Die Klang des Jahres: Wie die Jahreszeiten unseren Musikgeschmack prägen

Die Klang des Jahres: Wie die Jahreszeiten unseren Musikgeschmack prägen

Haben Sie sich je gefragt, warum eine Melodie, die im Winter Trost spendet, im Sommer plötzlich deplatziert wirkt? Unser Musikgeschmack ist so wandelbar wie die Natur selbst. Das bestätigt inzwischen auch die Wissenschaft: Wir wählen Musik nicht nur nach Gefühl – wir gestalten mit ihr aktiv mit, wie wir eine Jahreszeit erleben. Begleiten Sie uns auf eine Reise durch den Klang der vier Jahreszeiten.

Frau Kopfhörer SonnigFoto: @pixelshot/canva

Es ist ein vertrautes Gefühl: Die Tage werden länger, die ersten Sonnenstrahlen wärmen die Haut, und plötzlich fühlen sich die Stücke, die uns durch den Winter getragen haben, zu schwer und melancholisch an. Wir sehnen uns nach leichteren, beschwingteren Klängen. Dieses Phänomen ist kein Zufall.

Tageslicht als heimlicher Taktgeber

Dass dieses Empfinden einem erstaunlich präzisen Muster folgt, zeigte 2019 eine vielbeachtete Studie der Cornell University. Die Forscher werteten 765 Millionen Wiedergaben von einer Million Musik-Streaming-Nutzern in 51 Ländern aus und fanden einen klaren Zusammenhang zwischen Jahreszeit und musikalischer Intensität: In der kalten Jahreszeit bevorzugen Menschen entspannte, ruhige Klänge, in der warmen Jahreszeit hingegen energiegeladenere, tanzbarere Musik. Als stärkster Einflussfaktor erwies sich dabei nicht die Temperatur, sondern die reine Tageslänge – ein Effekt, der zum Äquator hin messbar schwächer wird.

Die Studie hat unsere Stimmung nicht direkt gemessen, sondern unsere Hörpräferenzen. Zusammen mit früheren Erkenntnissen zu Stimmungsmustern in Textnachrichten deuten die Ergebnisse aber darauf hin, dass unsere Musikwahl die Stimmung nicht nur widerspiegelt, sondern auch aktiv mitformt. Wir hören also nicht nur, was wir fühlen – wir hören mitunter auch, was wir fühlen möchten.


Frühling: der musikalische Aufbruch

Frühere Untersuchungen zeigten bereits eine klare Präferenz für energetischere Musik im Frühling, was sich mit der Cornell-Studie deckt: Mit den länger werdenden Tagen steigt die Vorliebe für beschwingtere Klänge spürbar an. Eine Bristoler Studie, die über 800 Millionen britische Tweets über vier Jahre hinweg auswertete, fand einen ähnlichen Effekt für unsere kollektive Stimmung: Positive Emotionen schwanken über das Jahr stärker als negative und reagieren besonders empfindlich auf die zurückkehrende Sonneneinstrahlung. Der Frühling ist damit nicht nur meteorologisch, sondern auch akustisch ein echter Neubeginn.


Sommer: wenn das Wetter die Hits schreibt

Im Sommer, wenn sich das Leben nach draußen verlagert, greifen wir laut der Cornell-Studie besonders deutlich zu positiven, energiegeladenen Klängen. Dass dieser Zusammenhang sogar den kommerziellen Erfolg von Musik beeinflussen kann, zeigte 2023 eine Studie unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik. Die Analyse von über 23.000 Songs aus den britischen Charts zwischen 1953 und 2019 ergab: Warme, sonnige Tage korrelierten mit dem Erfolg tanzbarer, positiver Songs. Dieser Effekt zeigte sich jedoch vor allem bei ohnehin populären Titeln in den Top 10. Das Wetter kann einem Song also eher den letzten Schub an die Chartspitze geben, als ihn allein bekannt zu machen. Wichtig ist hierbei: Die Forscher betonen, dass es sich um eine Korrelation handelt – ein ursächlicher Zusammenhang ließ sich nicht nachweisen.

Sommer Klassik (Aktuelles)
Klassik Radio Plus Sender "Sommer Klassik" mit einem Lavendel-Feld bei Sonnenuntergang.Foto: smallredgirl/stock.adobe.com
Summer Lounge (NL)
Sender Summer Lounge mit Person in HängematteFoto: estradaanton/stock.adobe.com
Sunny Jazz (Jazz Day)
Klassik Radio Plus Sender "Sunny Jazz" mit einer Trompete  in der Sonne auf einem FelsenFoto: Ezume Images/stock.adobe.com


Herbst: die Rückkehr zur leiseren Klangfarbe

Wenn die Tage kürzer werden, kehrt sich das Muster der Cornell-Studie um: Die Vorliebe verschiebt sich zurück zu ruhigeren, introspektiveren Klängen. Wie unmittelbar der Musikgeschmack sogar auf das Tageswetter reagiert, zeigte bereits 2017 das „Climatune“-Projekt: An sonnigen Tagen wird fröhlichere, energiegeladenere Musik gestreamt, während bei Regen ruhigere, akustischere Stücke dominieren. Besonders im Herbst, wenn sich sonnige und trübe Tage abwechseln, dürfte dieser tagesaktuelle Effekt zusätzlich zum saisonalen Grundmuster zum Tragen kommen – ein doppelter Grund für die introspektivere Klangfarbe dieser Jahreszeit.

Golden Lounge Autumn
Klassik Radio Plus Sender "Autumn Lounge" mit einem Herbstwald im HintergrundFoto: Pasko Maksim/stock.adobe.com
Herbststimmung
Klassik Radio Plus Sender „Herbststimmung“ mit zwei Herbstblättern im See. Foto: BrandwayArt/stock.adobe.com
Klassik Melancholie
Klassik MelancholieFoto: Adobe Stock
Filmmusik Melancholie (Aktuelles)
Sender Filmmusik Melancholie mit einem Mann auf einem Steg am Wasser bei SonnenuntergangFoto: Gerhard Wanzenböck/stock.adobe.com


Winter: Ruhe als bewusste Wahl

Für die grauen Tage und die stille Winterzeit bestätigt sich das saisonale Muster ein letztes Mal: Kürzeste Tageslänge, ruhigste Musik. Passend dazu fand auch die Bristoler Twitter-Studie, dass positive Stimmung im Winter ihren Tiefpunkt erreicht – ein Effekt, der eng mit der geringeren Sonneneinstrahlung zusammenhängt. Musik wird in dieser Zeit weniger zum Antrieb als zum Rückzugsort. Statt Energie zu liefern, schafft sie einen ruhigen Klangraum, in dem sich die kürzeren, dunkleren Tage besser aushalten lassen.


Letztlich ist Musik unser unsichtbarer Kompass durch das Jahr. Sie hilft uns nicht nur, die jeweilige Jahreszeit zu untermalen, sondern sie aktiv mitzugestalten. Wer also das nächste Mal bemerkt, dass die gewohnten Stücke nicht mehr zur Stimmung passen, folgt einem universellen Muster – und hat die wunderbare Möglichkeit, mit dem passenden Klang gezielt gegenzusteuern.

Sofia Kapchieva / 25.08.2026

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