Wenn Mozart plötzlich nach Rock ’n’ Roll klingt und Bach fast wie Jazz wirkt, steckt Felix Reuter dahinter. In seinem Programm „Die verflixte Klassik“ verbindet der Pianist Humor, Improvisation und Musikgeschichte – und zeigt, wie überraschend modern klassische Musik sein kann.

Was passiert, wenn zwei Schwäne heiraten? Der eine Schwan stammt aus Camille Saint-Saëns’ Karneval der Tiere, der andere aus Tschaikowskys Schwanensee. Und während beide musikalisch zueinanderfinden, erklingt plötzlich der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn. Eine absurde Vorstellung? Vielleicht. Aber genau mit solchen Momenten zeigt Felix Reuter, dass Klassik nicht verstaubt ist – sondern mehr kann. Der Pianist und Musikkomödiant tourt derzeit mit seinem Konzertprogramm Die verflixte Klassik durch Deutschland – und zeigt dabei mit musikalischen Überraschungen, schrägen Begegnungen und augenzwinkernden Pointen ein musikalisches Spiel voller überraschender Verbindungen und humorvoller Wendungen.
Wer Reuters Show besucht, erlebt kein klassisches Klavierrecital. Die großen Werke der Musikgeschichte tauchen zwar auf – Mozart, Beethoven, Tschaikowsky oder Rachmaninoff –, aber nie so, wie man sie erwartet. „In diesem Konzert geht es um die schönsten Kompositionen der Klassik. Ich spiele aber nicht die Originalstücke, sondern improvisiere gewissermaßen die schönsten Stellen daraus aneinander“, erzählt Reuter im Interview mit Klassik Radio Redakteurin Valeska Baader. Dabei improvisiert er frei, reagiert auf das Publikum und baut spontane Ideen in den Abend ein. Das Ergebnis ist eine Art musikalische Zeitreise durch 300 Jahre Musikgeschichte.
Der Kern seines Programms ist eine simple, aber verblüffende Beobachtung: Viele musikalische Ideen der Klassik leben bis heute weiter – manchmal nur leicht verändert. „Wenn man zum Beispiel die Musik von Johann Sebastian Bach nimmt und Stilistik, Betonung und Rhythmus ein bisschen verändert, klingt das plötzlich verblüffend nach Jazz. Dann kann das glatt als Jazz durchgehen.“ Genau diese Momente liebt Reuter. Denn sie zeigen, wie eng die verschiedenen musikalischen Epochen miteinander verbunden sind. Ähnlich sei es auch bei Mozart, erzählt er weiter: „Bei Mozart spielt die linke Hand eine ganz bestimmte Figur. Und wenn man diese ein bisschen verändert, entdeckt man immer wieder Parallelen, bei denen man denkt: Das ist doch eigentlich der Vorläufer von Rock ’n’ Roll.“
Solche musikalischen Verwandtschaften tauchen überall auf – manchmal sogar dort, wo man sie nie vermutet hätte. Reuter zeigt zum Beispiel, dass die berühmte Melodie aus Smetanas Moldau im Grunde nichts anderes ist als Alle meine Entchen in Moll – und dass Motive aus der Klassik später sogar in Pop-Songs auftauchen. „Es gibt unglaublich viele Plagiate“, sagt er lachend. „Und dann spiele ich natürlich auch das Original, aus dem diese Melodien geklaut wurden.“ Dabei geht es ihm nicht darum, Komponisten bloßzustellen – sondern darum, zu zeigen, wie Musik funktioniert. Denn, sobald man die Bausteine erkennt, hört man die Werke plötzlich anders.
Klassische Musik verständlicher zu machen - genau darin liegt Reuters Mission. Nicht mit trockenen musikwissenschaftlichen Erklärungen, sondern mit Humor, Geschichten und musikalischen Experimenten. „Ich wünsche mir, dass manchmal in der klassischen Musik ein bisschen mehr erklärt wird, was man dort spielt und wer das geschrieben hat und warum.“ Denn wenn man die Hintergründe kennt, verändert sich das Hören.
Dabei räumt Reuter auch mit einem der hartnäckigsten Vorurteile auf, nämlich, dass klassische Musik automatisch ernst sein muss. „Ich denke immer, dass viele davon ausgehen, dass klassische Musik ernste Musik ist. Da darf man nicht husten, da darf man nicht lachen.“ Historisch gesehen stimmt das ohnehin nicht. Mozart, Bach oder Beethoven komponierten ihre Werke oft für gesellschaftliche Zusammenkünfte – für Räume, in denen geredet, gegessen und gelacht wurde. Genau dieses Gefühl möchte Reuter zurückholen. „Ich will ein bisschen versuchen, die klassische Musik so nahezubringen, dass sie nicht bitterernst ist, sondern dass man auch drüber lachen kann und dass man sie auch verändern darf.“
Der vielleicht schönste Effekt dieser Tour zeigt sich aber erst nach dem Konzert: Die Musik unterhält nämlich nicht nur, sondern sie löst auch etwas aus, wie Reuter im Interview erzählt. „Gäste schreiben mir, dass sie zu Hause doch wieder ans Klavier gegangen sind, dass sie doch wieder üben, nachdem sie Jahre oder Jahrzehnte nicht am Klavier gewesen sind.“ Das kommt nicht von ungefähr. Reuter gibt bewusst kleine „Mitnehm-Ideen“ mit, Dinge, die man zu Hause ausprobieren kann – und die schnell funktionieren. Weil er überzeugt ist, dass Musizieren nicht nur Kunst, sondern Gehirntraining ist: „Einen Ton zu sehen und diesen Ton auf einem Instrument oder mit seiner Stimme zu formen, ist für das Gehirn Höchstleistung.“ Und plötzlich wird Die verflixte Klassik zu etwas, das mehr ist als „Comedy meets Klassik“. Es ist ein Konzert, das den Respekt vor der Musik nicht ausstellt, sondern voraussetzt – und dann den Mut hat, sie zu verdrehen, umzudrehen, zu verheiraten, zu klauen, wiederzufinden. So lange, bis man wieder merkt, wie modern diese „alte“ Musik eigentlich ist.
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