Wie vollendet man ein Mozart-Werk, das nie fertig geschrieben wurde? Im Interview mit Klassik Radio Moderatorin Evita Helling erzählt Star-Oboist Albrecht Mayer, wie er gemeinsam mit Komponist Gotthard Odermatt aus einem 70 Takte langen Mozart-Fragment ein neues Oboenkonzert im Stil des Salzburger Meisters geschaffen hat. Außerdem spricht er über Lampenfieber, Konzertpannen und seinen Traum, Beethoven zu begegnen.

Klassik Radio: Es gibt von Mozart ein 70-taktikes Fragment eines Oboenstücks in F-Dur. Sie haben dieses Fragment nun zu einem vollständigen Konzert ergänzt. Wie kam es dazu?
Albrecht Mayer: Mein Kollege Gotthard Odermatt und ich hatten überlegt, wie wir gemeinsam dieses Stück von Mozart fertigschreiben könnten. Schließlich haben wir gesagt: „Lass uns etwas probieren. Wem zuerst ein schönes Thema einfällt, der schickt es dem anderen.“ Ich habe mich dann sofort auf der nächsten Zugfahrt drangesetzt und habe zehn Einleitungen geschrieben, jeweils für einen langsamen Satz in d-Moll und für ein Rondo in F-Dur. Die Entwürfe habe ich alle an Gotthard geschickt. Etwa drei Monate später haben wir uns wieder getroffen und darüber gesprochen, wie wir die Ideen weiterentwickeln könnten. Er hatte in der Zwischenzeit bereits einiges daraus gemacht und mir erste Ergebnisse vorgestellt, die ich großartig fand. Und auf diese Weise ist dann nach und nach ein ganzes Konzert entstanden.
Klassik Radio: Es gibt keine Hinweise darauf, wie Mozart das Konzert vollendet hätte. Wie sind Sie und Gotthard Odermatt bei der Komposition der fehlenden Sätze vorgegangen?
Albrecht Mayer: Also zuerst einmal muss man sagen: Mein Respekt und der Respekt von Gotthard Odermatt für Wolfgang Amadeus Mozart ist größer als der Burj Khalifa, also höher als das größte Gebäude der Welt. Man kann sich sicherlich nicht in einen Menschen hineinversetzen, der so sprunghaft und so emotional wie er war und der wahrscheinlich auch frei nach dem Motto himmelhochjauchzend zu Tode betrübt sein Leben geführt hat. Das kann man nicht und das haben wir auch gar nicht versucht. Was wir aber nicht nur versucht sondern getan haben war, sein gesamtes Œuvre zu studieren, insbesondere alle Konzerte für Geige, Flöte und Klavier. Die waren mir persönlich besonders wichtig, weil er sie alle selbst gespielt hat. Dann wurde es noch spezieller. Wir haben uns insbesondere alle Stücke in F-Dur und d-Moll angesehen, denn genau das waren die Tonarten, die wir brauchten. Uns interessierte die Frage: Wie ist die typische Abfolge der Harmonien? Wie hätte Mozart das gemacht? Welche musikalischen Witze hat er sich ausgedacht? Wir haben uns einfach von ihm inspirieren lassen. Mit den Themen, die mir dabei in den Kopf gekommen sind, haben wir schließlich einen zweiten und dritten Satz geschaffen. Von da an war der Weg zu einem vollständigen Konzert eigentlich nicht mehr so weit.
Klassik Radio: Das fertige Konzert konnte man am 13. und 14. Juli mit den Augsburger Philharmonikern erleben. Wann gibt es das Oboenkonzert denn für Nicht-Konzertgänger zu hören?
