Von Liebe, Wut und Eifersucht: Wie Hector Berlioz (fast) zum Doppelmörder wurde

Von Liebe, Wut und Eifersucht: Wie Hector Berlioz (fast) zum Doppelmörder wurde

Es klingt wie der Auftakt eines Kriminalromans: Ein junger Komponist, erfüllt von Liebesqual und Eifersucht, reist mit zwei Pistolen im Gepäck quer durch Europa nach Paris – entschlossen, ein Drama zu erzwingen. Doch was Hector Berlioz 1831 in jener Nacht erleben sollte, entschied nicht nur über sein Leben, sondern auch über seine musikalische Karriere.

Alte PistoleFoto: OceanProd/stock.adobe.com

Als Hector Berlioz 1831 in Italien weilte, hatte er den ersten großen Triumph seines Lebens hinter sich: den Gewinn des begehrten Prix de Rome. Doch seine Gedanken kreisten nicht um Kunst, Ruhm oder Zukunftspläne. In seinem Inneren tobte etwas anderes – die unglückliche Liebe zu Harriet Smithson, jener Schauspielerin, deren Auftritt als Ophelia sein innerstes erschüttert und ihn zu seiner „Symphonie fantastique“ inspiriert hatte.

Eines Tages erreichten ihn Gerüchte, Harriet wolle einen anderen Mann heiraten. Für Berlioz, ohnehin empfänglich für extreme Gefühle und melodramatische Fantasien, brach eine Welt zusammen. Er schrieb atemlose Briefe, rang mit sich selbst und stürzte schließlich in einen emotionalen Strudel, wie er ihn später in seiner Musik unsterblich machte.

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Ein fataler Entschluss

In den folgenden Stunden verlor der 27-Jährige jedes Maß. Er schrieb fieberhaft, packte seine Koffer, besorgte sich zwei Pistolen und plante, noch am selben Tag nach Paris zurückzukehren. Nicht etwa um ein Gespräch zu suchen. Sondern um ein Drama zu erzwingen, wie es einem romantischen Melodram hätte entspringen können.

Später wird er selbst in seinen Memoiren zugeben, dass er in jenen Stunden „nicht Herr seiner Gedanken“ gewesen sei. Dass die Wut ihn führte, nicht die Vernunft.

Der gefeierte Komponist, der mit seiner „Symphonie fantastique“ gerade erst ein Werk über Obsession, Liebesqual und imaginären Mord veröffentlicht hatte, war im Begriff, Fiktion und Wirklichkeit gefährlich zu vermischen.

Schauspielerin Harriet Smithson
Foto: Gemeinfrei
Grund für den emotionalen Ausbruch: Schauspielerin Harriet Smithson (Gemälde von George Clint)

Rückkehr nach Paris

Als Berlioz nach einer strapaziösen Fahrt in Paris ankam, wartete er voller fiebriger Spannung auf den Moment, an dem er Harriet gegenübertreten würde. Doch etwas Seltsames geschah: Die Stadt, die er so gut kannte, wirkte plötzlich wie ein Spiegel seiner eigenen Unruhe. Er irrte durch Straßen, die ihm vertraut waren und in denen er sich dennoch verloren fühlte.

Mit jedem Schritt schien die Wut ein wenig zu verblassen. Die Vernunft kehrte zurück, gefolgt von Scham, Nachdenklichkeit. Statt Harriet aufzusuchen, streifte er stundenlang durch Paris, bis die Nacht ihn beruhigte und die ersten Strahlen des Morgens einen klareren Kopf brachten.


Die schönsten Werke dieser Epoche können Sie natürlich bei Klassik Radio Plus genießen: "Best of Romantik" - die großen Komponisten der Romantik in einem Sender von Schumann, Berlioz bis hin zu Mahler und Wagner. Jetzt reinhören.

Best of Romantik


Der Wendepunkt

Schließlich kehrte Berlioz in seine Wohnung zurück, erschöpft, aber wach geworden. Er erkannte, wie nah er daran gewesen war, alles zu verlieren: seine Zukunft, seine Kunst, sich selbst.

Er stand am Rand eines Abgrunds und drehte im letzten Moment um.

Und er tat das, was er immer tat, wenn das Leben ihn zu überwältigen drohte: Er komponierte. Aus der Dramatik dieses Tages ging ein neuer Schaffensdrang hervor, der ihn zu einigen seiner bedeutendsten Werke führte. Die Kunst wurde sein Anker, seine Ordnung. Die Pistolen derweil blieben unbenutzt und Harriet die er später tatsächlich ehelichen sollte - erfuhr nie von seinem Vorhaben.

Junger Hector Berlioz
Foto: Gemeinfrei
Der junge Hector Berlioz (Gemälde von Émile Signol, 1832)

Das (gute) Ende

Der Tag, an dem Berlioz fast alles zerstört hätte, wurde zum Wendepunkt seines Lebens. Ein Moment, in dem die Leidenschaft ihn fast überrollte, in dem die Romantik hätte zur Tragödie werden können. Doch Berlioz entschied sich anders.

Für die Musik. Für die Vernunft. Für ein Leben, das noch so viele fantastische Werke hervorbringen sollte.

Heute, 222 Jahre nach seiner Geburt, liest sich diese Episode wie das düstere Kapitel eines romantischen Romans, das sich doch noch zum Guten wendet. Weil ein junger Künstler, überwältigt von Gefühl und Schmerz, rechtzeitig stehen blieb. Und weil aus genau diesem Innehalten jene Kraft erwuchs, die seine Musik bis heute unverwechselbar macht.

Holger Hermannsen / 10.12.2025

Erhalten Sie Informationen aus erster HandBestellen Sie den Klassik Radio Newsletter

* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis

Neueste Artikel

Neues Dating-Format für Klassik-Fans: Wie Musik der Liebe auf die Sprünge hilft
Klassik-Dating

Neues Dating-Format für Klassik-Fans: Wie Musik der Liebe auf die Sprünge hilft

Dating ohne App, dafür mit klassischer Musik: In Berlin wagt ein Klassik-Duo das Experiment und macht Liebeslieder zum Ausgangspunkt neuer Dating-Begegnungen. Während sonst digital gewischt und gematcht wird, setzt dieses Format auf das, was wirklich verbindet: Gemeinsame Hörerlebnisse, persönliche Gespräche – und die Chance, sich jenseits digitaler Algorithmen näherzukommen.

Masken, Melodien, Menschenmengen – Wie der venezianische Karneval die Oper erfand
Zwei kostümierte Frauen am Karneval in Venedig

Masken, Melodien, Menschenmengen – Wie der venezianische Karneval die Oper erfand

Von funkelnden Masken über laute Kanäle bis zu prunkvollen Opernhäusern: Im Venedig des 17. Jahrhunderts verschmolzen Feierlust und Kunst zu einem neuen Kulturerlebnis, das die Musikgeschichte revolutionierte. Der Karneval wurde zur Geburtsstätte der Oper – ein Spektakel für Zehntausende, die aus ganz Europa in die Lagunenstadt strömten.

„Ich spiele nicht die Musik, sondern die Musik spielt mich“ – Rüdiger MENG komponiert in Echtzeit
Rüdiger Meng am Klavier

MENG - The Art Of LiveComposition
„Ich spiele nicht die Musik, sondern die Musik spielt mich“ – Rüdiger MENG komponiert in Echtzeit

Wenn er sich ans Klavier setzt, ist alles möglich. Rüdiger MENG komponiert live auf der Bühne – ohne Netz, ohne doppelten Boden. Damit hat er schon Musiklegenden wie Quincy Jones, Phil Collins oder Simply Red beeindruckt. Im Interview mit Klassik Radio-Redakteurin Farah Losch erzählt er, warum diese Form der Live-Komposition für ihn die höchste Disziplin ist – und ein klares Statement gegen KI und durchgeplante Shows.

Klassik Radio - Deutschland nationalKlassik Radio - Deutschland national