Die Wahre Geschichte der Woche: Unsichtbare Grenze

Ausgewählt von Larissa Bothor Die Wahre Geschichte der Woche: Unsichtbare Grenze

Jede Woche wählt ein Mitglied aus der Redaktion eine persönliche Wahre Geschichte der Woche aus und verleiht ihr eine besondere Note.

Die Wahre Geschichte der Woche: Unsichtbare GrenzeFoto: Photo by Will Francis on Unsplash

„Das darf man doch nicht!“, „Das sagt man nicht!“, „Darüber spricht man nicht!“ Tja… und wer ist „man“? Wie wir uns verhalten oder verhalten sollten, wird uns schon als Kind beigebracht. Normen, die eine gewisses Benehmen vorschreiben, das sozial akzeptiert oder sogar anerkannt ist. Aber was beispielsweise in Deutschland gilt, das ist auf der anderen Seite der Welt sogar verpönt, ja, vielleicht sogar komplett tabu, also verboten. In der heutigen „Wahren Geschichte“ geht es um das Wort: „Tabu“. Woher kommt es und warum verwenden wir es?

Wenn wir uns Serien oder Interviews von vor zehn oder fünfzehn Jahren anschauen, gibt es die eine oder andere Stelle, bei der man (oder ich) kurz ein wenig zusammenzucken. Einige „Tabubrüche“ kommen da zusammen, zumindest aus heutiger Sicht. Ob sexistisch, rassistisch oder einfach homophob, es werden Grenzen überschritten. Ich persönlich finde es sehr interessant zu beobachten, welche gesellschaftlichen Normen aktuell überdacht werden und welche Verhaltensweisen oder Äußerungen nicht mehr in Ordnung sind.

Woher kommt „tabu“

Auf einer seiner Reisen schrieb James Cook 1777 über seine Begegnung mit den Polynesiern:

„Keiner von ihnen wollte sich hinsetzen oder auch nur ein Stück von irgendetwas essen ... Als ich mein Erstaunen zeigte, erklärten sie, sie seien alle tabu: Dieses Wort habe eine sehr komplexe Bedeutung: Aber es heiße im Allgemeinen, dass etwas verboten sei. Wenn etwas nicht gegessen und benutzt werden darf, sagen sie, das ist tabu.“

Das Wort fand Einzug in Europa. Auch Siegmund Freud beschäftigte sich mit „Tabus“ und „Tabubrüchen“ und erkannte, dass diese Regeln und Normen für die Menschen, die diese definiert haben, sinnvoll erscheinen. Für Außenstehende können diese völlig unverständlich anmuten und werden daher auch unabsichtlich gebrochen. Denken wir nur an uns als Touristen im Urlaub: Angenommen, Sie sind in der Türkei und da es warm ist, tragen sie als Frau ein Top. Sie laufen durch Ruinen oder schauen sich andere historische Gebäude an. Ein absolutes Tabu! Die Schultern müssen immer bedeckt sein. Daher werden dort auch Umhänge und lange Hosen verliehen…

Was bedeutet „tabu“?

Das Wort hieß bei den Polynesiern noch „tapuh“ und beschrieb so etwas wie „unverletzlich“, „heilig“, „unberührbar“ oder auch „Gebot zu meiden“. Teilweise kann es auch als etwas „unaussprechliches“ beschrieben werden und geht über eine Verhaltensnorm hinaus. Interessant ist aber auch, dass Sachverhalte, die als „Tabus“ gelten, auch nicht weiter angetastet oder diskutiert werden. Daher auch der Ausspruch: „Darüber spricht man nicht!“ Je mehr Menschen sich daran orientieren, desto mehr Macht hat dieses Tabu natürlich auch über jeden Einzelnen. Nicht umsonst spricht man auch von einem „Tabuthema“.

Verschiebungen von Tabus

Wie ich schon eingangs sagte, finde ich es aber sehr spannend zu beobachten, inwiefern sich die Grenzen von Tabus verschieben und neu gesteckt werden. Dabei werden bisher akzeptierte Äußerungen oder Verhaltensweisen zu Tabus, aber gleichzeitig werden auch Themen enttabuisiert und diskutiert, oder auch Tabubrüche ganz gezielt inszeniert, und dazu genutzt, um zu provozieren oder Aufmerksamkeit für bestimmte Themen oder eine politische Agenda zu erlangen. Auch durch die Globalisierung und die Vermischung von Kulturen wird es zunehmend wichtiger, sich über die Tabus anderer im Klaren zu sein, aber auch die eigenen Grenzen zu überdenken, um ungewollte Konfrontationen zu vermeiden und gegenseitige Toleranz und Respekt zu fördern.

Erhalten Sie Informationen aus erster HandBestellen Sie den Klassik Radio Newsletter

* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis

Neueste Artikel

Warum Ihre Tomaten Bach lieben
Musik im Garten

Musik im Garten
Warum Ihre Tomaten Bach lieben

In der Toskana läuft seit zehn Jahren ein Experiment: Forscher der Universität Florenz lassen Weinreben Mozart und Vivaldi hören – mit eindeutigem Ergebnis: Die Trauben schmecken besser, die Reben tragen mehr Laub. Was bei Pflanzen funktioniert, wirkt erst recht beim Menschen: Musik senkt den Blutdruck, reduziert Stress und macht Ihren Garten zu einem Ort, an dem Entspannung gedeihen kann. Wir zeigen Ihnen, wie es geht!

Sensationsfund in College-Archiv: Unbekanntes Werk von Vaughan Williams entdeckt
Ausschnitt Before the Mirror

Sensationsfund in College-Archiv: Unbekanntes Werk von Vaughan Williams entdeckt

Fast sieben Jahrzehnte nach dem Tod von Ralph Vaughan Williams sorgt ein spektakulärer Archivfund in London für Aufsehen: Ein bislang unbekanntes Lied des britischen Komponisten ist im Morley College aufgetaucht. Das Manuskript eröffnet nicht nur einen seltenen Blick auf die frühen Jahre Vaughan Williams’, sondern erinnert auch daran, dass selbst die Musikgeschichte noch Überraschungen bereithält.

"Ein bisschen Wasser hält das Cello schon aus": Cellistin auf ungewöhnlicher Fahrradtour
Celloradeln

"Ein bisschen Wasser hält das Cello schon aus": Cellistin auf ungewöhnlicher Fahrradtour

Mit dem Fahrrad, einem Cello im Anhänger und jeder Menge guter Laune fährt die Cellistin Katja Zakotnik quer durchs Ruhrtal. Auf ihrer Tour de Cello legt sie fast 300 Kilometer zurück und bringt klassische Musik an Orte außerhalb der Konzertsäle – auf Wiesen, in Industriehallen oder mitten unter Menschen, die zufällig stehen bleiben und zuhören.

Klassik Radio - Deutschland nationalKlassik Radio - Deutschland national