Unsichtbare Töne, große Gefühle: Wieso Filmmusik uns in ihren Bann zieht

FilmmusikUnsichtbare Töne, große Gefühle: Wieso Filmmusik uns in ihren Bann zieht

Filmmusik ist viel mehr als bloßes Beiwerk, sie ist der geheime Erzähler, der unsere Emotionen lenkt - oft ohne, dass wir es merken. Forschungen zeigen, wie gezielt eingesetzte Musik uns schaudern, lachen und weinen lässt und jede Filmszene lebendig macht. Warum das so ist? Das erfahren Sie hier.

Kino EmotionenFoto: ©[Daria Lukoiko]/stock.adobe.com

Filmmusik, so scheint es, besitzt diese wundersame Fähigkeit, tief in uns eine Art "Gefühlsknopf" zu drücken, den wir selbst kaum erreichen könnten. Ein einfaches Streichen der Saiten, das Anschwellen eines Orchesters, und plötzlich – wir fühlen mit fiktiven Charakteren, spüren ihre Emotionen, als wären es die eigenen. Wir sind gerührt, ängsltich oder wütend. Ein Verdanken dieser Erfahrung haben wir dabei nicht zuletzt einem speziellen Konzept: Annabel J. Cohens "Congruence-Associationist Model."

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Vollendete Emotionen

Cohen selbst, eine Pionierin auf dem Gebiet, schrieb in einem Artikel im Psychology of Music, dass Filmmusik keineswegs nur ein Anhängsel der Handlung sei – sie ist oft der unsichtbare Katalysator für das, was wir im Film fühlen. Nach ihrer Auffassung ist die Musik, so banal es klingen mag, der geheime Erzähler. Sie gibt Töne und Farben hinzu, die wir selbst kaum bewusst wahrnehmen, und erzeugt Emotionen, die durch die Bilder allein nicht denkbar wären. Das "Congruence-Associationist Model" beschreibt diese Effekte auf erstaunlich präzise Weise: Musik und Bild vereinen sich so, dass das eine vom anderen quasi aufsaugt, was ihm fehlt, und beide kreieren gemeinsam eine vollendete emotionale Erfahrung (Quelle: Cohen, Annabel J. “Music as a source of emotion in film”).

Ein simples Beispiel: Der Held steht vor einem Abgrund, in Gedanken verloren. Stille. Doch dann beginnt das Horn zu dröhnen, und eine leise, wummernde Trommel setzt ein. In diesem Moment fällt die Entscheidung: Wir sind keine distanzierten Beobachter mehr. Die Musik zieht uns hinein in das Innere der Szene, bis wir das den Schlag der Trommel als eigenes Herzklopfen empfinden.

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Musik - unser Gefühlskompass

Warum nun funktioniert das alles so perfekt? Das Congruence-Associationist Model besagt, dass Musik und Bild eine Art heimliches Einvernehmen miteinander schließen. Es ist, als würden sie sich gegenseitig zulächeln und ein stilles Abkommen treffen, das für uns, die Zuschauer, das volle emotionale Paket liefert. Musik ist hier nicht nur Beiwerk, sondern Mitspieler. Sie gibt uns die Hinweise, die der Film ohne Worte hinterlassen will, und lenkt so unseren emotionalen Kompass.

Doch was passiert, wenn die Musik plötzlich nicht das tut, was das Bild von uns erwartet? Dann, sagt Cohen, kommt das Überraschungsmoment ins Spiel. Unsere Gefühle stolpern – wortwörtlich, weil der Film unser Vertrauen in etablierte Erzählweisen nutzt, um uns zu überrumpeln. Wenn die Musik lauter wird, dann erwarten wir ein Unheil; wenn sie unerklärlich heiter ist, während der Held in Not gerät, entsteht ein faszinierender Widerspruch – ein Trick, den Cohen analysierte und erklärte. Es ist fast, als ob die Musik plötzlich eine andere, geheime Geschichte erzählen würde, die wir intuitiv zu entschlüsseln versuchen.

Schlussendlich lehrt uns Cohens Theorie, dass Filmmusik weit mehr als Hintergrundrauschen ist. Sie ist die wohl wichtigste Stimme im Raum, die uns zuweilen zuflüstert und dann wieder anschreit, die die Atmosphäre trägt und uns – oft unbemerkt – durch das Dickicht der Gefühle navigiert.

Banner_mobile_Hall of Fame der FilmmusikFoto: ©[flashmovie]/[Space Priest]/AboutLife/stock.adobe.com

Erhalten Sie Informationen aus erster HandBestellen Sie den Klassik Radio Newsletter

* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis

Neueste Artikel

Wiederentdeckt – aber wie hat es wirklich geklungen? Das Rätsel verlorener Musik
Ein Musikwissenschaftler mit Lupe untersucht ein Notenblatt

Wiederentdeckt – aber wie hat es wirklich geklungen? Das Rätsel verlorener Musik

Was passiert eigentlich, wenn ein lange vergessenes Musikstück plötzlich wieder auftaucht? Man könnte meinen: einfach spielen und hören, wie es klingt. Doch so einfach ist es nicht. Denn überliefert sind meist nur die Noten, nicht die Art der Aufführung. Eine aktuelle Studie zeigt, warum genau das dazu führt, dass ein Werk heute ganz unterschiedlich interpretiert werden kann – und wie Musiker und Forscher versuchen, der ursprünglichen Idee dennoch näherzukommen.

Mit Laufschuhen auf die Bühne: Wiener Symphoniker treten mit Marathonläufern auf
Wiener Symphoniker x Marathon

Mit Laufschuhen auf die Bühne: Wiener Symphoniker treten mit Marathonläufern auf

Erst ein Auftritt im Musikverein, dann 42,195 Kilometer durch Wien: Beim Marathonkonzert der Wiener Symphoniker verschwimmen die Grenzen zwischen Konzertsaal und Laufstrecke – denn auf der Bühne sitzen nicht nur die Profis, sondern auch die Läufer selbst.

Klassik Radio Plus – Ihre Auszeit vom Alltag mit entspannter Musik
Kleine Auszeit im Alltag mit Musik von Klassik Radio Plus

Wenn die Welt zu laut wird
Klassik Radio Plus – Ihre Auszeit vom Alltag mit entspannter Musik

Die Nachrichtenlage ist angespannt, der Alltag voll, alles wird teurer – aber Sie müssen nicht rund um die Uhr im Alarmmodus sein. Mit Klassik Radio Plus gönnen Sie sich bewusste Pausen mit entspannender, beruhigender Musik, die Ihren Kopf frei macht. Testen Sie Klassik Radio Plus jetzt 7 Tage kostenlos.

Klassik Radio - Deutschland nationalKlassik Radio - Deutschland national