Viele junge Nachwuchstalente spielen auf Instrumenten, die Hunderttausende oder sogar Millionen Euro wert sind. Doch wie kommt man in so jungen Jahren an eine Stradivari oder Guadagnini? Der Deutsche Musikinstrumentenfonds macht genau das möglich – und entscheidet jedes Jahr neu, wer ein solches Spitzeninstrument auf Zeit bekommt.

Dass Jugendliche oder Studierende auf Geigen und Celli spielen, die Hunderttausende oder sogar mehrere Millionen Euro wert sind, klingt zunächst wie ein Märchen aus der Hochkultur. Tatsächlich ist es aber Teil der gelebten Förderpolitik in der klassischen Musikszene. Historische Spitzeninstrumente aus den vergangenen Jahrhunderten – etwa eine Stradivari oder eine Guadagnini – werden gezielt an junge Musikerinnen und Musiker vergeben. Nicht als Luxusgut, sondern als musikalische Hochleistungswerkzeuge und tägliche Arbeitsgeräte für die Spitzenmusiker der nächsten Generation. Sie entscheiden mit darüber, wie weit jemand kommen kann. Denn Talent allein reicht nicht immer, wenn das Instrument Grenzen setzt. Klangfarbe, Projektion, Ansprache – all das hängt vom Material und von der allgemeinen Bauweise des Instruments ab.
Aber wie kommt man als junger Musiker an ein Instrument, das mehr kostet als ein Einfamilienhaus? Eine Möglichkeit ist der Deutsche Musikinstrumentenfonds der Deutschen Stiftung Musikleben. Eine Stiftung, die Spitzeninstrumente an junge Talente vergibt – auf Zeit, nach Vorspiel, nach Überzeugung. Denn Karrieren beginnen nicht erst im Rampenlicht. Sie beginnen oft mit der Frage: Auf welchem Instrument spielst Du eigentlich?
„Hochwertige Instrumente sind oft entscheidend für die Karriere von jungen Musikerinnen und Musikern“, wie Bettina Bermbach, Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Musikleben, im Interview mit Klassik Radio Redakteurin Valeska Baader erzählt. Ein Spitzeninstrument spielt gewissermaßen in einer anderen Liga: Es setzt sich müheloser gegen ein Orchester durch, reagiert sensibler auf jede noch so kleine Nuance – und holt dadurch noch viel mehr Klangfarben heraus, von denen andere Instrumente nur träumen können. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Musikerinnen und Musiker selbst. Mit einem Instrument dieser Qualität wachsen auch ihre eigenen Möglichkeiten. Es fordert mehr – und ermöglicht mehr. „Je besser das Instrument ist, desto mehr kann der Musiker sich auch mit diesem Instrument entwickeln“, wie Bermbach weiter im Interview erzählt.
Solche Instrumente kosten allerdings Hunderttausende, mitunter sogar mehrere Millionen Euro – Summen, die für junge Musikerinnen und Musiker unerreichbar sind. Genau hier setzt die Deutsche Stiftung Musikleben an. Über ihren Deutschen Musikinstrumentenfonds verleiht sie derzeit rund 280 hochwertige Streichinstrumente – Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabässe – an ausgewählte Nachwuchstalente. Einmal im Jahr können sich die jungen Musikerinnen und Musiker für ein solches Leihinstrument bewerben und stellen sich einer ausgewählten Fachjury. Wer überzeugt, erhält ein Instrument auf Zeit – und damit die Chance, den nächsten Karriereschritt mit einem Spitzeninstrument zu gehen.
Auch in diesem Jahr wird es in Lübeck wieder ernst: Vom 20. bis 22. Februar 2026 findet der 33. Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds statt. Drei Tage Ausnahmezustand – für die jungen Streicherinnen und Streicher ebenso wie für die Jury. 137 Nachwuchstalente haben sich beworben. Eine Vorjury hat bereits entschieden, wer überhaupt vorspielen darf.
Beim Wettbewerbs-Vorspiel in Lübeck zählt nun weit mehr als saubere Technik oder perfekte Intonation. Die Jury hört genau hin, wie Bermbach erklärt: „Ist der Bewerber technisch gut genug, musikalisch gut genug? Bringt er eine Persönlichkeit mit? Auch die Repertoirewahl spielt eine Rolle – zeigt sie wirklich das gesamte künstlerische Potenzial?“ Am Ende geht es eben nicht nur um Präzision, sondern um Ausdruck, Reife – und darum, ob jemand bereit ist für ein Instrument, das in einer ganz eigenen Liga spielt.
Doch ein Spitzeninstrument bekommt man nicht einfach geschenkt – und schon gar nicht für immer. „Wenn man ein Instrument verliehen bekommt, dann bekommt man das erst einmal für ein Jahr“, erklärt Bettina Bermbach im Interview. Danach heißt es wieder: vorspielen. Wird das Niveau gehalten, verlängert sich die Leihgabe. Später müssen die Stipendiatinnen und Stipendiaten nur noch alle zwei Jahre antreten. Im Idealfall bleibt das Instrument bis zum 30. Lebensjahr in denselben Händen.

Bewertet wird beim Wettbewerb mit einem Punktesystem. Am Ende dürfen die Besten der jungen Nachwuchstalente eines der begehrten Instrumente mit nach Hause nehmen. Das Besondere: Die Jury kennt die Instrumente nicht nur vom Papier. Die fünf Professorinnen und Professoren spielen sie vor der Vergabe an einem Abend selbst an, wissen um ihre Eigenheiten. Welches „Cello mit ein bisschen mehr Druck gespielt werden muss“, welche Geige sofort anspringt, welches Instrument sensibel reagiert – und welches erst überzeugt werden will. So kann die Jury genau beurteilen, welches Instrument am besten zu welchem Musiker passt.
Genau deshalb trägt der Wettbewerb hinter vorgehaltener Hand auch einen Spitznamen: „Instrumenten-Tinder“. Denn die jungen Musiker suchen nicht einfach das wertvollste Stück Holz. Gesucht wird das perfekte Match. Eine Verbindung, die trägt – idealerweise über viele Jahre hinweg, bis die Nachwuchstalente das Höchstalter für die Förderung von 30 Jahren erreicht haben.
Die Liste der zu vergebenden Instrumente aus dem Fonds liest sich dabei wie ein Who is Who der Streichinstrumentenbaugeschichte: „Wir haben in diesem Jahr wieder eine Guadagnini dabei, eine Stradivari und eine Ruggeri Violine. Wir legen in der Stiftung und im Fonds aber auch viel Wert auf moderne Instrumente, also zum Beispiel von Stefan-Peter Greiner oder Stephan von Baehr“, wie Bermbach erzählt. Im Fonds stehen also ehrwürdige italienische Klassiker neben zeitgenössischen Spitzeninstrumenten – und diese 300 Jahre Musikgeschichte warten darauf, das perfekte Match zu finden.
Bei all den Millionenwerten stellt sich zwangsläufig die Frage: Wem gehören diese Instrumente eigentlich? „Zu einem Teil gehören sie der Bundesrepublik Deutschland, zu einem Teil der Stiftung selbst. Darüber hinaus stammt der Großteil von Privatpersonen, die die Instrumente als Treugabe in den Fonds geben. Das heißt, es bleibt Eigentum der Privatpersonen, aber wir verleihen das Instrument für sie.“ Warum es immer mehr solcher Treugeber gibt, erklärt Bermbach ganz pragmatisch: „Da hat dann der Großvater ein wunderbares Cello gehabt und vererbt das dem Enkel. Der Enkel macht aber keine Musik, hat aber dann dieses Cello.“ Spätestens dann stellen sich praktische Fragen, aber auch steuerliche: „Wenn ich ein sehr teures Instrument erbe, muss ich darauf Erbschaftssteuer bezahlen. Dann muss ich das Instrument verkaufen. Ich möchte es aber vielleicht im Besitz behalten.“ Daraus resultiert dann die simple Möglichkeit, es in den Fonds zu geben. So wächst der Fonds weiter – nicht aus staatlichen Ankäufen, sondern aus Geschichten, Familiennachlässen und dem Wunsch, dass ein Instrument nicht ungespielt im Schrank liegen bleibt, sondern auf die Bühne gehört. Manche Privatpersonen verfolgen ganz genau, wer „ihr“ Instrument schließlich bekommt. „Manchmal entwickeln sich da auch Freundschaften“, erzählt die Geschäftsführerin der Stiftung weiter. Einige kommen zu Konzerten, andere überreichen ihr Instrument persönlich beim Wettbewerb. Aus einem Vermögenswert wird so eine ziemlich lebendige Beziehung.
Dass selbst große Solistinnen und Solisten nicht automatisch Eigentümer ihrer Instrumente sind, zeigt ein prominentes Beispiel. „Diese ganz großen Solisten haben meistens auch ihre eigenen Instrumente – aber längst nicht alle“, sagt Bermbach. Der Geiger Frank Peter Zimmermann etwa spielte auf einer Stradivari, die einer Bank gehörte. Als diese in finanzielle Schwierigkeiten geriet, musste das Instrument verkauft werden. „Er war natürlich zutiefst erschüttert“, so Bermbach. Inzwischen konnte die Geige zurückgekauft werden – aber der Fall zeigt: Selbst die Weltklasse ist abhängig vom Eigentümer und der Finanzwelt.

Der Fonds hat im Laufe der Jahre Musikerinnen und Musiker begleitet, die heute zu den prägenden Namen der Klassikszene gehören. „Julia Fischer hatte eine Geige, Igor Levit ist lange Zeit von uns gefördert worden – natürlich nicht mit einem Streichinstrument, aber mit Stipendien“, erzählt Bermbach. Unterstützung, die früh ansetzt – und nicht selten den Weg auf die großen Bühnen mit ebnet.
Wie eng diese Bindung mit einem solchen Leihinstrument werden kann, zeigt eine besondere Begegnung: „Nicolas Altstaedt hatte elf Jahre ein Cello von uns. Vor drei Jahren hat er als Alumnus bei unserem Konzert in der Elbphilharmonie gespielt, zusammen mit einer Stipendiatin, die sein damaliges Leih-Cello inzwischen spielt. Also er hat quasi auf der Bühne der Elbphilharmonie wieder sein Instrument getroffen. Das war eine wirklich schöne Begegnung.“ Die Instrumenten-Partnerschaften enden also offiziell mit 30 – emotional aber offenbar nie ganz, nachdem sie viele Jahre Teil der Musikerleben waren.
Bei all der Romantik rund um jahrhundertealtes Holz darf man eines nicht vergessen: Diese Instrumente sind auch begehrte Wertgegenstände. „Es ist schon mal passiert, dass ein Instrument aus der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin gestohlen wurde – aus einem abgeschlossenen Raum.“ Die Geschichte klingt wie aus einem Krimi. „Die Polizei hat diese Geige zwei Jahre später wiedergefunden. Eine Guadagnini bei dem Hehler unterm Bett – er hatte sie für 200 € von dem Dieb gekauft. Der Wert lag aber bei 250.000 €.“ Ein Spitzeninstrument unter dem Bett – für den Preis eines gebrauchten Smartphones. Fast absurd. Und doch zeigt der Fall, welchen materiellen Wert diese Geigen und Celli haben. Entsprechend sorgfältig ist vorgesorgt: Die Instrumente sind versichert, registriert und dokumentiert, sodass ernsthafte Zwischenfälle die absolute Ausnahme geblieben sind, wie Bermbach betont.
Am Ende geht es also weder um Versicherungswerte noch um berühmte Namen auf dem Geigenzettel. Es geht um das richtige Instrument im richtigen Moment – und um die Chance, dass Talent sich entfalten kann. Der Wettbewerb in Lübeck ist dafür jedes Jahr eine Art Schaltzentrale: Hier wechseln Millionenwerte den Besitzer – auf Zeit. Hier treffen jahrhundertealte Meisterwerke auf junge Musikerinnen und Musiker mit großen Ambitionen. Und manchmal entsteht daraus mehr als nur eine Leihgabe. Sondern eine Verbindung, die Karrieren prägt – und vielleicht den Klang der nächsten Generation.
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