Die Antipoden Karajan und Bernstein treffen in einer Bar aufeinander. Ist tatsächlich so passiert. Davon erzählt das Theaterstück „Last Call“. Vom Broadway kommt das Stück nun in die Hamburger Kammerspiele. Dabei werden die Giganten von Frauen verkörpert. Ein Gespräch mit Regisseur und Co-Produzent Gil Mehmert über die Hintergründe und welchem irren Zufall das Stück zu verdanken ist.

"Last call" ist ein echter Hit: Im März 2025 ist es am Broadway gestartet und wurde in zehn Kategorien für den Broadway World Award 2025 ausgezeichnet. Darunter auch für die beste Regie.
Regisseur und Co-Produzent Gil Mehmert hat sich dabei für eine besondere Besetzung der Maestros entschieden. Sie werden von zwei Schauspielerinnen dargestellt: Helen Schneider und Lucca Züchner. "Das Stück an sich ist ja erstmal (…) konventionell: Zwei Männer treffen sich in der Bar. Da schaue ich natürlich als Regisseur: was macht es spannend! (…) Jetzt ist es ein Stück über zwei weltberühmte Ikonen und wir haben das bei dem Film über Bernstein („Maestro“, Anm. d. Red) erlebt: Er war ja 100% wie Bernstein. Und das wurde erheblich kritisiert und sich an der Nase aufgehalten. Dann gab es einige Jahre zuvor in New York eine Performance, bei der es um das Thema Bernstein und Wagner ging. Da hat man dem Darsteller das Gegenteil vorgeworfen: er sehe ja viel zu wenig aus wie Bernstein. Dieser Diskussion wollte ich entgehen: dass man zwei Schauspielern zusieht, die sich abmühen, diese weltberühmten Menschen darzustellen. Ich habe mir gedacht: das sind ältere Herren - da ist vielleicht nicht mehr ganz viel Testosteron im Spiel. Da ist eine Gebrechlichkeit, dadurch vielleicht auch eine Zärtlichkeit, eine andere Sensibilität. Warum das nicht von Frauen spielen lassen, um diesen ganzen Ähnlichkeitsdiskussionen aus dem Weg zu gehen und sich auf den Inhalt und die Energie (…) zu konzentrieren."
Nach dieser Entscheidung standen die Darstellerinnen und Darsteller schnell fest: "(….) Ich musste an meine Freundin Helen Schneider denken, die in New Yorkerin ist, die jüdisch ist, die auch viele andere Eigenschaften hat als Künstlerin, die mit Bernstein synchron sind. So war sie für mich gesetzt. Dann war klar: Die andere Rolle muss auch eine Frau spielen. Da ist mir Lucca Züchner eingefallen. Und dann war natürlich der nächste Gedanke: Wenn diese beiden Frauen Männer spielen, wie können wir die Kellner-Figur aufwerten. (…) Und da die beiden als einzige Gemeinsamkeit Maria Callas haben, die sie beiden mögen, dachte ich: ‚Ich brauche ich einen Darsteller, der auch so wie Maria Callas singen kann.‘ Und so kam die Besetzung recht schnell zusammen."

Die Inspiration, das Stück umzusetzen, kam Regisseur und Co-Produzent Gil Mehmert ürigens bei einem Treffen im Big Apple: "Ich habe den Autoren Peter Danish in der Coronazeit in New York getroffen, aus verschiedenen Gründen. Da kam dann auch das Thema auf dieses Stück und ich dachte, das sei ein sehr interessantes Konzentrat in Persona dieser beiden weltberühmten Dirigenten über Europa und Amerika, natürlich auch über musikalische Themen, und über Bewegungen im letzten Jahrhundert. Das fand ich sehr schön (...). Dass dieses vielschichtige und spannende Theaterstück überhaupt entstanden ist, verdankt es übrigens einem irren Zufall: "Tatsächlich ist der Autor Peter Danish in den Nullerjahren oder Zehnerjahren in der Blauen Bar gewesen und hatte gerade Briefe von Leonard Bernstein erworben, in Buchfassung. Die hatte er aufgeschlagen. Da hat der Kellner ihn dann irgendwann angesprochen. Er hat ihm erzählt, dass Bernstein oft dort war, da er ja seine Suite im Hotel Sacher hatte. Und einmal ist er dabei auf Karajan gestoßen und der Kellner war Zeuge des Gesprächs. Das war ein sicherlich ein bisschen kürzer, als das was Peter Danish daraus gemacht hat. Doch er hat sofort angefangen, loszuschreiben und sich das auszumalen."
Stellt sich natürlich die Frage: Wieviel hat der Kellner aus dem Nähkästchen geplaudert? Und – wieviel ist Fiktion? "Na ja, er hat nur damals festgestellt, dass es zu Auseinandersetzungen kam und das ist auch lauter wurde. Und dann hat natürlich Peter Danish viel recherchiert in den verschiedensten Quellen und sich dann die Inhalte eines solchen Disputs zusammengereimt." Wahrheit und Fiktion werden so zu einem spannenden und inspirierenden Gespräch: "Es wird ganz viel aufgearbeitet zwischen den beiden. Da gibt es Verletzungen aus der Vergangenheit und natürlich haben diese sehr viel damit zu tun, dass Karajan Karriere gemacht hat im Nazi Deutschland und Bernstein amerikanischer Jude ist, der auch künstlerisch versucht, sich mit seiner Kultur musikalisch auseinanderzusetzen. Es kommen natürlich auch Diskurse auf, dass Bernstein im Unterhaltungstheaterbereich gearbeitet hat, mit seinen Musicals wie "Westside Story" oder "On The town" (....) und Karajan eben sozusagen reiner Interpret ist. Es gibt verschiedene Auffassungsgaben, wie Musik zu dirigieren sei, wie sie zu lesen sei. Es sind ja zwei Antipoden in der Interpretationskunst und da werden über diese Themen natürlich auch viele gesellschaftliche Themen gestreift und persönliche Eitelkeiten, an denen sich abgearbeitet wird. Doch am Schluss nehmen sie dann doch ihren gemeinsamen Drink und raufen sich irgendwie zusammen. Das finde ich eigentlich ganz schön und ich nehme, glaube ich, nichts vorweg, wenn ich sage: Sie stellen fest: 'Wenn wir beide mit diesem kulturellen Hintergrund nicht in der Lage sind, zusammen zu kommen, uns zu einigen und uns zu verständigen - wie soll es dann der Rest der Welt?' Und das ist eine Thematik, die wir vielleicht genau gerade haben."
Eine historische Begegnung also, mit sehr aktuellen Kontext. Und ein Broadwaystück, das nicht nur unterhält, sondern zum Nachdenken anregt. Ab dem 18. Februar 2026 zu sehen in den Hamburger Kammerspielen.
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