Musik einfach abgeschrieben

Cover, Plagiate, Kopien & Parodien in der KlassikMusik einfach abgeschrieben

„Einen guten Musiker erkennt man an dem, was er stiehlt“ sagte der Pianist Friedrich Gulda. Seit jeher werfen sich Komponisten gegenseitig Melodienklau vor.

Lichtpunkte in blau, weiß und orange Foto: © [capella9]/de.Fotolia.com

Der Wandel der Abschreibekultur

Heute bewahrt das Urheberrecht jeden Künstler davor, dass dessen Werke hemmungslos abgeschrieben und vervielfältigt werden. Die Idee eines solchen Schutzes vor Plagiaten existiert seit dem Mittelalter. Nur in der Praxis funktionierte das lange nicht so richtig: Die Komponisten Bellini und Donizetti waren eigentlich gute Freunde, aber manchmal hatten sie sich in den Haaren, wenn der eine vom anderen behauptete, er habe ein Melodiethema geklaut.



Manchmal aber war es auch einfach ein Zeichen der Anerkennung, wenn ein Komponist seinen Kollegen zitierte oder Variationen über ein Thema von ihm schrieb. So beginnt beispielsweise Frédéric Chopin seine erste Klaviersonate op.4...

Frédéric Chopin - Piano Sonata No. 1

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

...mit den Anfangsnoten einer Invention von Johann Sebastian Bach.

Bach-Invention No. 2 in C Minor, BWV 773 with Sheet Music

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Da Bachs Tod zu dieser Zeit schon sehr lange zurückliegt, darf diese Geste wohl als Hommage an Chopins Idol gewertet werden.

Und immer wieder Mondschein…

Bach und Beethoven, die großen Bs der klassischen Musik, wurden wohl öfter kopiert, variiert und abgeändert als sonst jemand. Nicht nur, dass Beethovens „Mondscheinsonate“ von En vogue & Robert Groslot in „Sad but true“ (der Titel ist übrigens von Metallica geklaut…) „vergospelt“ wurde...

Night of the Proms Rotterdam 2003:En Vogue & Robert Groslot: Sad but true.

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Franz Schubert lehnt den Beginn seines Kunstliedes „An den Mond“ D. 193 an den Beginn der „Mondscheinsonate“ an. Er greift damit die Stimmung des 18 Jahre älteren, berühmten Klavierstücks auf ohne das Thema abzuschreiben – ein wahrer Kunstgriff des musikalischen Zitierens.

Igor Levit - Beethoven: Piano Sonata No. 14, Op. 27 No. 2, "Moonlight"

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Schamlos bei sich selbst abgeschrieben

Georg Friedrich Händel war ganz groß darin bei sich selbst abzukupfern. Den Arienschlager „Lascia ch'io pianga“ schrieb Händel drei Mal von sich ab. Hier eine frühere Variante mit Cecilia Bartoli:

Handel - Lascia la Spina (Cecilia Bartoli)

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Händel soll zu einem ähnlichen Fall gesagt haben: „Wäre doch schade um die schöne Melodie!“ In diesem Fall blieb die Musik dieselbe, nur den Text ließ Händel jeweils anpassen. Diese Arbeitstechnik nennt man Kontrafraktur und sie war sehr verbreitet; Bachs „Weihnachtsoratorium“ besteht beinahe vollkommen aus Kontrafrakturen.

Klassik-Cover in der Popmusik

In der Popmusik ist Covern ja nichts Besonderes mehr, Bob Dylan dürfte zu den meistgecoverten Musikern des 20. Jahrhunderts gehören. Jazz und Popmusik greifen ab und zu gerne auch auf klassische Musik zurück. So macht es zum Beispiel Eugen Cicero mit der Musik der Familie Bach.

Eugen Cicero - Solfeggio in C minor (1965)

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Oder Billy Joel, der in seinem Song „Leningrad“ das Thema aus Tschaikowskys Violinkonzert zitiert. Billy Joel war der erste amerikanische Künstler, der nach dem Mauerfall in der ehemaligen Sowjetunion, genauer gesagt in Leningrad, auftrat. Allein, dass er den bekanntesten russischen Komponisten in seinem Freundschaftslied zitiert, spricht schon Bände. Das Abschreiben ist präsent, egal in welchem Jahrhundert und in welchem Musikgenre.



Leningrad von Billy Joel:

Billy Joel - Leningrad

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Tschaikowskys Violinkonzert:

Janine Jansen performs Tchaikovsky's violin concerto live in 2013

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Tschaikowsky hat übrigens - wie viele andere Musiker auch - ungewöhnliche Instrumente genutzt. Eine Tatsache, die Billy Joel allerdings nicht "geklaut" hat.

Erhalten Sie Informationen aus erster HandBestellen Sie den Klassik Radio Newsletter

* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis

Neueste Artikel

„Ein fast perfekter Antrag“: Heiner Lauterbach findet – seine Filmfigur passt zu Bach
Heiner Lauterbach als Walter in "Ein fast perfekter Antrag"

„Ein fast perfekter Antrag“: Heiner Lauterbach findet – seine Filmfigur passt zu Bach

Griesgram mit Gefühl: In „Ein fast perfekter Antrag“ spielt Heiner Lauterbach den pensionierten Ingenieur Walter – eine Figur, die für ihn ideal zu Bach und seiner Musik passt. Im exklusiven Klassik Radio Interview verrät er, was ihn am Drehbuch begeistert hat, warum er mit 60 Jahren mit dem Klavierspielen begann, und spricht über magische Konzertmomente sowie Begegnungen mit Klassikstars.

Hidden Champions der Filmmusik: Große Musik, keine Trophäe
Oscars Hidden Champions

Oscar-prämierte Filmmusik
Hidden Champions der Filmmusik: Große Musik, keine Trophäe

Jeder erkennt die Musik. Sie prägt die emotionalsten Momente der Filmgeschichte – und bleibt dennoch im Hintergrund. Unerwartete Niederlagen, überraschende Disqualifikationen und Komponisten, die eine ganze Industrie veränderten. Wurden sie ausreichend anerkannt? Wir begeben uns auf die Oscar-Spurensuche!

Bridgerton Soundtrack: Vitamin String Quartet bringt Pop als Streichquartett auf Netflix
Vitamin String Quartett 01

Bridgerton Soundtrack: Vitamin String Quartet bringt Pop als Streichquartett auf Netflix

Für den Netflix-Erfolg "Bridgerton" verwandelt das Vitamin String Quartett Songs internationaler Stars in elegante Arrangements für Streichquartett – und treffen damit den Nerv von Klassikliebhabern wie Serienfans gleichermaßen. Im Interview sprechen sie über ihre Arbeit am Bridgerton-Soundtrack, über die Kunst der Reduktion und darüber, warum sich Musik von heute überraschend gut in eine Klangwelt des 19. Jahrhunderts einfügt.

Klassik Radio - Deutschland nationalKlassik Radio - Deutschland national