Taktstockflug, Turnschuhe auf der Bühne, Applaus zur falschen Zeit und ein klingelndes Handy im falschen Moment: Simon Rattle hat im Konzertsaal einiges erlebt. Fünf belegte Episoden aus einem Musikerleben, das selten ganz nach Plan verlief – und gerade deshalb in Erinnerung blieb.

Berlin, Philharmonie. Ein Willkommenskonzert für Geflüchtete, gestaltet von den Berliner Philharmonikern gemeinsam mit Daniel Barenboim und Iván Fischer. Viele der Gäste sind zum ersten Mal in einem klassischen Konzert. Die Musiker erscheinen ohne Frack, Kinder bewegen sich durch den Saal, zwischen den Sätzen wird geklatscht. Der Applaus kommt nicht immer dort, wo er sonst vorgesehen ist.
Simon Rattle steht am Pult und dirigiert weiter. Er unterbricht nichts, korrigiert nichts. Das Programm läuft, der Applaus setzt ein, wann immer er entsteht. Für diesen Abend hält sich niemand sichtbar an die üblichen Konzertregeln – und niemand scheint sie zu vermissen.
Berlin, frühe 2000er-Jahre. 250 Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichsten Schulen treffen auf die Berliner Philharmoniker. Auf dem Pult: Le Sacre du printemps. Statt im Zuschauerraum zu sitzen, stehen die Jugendlichen auf der Bühne oder tanzen davor. Wochenlang wird geprobt, diskutiert, gestritten, gelacht.
Am Ende entsteht eine Aufführung, die gefilmt wird und später unter dem Titel Rhythm Is It! in die Kinos kommt. Die Berliner Philharmoniker spielen Stravinsky, während Jugendliche dazu tanzen – ein Bild, das um die Welt geht.
Das Programm war lang, der Abend fordernd. Simon Rattle stand am Pult der Berliner Philharmoniker und dirigierte bis zum Schluss Schuberts Neunte. Dass er sich an diesem Tag mit einer Magen-Darm-Grippe herumschlug, merkte man ihm nicht an. Erst im Finaleein kurzer Moment der Schwäche: Der weiße Taktstock verließ seine Hand, beschrieb einen sauberen Bogen über den Orchestergraben und landete in der ersten Reihe des Publikums. Niemand zuckte, niemand wurde getroffen. Rattle dirigierte weiter – nun eben ohne Taktstock – und brachte die Sinfonie souverän zu Ende. Der Schlussakkord saß. Der Taktstock tauchte später wieder auf.
Im März 2020 stand Simon Rattle am Pult der Berliner Philharmoniker vor einem Saal, in dem sich niemand befand. Wegen der beginnenden Corona-Krise war das Konzert ohne Publikum geplant worden, nur für die Übertragung in der Digital Concert Hall. Die Musiker spielten Berios Sequenza und Bartóks Konzert für Orchester, und der Raum, sonst durch Zuhörer atemreich erfüllt, blieb leer. Trotzdem war der Ablauf wie immer: Rattle führte, die Musiker antworteten, und die Interpretation nahm ihren Lauf. Als dieser ungewöhnliche Abend endete, klang die Musik in einem Saal nach, der nur seinen eigenen Nachhall hörte, bevor sie in die Wohnzimmer und Kopfhörer der Zuhörer weitergetragen wurde.

Bei vielen Dirigenten gehört der Frack zur Grundausstattung. Simon Rattle erschien in Berlin immer wieder ohne ihn. Keine Krawatte, kein Frack, gelegentlich sportliche Schuhe. Fotos aus Konzerten zeigen ihn so auch bei offiziellen Anlässen auf dem Podium.
Am Ablauf des Abends ändert das nichts. Einsatz, Tempo, Schlussakkord – alles dort, wo es hingehört.
* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis


