Brahms gegen Tschaikowsky: Warum sich zwei Komponisten-Genies gegenseitig verachteten

Geburtstag der Klassik-Mega-StarsBrahms gegen Tschaikowsky: Warum sich zwei Komponisten-Genies gegenseitig verachteten

Heute feiern wir bei Klassik Radio den ganzen Tag die Musik der beiden genialen Komponisten Johannes Brahms und Peter Tschaikowsky. Kaum zu glauben: Obwohl beide heute zu den größten Komponisten überhaupt zählen, konnten sie mit der Musik des anderen nur wenig anfangen. Warum die beiden Genies zu erbitterten Rivalen wurden.

Brahms vs TschaikowskyFoto: Gemeinfrei

Sie wurden beide am 7. Mai geboren. Beide schrieben Musik, die heute zu den größten Schätzen der klassischen Welt zählt. Und beide prägten das 19. Jahrhundert wie kaum andere Komponisten ihrer Zeit. Doch ausgerechnet Johannes Brahms und Pjotr Iljitsch - Peter - Tschaikowsky konnten mit der Musik des jeweils anderen kaum etwas anfangen. Mehr noch: Vor allem Tschaikowsky ließ kaum eine Gelegenheit aus, gegen Brahms zu sticheln.

Heute wirkt das fast absurd. Wie kann jemand Brahms kalt und leer finden? Oder Tschaikowsky sentimental und oberflächlich? Doch schaut man genauer auf ihre Werke, ihre ästhetischen Vorstellungen und ihre Persönlichkeiten, wird schnell klar: Diese beiden Männer standen musikalisch auf völlig verschiedenen Kontinenten.

Statue von Tschaikowsky in Simferopol, Ukraine
Foto: Борис Мавлютов/CC BY-SA 3.0
Statue von Peter Tschaikowski in Simferopol, Uraine

Brahms war der große Bewahrer der deutschen Tradition. Für ihn bedeutete Musik vor allem Form, Architektur und handwerkliche Vollendung. Er verehrte Beethoven und die klassische Struktur. Seine Symphonien, Kammermusikwerke und Konzerte sind dicht gearbeitet, voller motivischer Verflechtungen und innerer Logik. Gefühle spielen natürlich eine Rolle — aber nie ungezügelt. Alles bleibt kontrolliert, konzentriert und konstruiert.

Tschaikowsky dachte völlig anders. Für ihn musste Musik vor allem Emotion transportieren. Leidenschaft, Sehnsucht, Schmerz, Euphorie. Seine Werke leben von Melodien, Farben und unmittelbarer Wirkung. In einem Brief an seine Mäzenin Nadeschda von Meck erklärte er einmal, Musik könne die „tausend wechselnden Stimmungen der Seele“ ausdrücken — viel feiner und direkter als Worte es jemals könnten. Genau darin lag für ihn die wahre Kraft der Kunst.

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Kein Wunder also, dass Tschaikowsky beim Hören von Brahms oft wenig Begeisterung verspürte. Besonders deutlich wurde das beim Violinkonzert von Brahms. Tschaikowsky bezeichnete das Werk sinngemäß als eine Aneinanderreihung prachtvoller Sockel — nur fehle die eigentliche Säule darauf. Die Konstruktion beeindruckte ihn zwar, aber er vermisste Inspiration, Wärme und emotionale Tiefe. 


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Noch härter fielen seine privaten Tagebucheinträge aus. Dort schrieb er über Brahms:

„Was für ein talentloser Bastard!“

Und weiter:

„Es ärgert mich, dass diese selbstgefällige Mittelmäßigkeit als Genie betrachtet wird.“ 

Selbst für heutige Ohren klingt das durchaus schockierend. Doch Tschaikowsky war bekannt dafür, emotional und impulsiv zu urteilen. Seine Briefe und Tagebücher zeigen immer wieder extreme Schwankungen zwischen Bewunderung und völliger Ablehnung — nicht nur gegenüber Brahms.

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Hinter der Feindschaft steckte aber nicht bloß persönlicher Geschmack. Im 19. Jahrhundert tobte innerhalb der Musikwelt ein regelrechter Kulturkampf. Auf der einen Seite standen Komponisten wie Wagner und Liszt, die Musik als dramatische, erzählerische Kunst verstanden. Auf der anderen Seite befanden sich Brahms und seine Anhänger, die an der klassischen Form festhielten und „absolute Musik“ verteidigten — Musik also, die keiner Handlung und keiner Geschichte bedarf.

Tschaikowsky gehörte zwar keiner der beiden Lager strikt an, fühlte sich emotional jedoch deutlich weiter von Brahms entfernt als viele andere Komponisten seiner Zeit. Ihm erschien Brahms oft trocken, akademisch und unerquicklich. In einem weiteren Kommentar bezeichnete er dessen Musik sogar als „chaotische und völlig ausgetrocknete Angelegenheit“.


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Brahms wiederum äußerte sich öffentlich deutlich zurückhaltender über Tschaikowsky. Das bedeutet allerdings nicht, dass er dessen Musik liebte. Berühmt wurde die Geschichte, dass Brahms während einer Probe von Tschaikowskys Fünfter Symphonie eingeschlafen sein soll. Ob das wirklich aus Desinteresse geschah oder einfach aus Erschöpfung, ist bis heute nicht ganz klar. Allerdings hatte Brahms zuvor bereits bei der Uraufführung von Liszts h-Moll-Sonate geschlafen — eine Episode, die ebenfalls legendär wurde. 

Trotz allem begegneten sich die beiden Komponisten tatsächlich persönlich. Anfang Januar 1888 trafen sie sich in Leipzig bei einer Probe eines Brahms-Trios. Und überraschenderweise verlief die Begegnung freundlich. Tschaikowsky schrieb später, Brahms habe sich große Mühe gegeben, angenehm und herzlich zu sein. Die beiden gingen sogar gemeinsam essen und trinken. 

Musikalisch fanden sie trotzdem nie zueinander.

Brahms Denkmal am Karlsplatz in Wien
Foto: C.Stadler/Bwag/CC BY-SA 4.0
Brahms Denkmal am Karlsplatz in WIen

Vielleicht liegt gerade darin aber das Faszinierende. Brahms und Tschaikowsky verkörpern bis heute zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, was Musik sein kann. Der eine sucht Größe in Form und Struktur. Der andere in Emotion und unmittelbarer Wirkung. Der eine spricht den Verstand an, der andere direkt das Herz — wobei beide natürlich weit mehr waren als diese vereinfachten Gegensätze.

Und vielleicht erklärt genau das, warum ihre Werke bis heute Millionen Menschen bewegen. Denn die Geschichte der klassischen Musik lebt nicht nur von Harmonie, sondern auch von Reibung, Widerspruch und starken Persönlichkeiten.

Wer von beiden der größere Komponist war? Diese Frage dürfte wohl nie endgültig beantwortet werden. Zum Glück. 

Holger Hermannsen / 06.05.2026
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