Sekunden vor dem großen Moment kippt die Stimmung. Der Saal ist gefüllt, die Erwartung greifbar, der Abend verspricht Magie. Und dann geschieht das Undenkbare: Die wichtigste Stimme fällt aus. Enttäuschung liegt in der Luft. Doch manchmal zeigt sich genau dann, wozu Oper wirklich fähig ist. Diese drei wahren Geschichten erzählen von Mut, Improvisation und von Abenden, die das Publikum nie vergessen wird.

Das Licht im Zuschauerraum ist bereits gedimmt. Programmhefte rascheln, letzte Gespräche verstummen. Die Uhr zeigt wenige Minuten nach Beginn. Unruhe breitet sich aus. Füße scharren, jemand hustet, ein Blick auf die Uhr, dann noch einer. Ein Raunen geht durch die Reihen. Schließlich die Durchsage. Der Star des Abends ist ausgefallen. Für einen Moment scheint alles verloren. Doch was nun folgt, ist Oper in ihrer dramatischsten Form.
Ein fast ausverkauftes Haus, Mozarts "Hochzeit des Figaro" auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper. Der Abend am 28. Januar 2026 verläuft zunächst ganz normal. Bis zur Pause. Danach kommt die Nachricht, mit der niemand gerechnet hat: Adriana González, die Gräfin Almaviva, hat ihre Stimme verloren.
Die berühmte Arie „Dove sono i bei momenti“ bleibt ungesungen. Zunächst der Versuch, weiterzumachen. Doch nach einer weiteren Szene ist klar: Es geht nicht mehr. Die Vorstellung steht vor dem Abbruch. Im Publikum wächst die Sorge, auch der Ärger. Kartenpreise von mehreren hundert Euro stehen im Raum.
Dann die glückliche Wendung. Hanna Elisabeth Müller, die Premierenbesetzung der Gräfin, hält sich zufällig für Proben in Wien auf. Ein Taxi bringt sie in kürzester Zeit zur Oper. Sie singt zunächst aus dem Orchestergraben, während Adriana González auf der Bühne bleibt, spielt, reagiert und die Lippen bewegt. Wenig später steht Müller selbst in Kostüm auf der Bühne.
Am Ende stehen beide Sängerinnen gemeinsam vor dem Vorhang. Hand in Hand. Der Applaus ist tosend. Aus einer Krise ist ein Opernabend geworden, von dem man noch lange sprechen wird.
Premierenabend von Mozarts "Don Giovanni" am Opernhaus Chemnitz. Alles läuft nach Plan, bis zum Ende des ersten Aktes. Dann bricht Johann Kalvelage, der Leporello des Abends, gesundheitlich angeschlagen zusammen. Ein Notarzteinsatz, der Sänger wird ins Krankenhaus gebracht. Die Premiere droht zu scheitern.
Doch im Publikum sitzt an diesem Abend Markus Marquardt, Bassbariton der Semperoper Dresden. Er kennt die Rolle, hat sie bereits gesungen. Ohne Zögern springt er ein und übernimmt den Part vom Zuschauerraum aus.
Auf der Bühne übernimmt Regieassistentin Antonia Bär den szenischen Part. Sie spielt Leporello mit Ruhe und Präsenz, während Marquardt singt. Zwei Menschen, die sich vorher nicht abgesprochen haben, tragen gemeinsam die Aufführung zu Ende.
Das Publikum dankt es mit langem Applaus. Der erkrankte Sänger befindet sich bald darauf auf dem Weg der Besserung. Die Premiere ist gerettet, dank Zufall, Können und Mut.
Nürnberg, November 2019. Die letzte Vorstellung von Verdis "Don Carlos" soll beginnen. Der Hauptdarsteller ist krank. Ersatz ist organisiert, doch zu kurzfristig, um die Inszenierung zu proben.
Die Lösung ist ungewöhnlich und einzigartig. Intendant Jens Daniel Herzog, zugleich Regisseur der Produktion, übernimmt den szenischen Part auf der Bühne. Der kurzfristig eingesprungene Tenor Hovhannes Ayvazyan singt vom Bühnenrand aus.
Eine zusätzliche Herausforderung kommt hinzu. Ayvazyan kennt nur die italienische Fassung, gespielt wird die französische. Don Carlos singt also Italienisch, alle anderen Französisch. Das Publikum folgt mit Übertiteln und mit Begeisterung.
Der Abend wird bejubelt. Herzog ist erleichtert, das Publikum bewegt. Und aus der Not entsteht ein Opernerlebnis, das es so kein zweites Mal geben wird.
Diese drei Abende zeigen, was Oper jenseits von Perfektion ausmacht. Einsatz, Teamgeist, Kreativität und die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Genau dann, wenn alles zusammenzubrechen droht, entsteht oft das größte Theater.
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