Er stand zeitlebens im Schatten seines berühmten Vaters – und prägte doch eine ganze Epoche: Zum 20. Jubiläum der Potsdamer Winteroper bringt Dirigentin Johanna Soller Johann Christian Bachs Oper „Zanaida“ zurück auf die Bühne. Im Interview spricht sie über musikalische Entdeckerfreude, feine stilistische Details – und darüber, warum dieser Bachsohn endlich wieder den Platz bekommen sollte, der ihm zusteht.

Wenn von „Bach“ die Rede ist, denken die meisten sofort an Johann Sebastian Bach – an monumentale Passionen, kunstvolle Fugen und barocke Klangarchitektur. Dass einer seiner Söhne im 18. Jahrhundert europaweit gefeiert wurde, Opernerfolge in London feierte und sogar den jungen Wolfgang Amadeus Mozart nachhaltig beeinflusste, ist dagegen weit weniger präsent: Johann Christian Bach, der „Londoner Bach“, war zu Lebzeiten berühmt – und ist heute doch ein wenig zum Geheimtipp geworden.
Mit der Wiederentdeckung seiner Oper „Zanaida“, die ab dem 27. Februar 2026 bei der 20. Jubiläumsausgabe der Potsdamer Winteroper aufgeführt wird, rückt seine Musik wieder ins Rampenlicht. Die Dirigentin Johanna Soller spricht im Interview mit Klassik Radio-Moderatorin Evita Helling über Entdeckerfreude, stilistische Feinheiten – und darüber, warum Johann Christian Bach weit mehr ist als nur „der Sohn von“.
Klassik Radio: Johann Christian Bachs Oper “Zanaida” wurde erst 2010 wiederentdeckt – wie ist es so ein „neues“ Werk aufzuführen?
Johanna Soller: Es ist immer ein Erlebnis, Musik, gerade des 18. Jahrhunderts, die seit der Uraufführung, gar nicht gespielt wurde, dann zum ersten Mal wieder zu spielen. Man kann mit einer unglaublichen Entdeckerfreude und Neugier rangehen.
Klassik Radio: Sie sind ja auch Leiterin des Münchner Bachorchesters. Woran erkennt man eine gelungene Bachinterpretation?
Johanna Soller: Es hängt viel an ganz kleinen Details in der Partitur. Gerade in der Stilistik arbeitet Johann Christian Bach mit kleinen Vorschlägen, ganz kleinen Ornamenten. Und die wollen alle irgendwie erzählt werden.
Das macht die Musik sehr reich. Man kann es vielleicht ein bisschen mit Architektur vergleichen: Voller spritziger Details, aber man will natürlich trotzdem den ganz großen Bogen erzählen.
Klassik Radio: Welche Wichtigkeit würden Sie Johann Christian Bach in der heutigen Musikwelt, zusprechen?
Johanna Soller: Eine große, obwohl eben schmählich vernachlässigte in der Musikgeschichte. Man könnte natürlich sagen, dass in der Wiener Klassik auch das Genie eines Mozart nicht vom Himmel gefallen ist, sondern Vorbilder hatte.
Und Johann Christian Bach hat er eben Zeit seines Lebens als Vorbild bezeichnet und ihn auf einer seiner Wunderkind-Tourneen in London getroffen. Vielleicht hat er dabei sogar die „Zanaida“ kennengelernt. Es gibt Anekdoten, dass sie gemeinsam am Klavier saßen und vierhändig gespielt haben. Der Einfluss Johann Christian Bachs, gerade auf Mozart, ist also nicht zu unterschätzen.
Klassik Radio: Wie unterscheiden sich Johann Christian Bach und sein Vater?
Johanna Soller: Melodien spielen bei ihm eine größere Rolle. Strukturell ändert sich etwas im Satzgefüge der Partitur. Die Geigen übernehmen eine größere Rolle. Im Fall der „Zanaida“ laufen die Bratschen die meiste Zeit mit einem Continuum mit.
Das ist der Unterschied: Bei Johann Sebastian Bach herrscht eine große Demokratie unter den Stimmen.
Klassik Radio: Johann Christian Bach war nicht der einzige Bachsohn. Wie kann man ihn denn von seinen Brüdern unterscheiden?
Johanna Soller: Also zunächst durch die Lebensgeschichte: Johann Christian Bach ist der einzige Bachsohn, der Deutschland verlassen hat. Zunächst hat er in Italien studiert, ähnlich wie Händel. Und auch wie Händel hat er den Weg nach London gefunden – er war also international tätig.
Er ist vor allen Dingen als Opernkomponist bekannt geworden. Dazu kommt noch, dass er sich der Arbeit wegen dazu entschlossen hat zu konvertieren. Das ist etwas, das in der Bachfamilie sehr erwähnenswert ist. Ausserdem hat ein anderes Leben geführt als seine Brüder und war bereits zu Lebzeiten sehr, sehr bekannt.

Klassik Radio: Was macht denn die Oper „Zanaida“ Ihrer Meinung nach besonders sehenswert?
Johanna Soller: „Zanaida“ erzählt erst mal vom Gerüst her die Geschichte eines politischen Konflikts zwischen der Türkei und Persien und dem Versuch, diesen Konflikt durch eine Heirat beizulegen.
Zanaida, die Protagonistin, kommt nach Persien, um den König Tamasse zu heiraten. Dessen Herz gehört aber schon jemand anderem. Und überhaupt passiert nichts, wie es vorgesehen ist.
Und aus musikalischer Sicht: Die Musik erzählt so viel mehr, als man vielleicht beim ersten Durchlesen des Librettos erwarten würde. Durch die Musik ergibt sich ein sehr, sehr großes Spektrum an Farben, an Charakterzügen, an Affekten.
Das macht das Stück sehr reichhaltig und sehr spannend. Und die Auflösung ist besonders aufregend, weil unsere Regisseurin Rahel Thiel auch Lust hatte, es anders zu erzählen, als es das Libretto vielleicht erahnen lässt.
Klassik Radio: Worauf dürfen wir uns bei Ihrer Interpretation von „Zanaida“ freuen?
Johanna Soller: Ich freue mich unglaublich über die Zusammenarbeit mit der Kammerakademie Potsdam.
Das ist ein Orchester, das mit der Musik sehr vertraut ist und diese Sprache ganz ureigen spricht. Es ist ein großes Vergnügen, dann ganz detailliert zu arbeiten. Wir hatten schon einige Orchesterproben und ich freue mich einfach auf die nächste Zeit, wenn dann Gesang und Orchester zusammenkommen und es in die Endprobenphase geht. Am 27. Februar ist die Premiere.
Klassik Radio: Bis dahin wird durchgehend, jeden Tag, geprobt?
Johanna Soller: Bis dahin wird durchgehend geprobt, genau. Und eben auch mit dem Luxus, dass wir ab schon in der Friedenskirche proben, wo die Oper dann auch aufgeführt wird. Eine besondere, und sehr schöne Bühne.
Wer Lust auf großartige Opernmomente hat, muss nicht nur die Bühne besuchen – auf unserem Streamingsender „Best of Oper“ erklingen die schönsten Arien und Stücke aus den größten Opern aller Zeiten. Perfekt, um sich von meisterhafter Musik verzaubern zu lassen.
* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis


