Max Richter im Gespräch mit Klassik Radio

Wie politisch darf Musik sein?Max Richter im Gespräch mit Klassik Radio

Wenn Zuhörer bei einem Konzert einschlafen, dann ist das ja eigentlich kein gutes Zeichen. Bei der Musik von Max Richter aber schon.

Max Richter im Gespräch mit Klassik RadioFoto: Mike Terry

Bei seinem achtstündigen Werk „Sleep“ schlafen im Konzertsaal alle auf einer Liege. Und auch sonst ist die Musik Richters eher unkonventionell. Wir haben mit ihm gesprochen, wie er seine Musik selbst beschreiben würde und wie politisch sein neustes Album „Exiles“ ist.

Aber vorerst müssen wir klären: was meint er mit „aktivist music“? Denn so nennt Richter seine Musik. Er sagt: „Es ist Musik, die sich mit dem hier und jetzt beschäftigt, als Teil eines Vorganges, den wir alle durchmachen, da wir einer Gesellschaft und einer Welt mit vielen Veränderungen leben“, so Richter.

Wenn wir eine Geschichte hören, ein Bild anschauen, einen Film ansehen, einen Roman lesen oder Musik hören, befinden wir uns in einem Dialog mit dem Geist eines anderen Menschen auf eine sehr fundamentale Art und Weise.

Max Richter

Wie politisch ist die Musik von Richter?

„Ich glaube nicht, dass sie politisch ist. Sie ist eher mit der Welt, in der wir leben, beschäftigt. Meine Arbeit hat hauptsächlich damit zu tun, sich diejenigen Fragen anzusehen, die uns momentan umgeben“, so Richter. Aber ist er damit nicht automatisch politisch? „Ich wende meine Haltungen und Aktionen, die ich im alltäglichen Leben habe, bei der Musik an, bei meiner kreativen Arbeit. Ich sehe sie auch ehrlich gesagt nicht als unterschiedlich an und sie müssen auch einfach zusammenpassen.“

Richter ist ein politisch denkender Mensch und somit ist es auch seine Musik. Über sein neu erschienenes Album „Exiles“ sagt er uns: „Es ist eine musische Version der Konversationen, die ich morgens beim Kaffee am Küchentisch gemeinsam mit meiner Frau Julia habe. Dieselbe Orientierung und dieselben Interessen und Impulse.“

Wie politisch sollte Musik sein?

Die Musik und die Politik ist vor allem im vergangenen Jahr stark in den Fokus gerückt: Gibt es genügend Politiker, die die Interessen von Musikern vertreten? Gibt es genügend Musiker, die sich politisch engagieren? Sollen sie das überhaupt oder soll die Musik nicht lieber ein neutraler Rückzugsort sein?

Die Arbeit von Max Richter ist geprägt von gesellschaftspolitischen Themen. Er ist der Meinung, dass diese Frage jeder Künstler für sich selbst beantworten muss: „Jeder Musiker hat darauf eine andere Antwort, angefangen bei der Meinung, Musik sei eine absolut geschlossene Welt ohne Beziehung zu der Welt da draußen… könnte man eventuell als traditionelle Sicht der klassischen Musik bezeichnen. Dabei geht es oftmals „nur“ um die Noten, aber ich glaube: man verpasst damit eine große Chance in einen Dialog mit der Welt zu treten, in der wir leben.“

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Kreativität stellt Fragen

Die Themen aus dem Album "Exiles" sind für Richter relevant und er erachtet sie als wichtig, um sich damit auseinanderzusetzten, sieht die Notwendigkeit aber auch für andere. Des Weiteren hat er eine sehr tiefgreifende Sicht auf seine Arbeit: „Kreativität stellt von Natur aus Fragen! Kreative Arbeit hat keinen Nutzen… sie ist nutzlos, man kann sie nicht essen und nicht in ihr wohnen, aber nichts destotrotz ist sie wichtig für uns. Warum? Da kreative Arbeiten wesentliche Dinge ansprechen, die ausmachen, wer wir als Menschen sind. Wenn wir eine Geschichte anhören oder ein Bild anschauen, einen Film ansehen, einen Roman lesen oder Musik hören, befinden wir uns in einem Dialog mit dem Geist eines anderen Menschen auf eine sehr fundamentale Art und Weise. Wir bekommen die Perspektive eines anderen Menschen, was es bedeutet auf dieser Welt zu sein. Das ist ein sehr selbstverständlicher Bestandteil von Kreativität, ob eindeutig oder nicht glaube ich, dass es fundamental ist.“

Dabei betonte Richter, dass er niemandem seine Sicht aufzwingen möchte. Auf die Frage hin, welche Themen ihn denn beschäftigen, sagte er uns: „Fragen, wie sich Menschen und Nationen gegenseitig behandeln, soziale Gerechtigkeit oder Themen die uns einfach Beschäftigen in Bezug darauf, wie wir unser Leben gestalten. Das sind die Themen, die meine Neugier und Interessen fesseln.“

Über Igor Levit

Der Starpianist ist in der Vergangenheit durch seine oftmals politisch motivierten Konzerte aufgefallen. Max Richter hat für seinen Musikerkollegen Igor Levit nur Bewunderung übrig. „Egal, welche politische Orientierung der einzelne hat… was beeindruckend ist bei seiner Arbeit, dass er eine Konversation, Debatten und Fragen auslöst“, so Richter.

Ob Musik durch eine politische Motivation mehr Einfluss auf Menschen hat, das lässt Richter offen. Er persönlich sehe die kreative Arbeit übrigens als eine Möglichkeit seine eigenen Gedanken zu Themen zu verarbeiten und hofft, dass die Menschen beim Hören seiner Musik ebenfalls die Möglichkeit dazu haben.

(25.08.2021/ L. Bothor)

Erhalten Sie Informationen aus erster HandBestellen Sie den Klassik Radio Newsletter

* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis

Neueste Artikel

Masken, Melodien, Menschenmengen – Wie der venezianische Karneval die Oper erfand
Zwei kostümierte Frauen am Karneval in Venedig

Masken, Melodien, Menschenmengen – Wie der venezianische Karneval die Oper erfand

Von funkelnden Masken über laute Kanäle bis zu prunkvollen Opernhäusern: Im Venedig des 17. Jahrhunderts verschmolzen Feierlust und Kunst zu einem neuen Kulturerlebnis, das die Musikgeschichte revolutionierte. Der Karneval wurde zur Geburtsstätte der Oper – ein Spektakel für Zehntausende, die aus ganz Europa in die Lagunenstadt strömten.

„Ich spiele nicht die Musik, sondern die Musik spielt mich“ – Rüdiger MENG komponiert in Echtzeit
Rüdiger Meng am Klavier

MENG - The Art Of LiveComposition
„Ich spiele nicht die Musik, sondern die Musik spielt mich“ – Rüdiger MENG komponiert in Echtzeit

Wenn er sich ans Klavier setzt, ist alles möglich. Rüdiger MENG komponiert live auf der Bühne – ohne Netz, ohne doppelten Boden. Damit hat er schon Musiklegenden wie Quincy Jones, Phil Collins oder Simply Red beeindruckt. Im Interview mit Klassik Radio-Redakteurin Farah Losch erzählt er, warum diese Form der Live-Komposition für ihn die höchste Disziplin ist – und ein klares Statement gegen KI und durchgeplante Shows.

Bernstein und Karajan gemeinsam in der Bar
Lucca Züchner als Herbert von Karajan und Helen Schneider als Leonard Bernstein

Vom Broadway nach Hamburg: "Last call"
Bernstein und Karajan gemeinsam in der Bar

Die Antipoden Karajan und Bernstein treffen in einer Bar aufeinander. Ist tatsächlich so passiert. Davon erzählt das Theaterstück „Last Call“. Vom Broadway kommt das Stück nun in die Hamburger Kammerspiele. Dabei werden die Giganten von Frauen verkörpert. Ein Gespräch mit Regisseur und Co-Produzent Gil Mehmert über die Hintergründe und welchem irren Zufall das Stück zu verdanken ist.

Klassik Radio - Deutschland nationalKlassik Radio - Deutschland national