht bestätigt werden; Domingo selbst erklärte dennoch, er habe erkannt, dass sein Verhalten Menschen verletzt habe, und bat öffentlich um Entschuldigung. Die Debatte aber blieb – und sie bleibt berechtigt.

Denn sie berührt eine zentrale Frage unserer Zeit: Wie gehen wir mit dem Erbe großer Künstler um, wenn ihr Verhalten außerhalb der Bühne problematisch wird? Domingos Lebenswerk ist unbestritten, seine Bedeutung für die Oper enorm. Gleichzeitig lässt sich seine Karriere nicht mehr erzählen, ohne auch die Verantwortung zu benennen, die mit Macht, Ruhm und Einfluss einhergeht.

Wer glaubt, ganz oben zu sein, ist schon auf dem Weg nach unten.

Plácido Domingo

Zum 85. Geburtstag steht Plácido Domingo damit für beides: für eine künstlerische Leistung von historischer Dimension – und für die Notwendigkeit, diese Leistung kritisch einzuordnen. Vielleicht liegt gerade darin der zeitgemäße Blick auf große Karrieren: nicht im unkritischen Feiern, aber auch nicht im Vergessen, sondern im bewussten Aushalten von Widersprüchen. Die Operngeschichte wäre ohne Domingo eine andere. Die Debatten unserer Gegenwart wären es auch.


Holger Hermannsen / 19.01.2026

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