Albrecht Mayer: Im März habe ich drei Mozart-Konzerte mit den Bamberger Symphonikern aufgenommen. Da war das F-Dur-Konzert dabei, da war das C-Dur-Konzert dabei, das wir alle schon kennen, und außerdem das Klarinettenkonzert von Mozart, das ich nun auf der Oboe d’amore gespielt und für mich in meiner eigenen Version eingerichtet und vervollständigt habe. Dieses Konzert habe ich heute (14. Juli 2026) in München fertiggestellt und wird nächstes Jahr veröffentlicht.
Klassik Radio: Viele Musiker haben ja bestimmte Rituale vor Konzerten. Wie ist das bei Ihnen? Gibt’s zum Beispiel noch einen Kaffee kurz bevor es auf die Bühne geht?
Albrecht Mayer: Also Kaffee ist ja ein absolutes Genussmittel. Aber normalerweise hat er viele Gerbstoffe und viele Reizstoffe und macht im schlimmsten Fall nervös. All das möchte man nicht vor einem Konzert. Für ein Konzert möchte man diesen Ooom-Zustand haben, sodass man eigentlich völlig entspannt, konzentriert und ruhig auf die Bühne gehen kann. Und das geht mit schwarzen Tees, die man lange ziehen lässt, ganz wunderbar.
Klassik Radio: Sind Sie nervös, wenn Sie auf die Bühne gehen?
Albrecht Mayer: Es gibt immer Momente, in denen man nervös wird. Wenn man es vorher weiß, kann man versuchen, einzugreifen, sich zu konzentrieren und autogenes Training zu machen. Aber manchmal kommt Nervosität auch völlig unvermittelt auf der Bühne. Man fühlt sich total sicher, alles ist gut vorbereitet und trotzdem kann so ein Schub der Nervosität dann plötzlich passieren.
Klassik Radio: Und so einen Schub der Nervosität bekommt man bestimmt auch, wenn vor einem Konzert mal nicht alles so klappt, wie geplant. Hatten Sie da eine Situation, an die Sie sich bis heute erinnern?
Albrecht Mayer: Ich war als Solist unterwegs und bin dann mit einem Fahrer anderthalb Stunden zum Konzertort gefahren. Dort habe ich gemerkt, dass ich meinen Anzug vergessen hatte. Der Veranstalter schaute mich an und sagte: „Ja, wir haben ungefähr dieselbe Größe. Wollen Sie meinen Anzug mal probieren?“ Ich habe dann sein Jackett probiert. „Okay, das ist dann Ihr Konzertoutfit“, sagte er. Zwei Minuten vor dem Konzert kam er dann noch mit seiner Hose. Das Problem war: Seine Hose war nicht nur viel zu eng, sie war vor allem viel zu kurz für mich – bis zur Hälfte der Schienbeine. Und ich konnte sie auch nicht schließen. Das heißt, ich konnte sie nur mit einem Gürtel überhaupt an meiner Hüfte befestigen. Das war schon etwas skurril, sodass ich dem Publikum gesagt habe: „Ich wollte kein Trendsetter sein. Ich weiß, es sieht unmöglich aus, aber ich habe meinen Anzug vergessen.“
Klassik Radio: Als Oboist haben Sie eine ganz besondere Verbindung zur Oboe. Welcher Komponist war denn mindestens ein genauso großer Oboenliebhaber wie Sie?
Albrecht Mayer: Johann Sebastian Bach war sicherlich der größte Oboenliebhaber. Die Oboe und die Oboe d’amore waren seine zwei wichtigsten Soloinstrumente in allen Kantaten und die hat er mit ganz wenigen Ausnahmen in all seinen Kantaten und Passionen bedacht.
Klassik Radio: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welchen Komponisten würden Sie gerne mal treffen?
Albrecht Mayer: Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es, dass ich Beethoven im Traum begegne. Und Beethoven sagt dann mit seinem Bonner Akzent zu mir: „Ja, es gibt da ein Konzert. Und wenn du mich jetzt in die Kneipe einlädst auf einen Weißwein, und ich trinke mehr als eine Flasche, dann gebe ich dir das ganze Konzert.“
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