Er arrangiert die bekanntesten Klassik-Hits neu, setzt auf „100 Prozent handgemacht“ und nimmt sich dafür bewusst Zeit. Im Interview mit Klassik Radio Redakteurin Valeska Baader spricht Star-Geiger David Garrett über sein neues und bislang persönlichstes Album "Immortal", warum er "Nessun dorma" erstmals für die Geige arrangiert hat und weshalb Perfektion für ihn wichtiger ist als Schnelligkeit.

Klassik Radio: Was steckt hinter dem Album-Titel Immortal?
David Garrett: Die grundsätzliche Idee des Albums – deswegen auch der Name – ist, den zeitlosesten Komponisten, also dem, was uns über die Jahrhunderte hinweg immer noch fasziniert, mit diesem Album ein Tribut zu zollen. Deswegen auch der Name: Immortal – unsterblich. Das sind für mich die unsterblichen Komponisten der letzten 400 Jahre.
Klassik Radio: Das Album erscheint ja erst im Oktober. Mit Nessun dorma hast du daraus aber nun bereits eine erste Single veröffentlicht. Was fasziniert dich an diesem Stück?
David Garrett: Nessun dorma ist natürlich unglaublich bekannt, auch über die Welt der Klassik hinaus. Und es ist ein Stück, das es bislang nicht als Arrangement für Geige gegeben hat. Das fand ich sehr spannend und auch fast schon faszinierend, dass sich da noch keiner mit beschäftigt hat, weil es doch auch melodisch ein tolles Stück für das Instrument ist.
Klassik Radio: War es schwierig, Nessun dorma für die Geige zu arrangieren?
David Garrett: Ich glaube, jedes Stück ist eine Challenge. Es hat immer einen gewissen Schwierigkeitsgrad. Bei Nessun dorma zum Beispiel gibt es am Anfang einen eher rezitativen Part. Den irgendwie schön auf die Geige umzuschreiben und dabei nicht nur die Melodiestimme des Tenors zu nehmen, sondern auch ein bisschen die Harmonien und Akkorde mit einzubauen – das ist die Herausforderung. So, wie das vielleicht auch Fritz Kreisler, Michael Ehmann oder Jascha Heifetz gemacht hätten, wenn sie dieses Stück für die Geige arrangiert hätten. Also ich gehe da immer mit spitzer Feder an so etwas heran und versuche, das nicht nur musikalisch schön zu machen, sondern natürlich auch geigerisch spannend.
Klassik Radio: Du hast hast ja nicht nur Nessun dorma selbst arrangiert, sondern auch alle anderen Stücke auf dem Album. Was war dir dabei besonders wichtig?
David Garrett: Für mich sind musikgeschichtlich ganz viele Elemente wichtig, die ich auch in jedes Arrangement bringe. Jeder Komponist hat einen anderen Vibe, einen anderen Zugang, eine andere Instrumentalisierung. Und das versuche ich bei jedem Stück immer wieder auf den jeweiligen Komponisten zugeschnitten zu machen – aber mit den Möglichkeiten, die ich heute auch bei diesen Komponisten sehe.
Ein Beispiel: Jesus bleibet meine Freude ist ja eigentlich ein Stück, das es im Original von Johann Sebastian Bach nur für Klavier gibt. Dementsprechend gab es nie ein Arrangement für Geige. Das war ein Stück, bei dem ich dann gesagt habe: Die Melodie ist so schön, sie passt fantastisch auf die Geige. Für das Arrangement habe ich dann die Instrumente verwendet, die Johann Sebastian Bach damals zur Verfügung hatte, habe das Ganze aber nun ein bisschen orchestraler arrangiert.
Klassik Radio: Du bezeichnest dein neues Album als dein bislang persönlichstes Album. Warum?
David Garrett: Es ist natürlich wieder ein klassisches Album, dementsprechend auch mit Stücken, die ich kenne und liebe, seit ich denken kann. Ich habe diese Stücke schon als Kind gehört und sowohl die Stücke und Komponisten als auch die Interpreten bewundert. Mittlerweile bin ich in meinem Leben als Künstler so weit, diese Stücke noch einmal aufzunehmen, sie im eigenen musikalischen Gewand zu adaptieren und zu arrangieren. Das ist natürlich eine ganz tolle, großartige Möglichkeit, und das macht mich sehr stolz.
Klassik Radio: Mit dem Hinweis „100% handgemacht“ setzt du auf deinem neuen Album ein klares Statement. Warum war dir das wichtig?
David Garrett: Das habe ich absichtlich in den Vordergrund gerückt. Es gibt heutzutage so viele Möglichkeiten. Man will alles schnell und günstig hinbekommen. Mir war ganz wichtig, diese Tradition hervorzuheben, sich Zeit zu lassen und auch selbst in die Tasche zu greifen, um so etwas wirklich perfekt zu machen. An diesen Hürden zeichnet sich auch die eigene Leistungsgrenze ab. Wie viele Prozente kannst du aus dir selbst rausholen? Und das finde ich immer wieder spannend. Dinge, die zu einfach sind, haben für mich persönlich nie langfristig das gleiche Ergebnis. Kurzfristig ja, aber nicht über ein, zwei, drei oder vier Jahre, geschweige denn über Jahrzehnte.
Klassik Radio: Was ist dein Lieblingstitel auf dem Album?
David Garrett: Das ist wirklich sehr, sehr schwer zu beantworten. Wenn man fast anderthalb Jahre diese Stücke arrangiert, verbindet man natürlich mit jedem Stück unglaublich viel Zeit und Liebe und einen ganz eigenen Entwicklungsprozess. Aber es geht nichts über Johann Sebastian Bach: Das muss man fairerweise sagen. Das ist mein Lieblingskomponist. Dementsprechend: Ich würde wahrscheinlich mit Bach gehen, einfach nur, weil es nichts Größeres, Genialeres und Schöneres gibt als Johann Sebastian Bach.
Klassik Radio: Mit dabei auf dem Album ist auch John Williams. Er gehört ja eher zu den neueren Komponisten. Warum ist er für dich trotzdem zeitlos?
David Garrett: Er ist ein absolutes Genie. Er hat eine unglaubliche Präsenz. Ich glaube, von allen Filmkomponisten wahrscheinlich sogar die größte Präsenz, was Melodik angeht. Und das nicht nur in der klassischen Musik, sondern überhaupt: Man kennt jeden Soundtrack von ihm. Ob es Indiana Jones ist, ob es Star Wars ist oder auch Schindlers Liste.
Klassik Radio: Was ist dein Lieblingstitel von John Williams?
David Garrett: Ich bin ein großer Star Wars-Fan, muss ich fairerweise sagen. Es gibt keinen Lieblingstitel per se. Aber ich habe als Kind mit meinem Bruder alle Star Wars Filme hunderte Male angeschaut. Dementsprechend ist das bei mir besonders einprägsam in Erinnerung.
Klassik Radio: Ist geplant, dass du mit dem neuen Album auch auf Tour gehst?
David Garrett: Absolut. Das Album erscheint ja im Oktober diesen Jahres. Ab Februar oder März nächsten Jahres werden wir wahrscheinlich ein paar Konzerte in Deutschland, Österreich und der Schweiz spielen und anschließend international mit dem Album über das Jahr hinweg unterwegs sein.
Klassik Radio: Jetzt geht es ja diese Woche erst einmal los mit deiner Millennium Symphony Open Air Tour. Bist du eher der Typ für Open-Air-Konzerte oder eher für die Konzerthalle?
David Garrett: Also, vor zwei Tagen hätte ich dir noch gesagt, als ich hier in Berlin in meiner Bude geschwitzt habe: Ehrlich gesagt, ich bin eher Fan von den alten Klassikräumen, weil es da Klimaanlagen gibt. Es war ja wirklich bullenheiß hier in Berlin. Aber ich muss fairerweise sagen: Ich mag beides sehr, sehr gerne. Es sind ganz unterschiedliche Stimmungen – sowohl was auf der Bühne passiert als auch, was im Publikum passiert. Ich glaube, in der Philharmonie zu spielen, ist erstens eine große Ehre und zweitens eine fantastische Akustik. Es gibt großartige Klassikräume, die mir unglaublich viel Spaß machen. Allerdings finde ich, Open Air zu spielen, ist immer eine unglaublich schöne Brücke, die man auch zu einem Publikum schlagen kann, das sich mit Klassik nicht so auskennt. Und das ist ja etwas ganz Wichtiges: dass wir als Künstler, als Klassik-Künstler, ein Publikum immer wieder neu an diese Musik heranbringen. Ich glaube, da ist Open Air ein faszinierender Ort, weil es die Natur widerspiegelt, weil die Musik sozusagen die Natur auch noch ein Stück weit mehr zelebriert. Und das mag ich sehr gerne.
Klassik Radio: Wie schaffst du es, bei dieser Hitze vor einem Auftritt einen kühlen Kopf zu bewahren?
David Garrett: Wenn es die Möglichkeit gibt, gehe ich backstage kurz vorher noch einmal kalt duschen. Und dann ziehe ich natürlich Klamotten an, die mir die Freiheit geben, zwei Stunden zu spielen. Es ist ja nicht so, dass ich bei den Konzerten nur ein Violinkonzert spiele, sondern ich spiele zwei Stunden am Stück. Das ist natürlich auch körperlich anstrengend, und das spürt man. Deshalb versuche ich bei der Kleiderwahl immer etwas zu finden, das möglichst leicht ist und mich beim Spielen nicht einschränkt, damit ich nach den zwei Stunden nicht völlig erschöpft bin.
Klassik Radio: Und wie ist es mit der Geige? Muss man da irgendwas beachten bei den Temperaturen?
David Garrett: Die Geige kommt ja Gott sei Dank nicht aus Sibirien, sondern aus Cremona. Sie müsste die heißen Temperaturen also eigentlich gewohnt sein. Ich würde sie aber nicht der Sonne aussetzen. Das heißt, wenn die Sonne auf die Bühne scheint, proben wir im Schatten. Aber die Uhrzeiten der Konzerte sind ja immer so, dass dann beim Konzert Sonnenuntergang ist. Man hat also nicht den direkten Approach der Sonne auf den Lack. Das wäre ganz schlimm für die Instrumente. Aber es ist eigentlich eher Kälte und Trockenheit, was den Instrumenten zu schaffen macht.
Klassik Radio: Hast du Rituale vor einem Konzert, die du immer machst, bevor du auf die Bühne gehst?
David Garrett: Die schwierigen Passagen noch einmal langsam durchgehen – so, wie meine Kollegen das auch meistens machen. Ich bin jetzt nicht der große kulinarische Esser vor dem Konzert, wahrscheinlich auch, weil der Magen bei einer gewissen Anspannung nicht unbedingt mitspielt. Aber üben, gucken, dass man sich gut fühlt, dass man ausgeschlafen ist, wenn es möglich ist – das sind eigentlich die wichtigsten Dinge. Und dann, in dem Moment, in dem man auf die Bühne geht, natürlich auch das Gefühl der Selbstsicherheit zu haben und sich dementsprechend vorzubereiten.
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