Ausschnitt aus "Tristan, Isolde & Petit Cru"
KER_Tristan_072_┬®vhs_MarcoGrisafi_PR
Ausschnitt aus "Tristan, Isolde & Petit Cru"
Tristan, Isolde & Petit Cru:

Body Opera mit Rauhaardackeln

Auf den Hund gekommen ist die Stuttgarter Choreografin Katja Erdmann-Rajski. Sie bindet zwei Rauhaardackel in die Wagner-Oper ein.

Oper mit dem Körper: die Body Opera

Mit der Oper ist das ja so eine Sache - manche lieben sie, manche meiden sie und manche lernen sie erst gar nicht kennen - zu groß sind die Hemmschwellen: vor der Auswahl des Outifts, dem langen Sitzen und dem Studieren eines Librettos...Dabei muss das alles nicht sein - das zeigt die sogenannte “Body Opera”. Dabei experimentieren Tänzerinnen und Tänzer mit der Musik der Oper und erzählen sie neu. Die Choreographie wird dabei langsam durch Improvisationen entwickelt.

Body Opera ist keine Tanz-Oper!

"Ich habe ja Bewegung und Musik studiert und habe mich bei den Choreographien immer sehr von Musik inspirieren lassen und da ich auch ein Opernfan bin, dachte ich, ich würde gerne etwas zu Opernmusik machen, aber da nicht der Handlung folgen bzw. nur Fragmente der Handlung mit aufnehmen in bestimmte Szenen oder Bilder, aber eben mit Tänzer*Innen", erklärt Katja Erdmann-Rajski. Daraus sind die Body Operas entstanden. Sie grenzt diese Form der Oper auch klar von sogenannten "Tanz-Opern" ab: "Die gehen diese Oper dann mit Handlungssträngen und narrativ tänzerisch an, davon wollte ich mich abgrenzen. Ich nenne es "Body Opera", weil wir die Musik mit dem Körper erkunden."

Profis und Amateure gemeinsam auf der Bühne

So hat die Choreografin schon mehrere "Body Operas" verwirklicht. Bei ihrem neuesten Werk "Tristan, Isolde & Petit Cru" stehen dabei vier Profis und acht Tanzinteressierte auf der Bühne: "Da ist das interessante, dass diese jungen Tänzer*Innen ja nicht unbedingt eine klassische Oper wie Don Giovanni oder jetzt Tristan in- und auswendig kennen und die gehen dann einfach tänzerisch ran und dann schauen wir: 'was finden wir an der Musik interessant, was wollen wir darstellen, was finden wir für Themen.'", so Katja Erdmann-Rajski weiter. So befasst sich die Body Oper unter anderem mit den Schlagwörtern "Blick", bei dem auch der "Dackelblick" eine Rolle spielt und "Spiegel" - dabei geht es um unsere ewige Suche nach der besseren Hälfte, jemanden, der uns ergänzt.

Wir möchten den Menschen zeigen: es ist auch möglich, dass ich nachmittags um zwei mal Opernmusik anhöre und dabei vielleicht auch den Abwasch in der Küche mache. Es ist nichts rein Elitäres
Katja Erdmann-Rajski, Choreografin von "Tristan, Isolde & Petit Cru"

Oper beim Abwasch

Mit der Body Opera möchte Katja Erdmann-Rajski das Genre Oper für alle zugänglich machen und Hemmschwellen abbauen: "Damit versuchen wir,  Oper mehr in den Alltag der Menschen zu bringen. So z.B. bei Verdis "Don Giovanni", den wir teilweise in einem öffentlichen Gebäude im Treppenhaus inszeniert haben, um den Menschen zu zeigen: es ist auch möglich, dass ich nachmittags um zwei mal Opernmusik anhöre und dabei vielleicht auch den Abwasch in der Küche mache. Es ist nichts rein Elitäres."  Und so kommen bei der ungewöhnlichen Form der Oper oft auch Menschen, die noch nie Berührung mit Klassik oder Oper hatten. Und Opernliebhaber sehen ihre Lieblingswerke einmal aus einer ganz anderen Perspektive.

Interview mit Katja Erdmann-Rajski über eine vorherige Body Opera
Interview mit Katja Erdmann-Rajski zur Veranstaltung "Ohne Giovanni. Aber mit Mozart"
Interview mit Katja Erdmann-Rajski zur Veranstaltung "Ohne Giovanni. Aber mit Mozart"

Wer ist "Petit Cru"?

Bleibt die Fragen: Wer ist eigentlich "Petit Cru?" Bei Letzterem handelt es sich um einen kleinen Hund, der aus einem alten Versepos zu "Tristan" entliehen wurde, erklärt die Stuttgarter Choreografin: "Bei diesem Versepos zu Tristan kommt ein kleines Hündchen vor, mit dem Namen "Petit Cru", also "kleine Kreatur" und dieses Hündchen schickt Tristan zu Isolde, weil sie getrennt sind, damit dieses Tierchen ihren Liebeskummer etwas lindert. Dazu trägt es ein kleines Glöckchen am Hals - und diese Musik soll sie über die Entfernung zu ihrem geliebten trösten."

Tristan und Isolde mit vier Pfoten

Und "Petit Cru" ist nicht der einzige Bezug zum Hund in der Body Opera. So erscheinen neben den 12 Tänzerinnen und Tänzern auch zwei Rauhaardackel auf der Bühne. Allerdings werden sie als Film eingespielt. Auf die Idee mit der tierischen Verstärkung haben Katja Erdmann-Rajski die zwei Dackel ihrer Schwester gebracht, als sie gemeinsam ihre Mutter besuchten. Während die Choreografin zu später Stunde an dem Tristan-Stoff arbeitete, fiel ihr Blick auf die beiden Dackel, die eng aneinander gekuschelt im Sessel lagen. "Die lagen schmusend wie ein Paar auf dem Sofa. Da meinte ich zu meiner Schwester:'Schau mal, die sehen aus wie Tristan und Isolde'",erinnert sie sich lachend.

Dackel hören Wagner

Und so war die Idee geboren! Die beiden Vierbeiner wurden gefilmt, wie sie auf die Musik von Wagner reagierten: wie sie schauen, den Kopf heben und mit dem Schwanz wedeln. Dieses Video wird nun während der Performance gezeigt, während die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne agieren.

Anfang des Monats war die Premiere der ungewöhnlichen Body Opera "Tristan, Isolde & Petit Cru", weitere Aufführungen folgen im November im Treffpunkt Rotebühl in Stuttgart.

(27.09.22/K.Jäger)