Violinistin Esther Abrami hat sich nicht nur in der Musikszene einen Namen gemacht – sie ist auch auf Social Media ein Star mit mehr als 430 Tausend Followern. So bringt sie Klassik auch einem jungen Publikum näher. Nun bekommt sie am Sonntag den Opus Klassik in der Kategorie „Klassik ohne Grenzen“ verliehen, für ihr Album „Femmes“. Davor erscheint ihr neues Album "Amour" - mit so vielen eigenen Kompositionen wie nie zuvor. Im exklusiven Klassik Radio Interview erzählt sie, warum der Opus etwas ganz besonderes für sie ist und was es für ein Gefühl ist, eigene Kompositionen zu interpretieren.

Klassik Radio: Wie sind Sie auf das Thema Liebe für dein neues Album gekommen? War das immer schon in deinem Kopf, oder gab es einen Moment, in dem du gedacht hast: „Das neue Album soll von Liebe handeln“?
Esther Abrami: Das ergab sich nach meinem letzten Album “Women”, für das ich das Stück “Transmission” komponiert habe. Das Feedback darauf war unglaublich – von Menschen, die es hörten, bis zu denjenigen, die mich live im Konzert gesehen haben. Es wurde immer sehr gut aufgenommen. Das hat mich ermutigt, mehr zu komponieren. Ich dachte: „Dieses nächste Album soll etwas Neues sein – zum ersten Mal fast ausschließlich eigene Kompositionen."
Wenn ich Musik schreibe, ist sie immer mit meinen Erlebnissen und Gefühlen verbunden. “Transmission” (auf dem Album "Femmes" Anm.d.R.) erzählte die Geschichte meiner Großmutter, die mir ihre Geige schenkte.
In den letzten Jahren habe ich besonders eine Beziehung erlebt, die mich sehr geprägt hat. Daraus sind neue Stücke entstanden. Mir ist klar geworden: Ich komponiere immer um ein Gefühl herum. Das liebe ich am Komponieren: etwas auszudrücken, eine Geschichte zu erzählen. So ist die Idee entstanden, eine Suite über die Emotionen einer Beziehung zu schreiben – von Verliebtheit, Streit über Sehnsucht und Obsession bis hin zu dem Gefühl, in einer Beziehung gefangen zu sein. Am Ende hat das eine ganze Palette von Emotionen ergeben, die man in einer Beziehung fühlen kann.
Klassik Radio: Diese "Amour Suite" ist ja auch sozusagen das Herzstück Ihres neuen Albums. Können Sie sie uns noch etwas näher vorstellen?
Esther Abrami: Die Suite ist für Violine und Orchester und besteht aus neun Sätzen. Jeder Satz kann auch für sich allein gehört werden oder in anderer Reihenfolge.
Doch hört man die Suite chronologisch, hat sie einen klaren Anfang und ein Ende: Vom ersten Kennenlernen bis zum Ende einer Beziehung. Ich beginne mit “Coup de foudre”, also dem sprichwörtlichen Verliebtsein auf den ersten Blick. Dann folgen Gefühle wie “Fusion” – Leidenschaft und reine Liebe –, danach Obsession, Eifersucht und ein dunklerer Satz über das Gefühl, mit jemandem gefangen zu sein. Schließlich geht es um eine zweite Chance, das Freiwerden und die Befreiung. Ich wollte auch die dunkleren Seiten thematisieren, die viele Frauen kennen – bis hin zu Formen von Gewalt, die sich auch in Worten oder Verhalten äußern können. Am Ende bleibt viel Raum für eigene Interpretation. Ich hoffe, dass die Musik möglichst viele Menschen erreicht.
Klassik Radio: Das glaube ich sofort. Schließlich erkennt sich vermutlich jeder und jede an einem Punkt wieder - je nach Lebensphase.
Esther Abrami: Genau. Wir alle haben unterschiedliche Beziehungen erlebt. Die Gefühle, die ich ausgewählt habe, kennen fast alle – besonders, wenn man älter wird und Verschiedenes durchgemacht hat. So lernen wir, was wir wirklich wollen, und gehen durch viele Phasen.
Klassik Radio: Eine schöne Idee – alle Facetten einer Liebesgeschichte, verdichtet in einem Werk. Was ist das eigentlich für ein Gefühl, als Musikerin ein eigenes Werk zu spielen statt "nur" zu interpretieren?
Esther Abrami: Das Gefühl ist ganz anders – beim Komponieren und beim Spielen. Zu wissen, dass die Noten aus einem selbst kommen und direkt mit Erlebtem verbunden sind, ist besonders. Als klassische Musikerinnen und Musiker interpretieren wir meist, versetzen uns in die Haut der Komponierenden. Das ist großartig – aber es ist noch schöner in der eigenen Haut zu stecken.
Klassik Radio: Das ist sehr schön gesagt. Wie haben Sie denn die anderen Werke für das neue Album ausgewählt?
Esther Abrami: Ein Album so zu kuratieren, dass es stimmig ist, ist nie leicht. Ich füge nie willkürlich Stücke zusammen. Zur Suite dachte ich: Es wäre schön, einige klassische Stücke aufzunehmen, die für viele Menschen Liebe repräsentieren – etwa Carmen (...), Romeo und Julia oder Glucks Orfeo ed Euridice. Außerdem nehme ich auf meinen Alben gern ein Popstück mit auf, neu arrangiert, im klassischen Gewand. So schlage ich Brücken für Menschen, die nicht aus der klassischen Welt kommen. Für dieses Album habe ich nach einem passenden Song gesucht. Celine Dion ist in Paris gerade sehr präsent, und “All By Myself” passt für mich thematisch – es geht nicht nur um romantische Liebe, sondern auch um Herzschmerz. Ein Lied, das man nach einer Trennung hört.
Klassik Radio: Welche Botschaft möchtest du mit dem Album senden?
Esther Abrami: Dass es viele Arten zu lieben gibt – und dass Liebe zyklisch ist. Nichts bleibt für immer gleich; Liebe nimmt verschiedene Formen an. Wer gerade Liebeskummer hat, bleibt nicht für immer unglücklich – man wird wieder lieben. Und auch wenn man sicher ist, “die richtige Person” gefunden zu haben, weiß man nie, was das Leben bringt. Manchmal bleibt es für immer, manchmal hat das Leben anderes vor. Ich wollte Musik schreiben, die sich mit vielen Emotionen verbindet – sodass man etwas findet, das zum eigenen Zustand passt. “Rupture”, der Satz über die Trennung, entstand, als ich selbst gerade eine Trennung durchmachte. Schreiben war dabei tröstlich – viele verarbeiten ja inneres Erleben in Büchern, Musik oder Bildern. Genau das habe ich mit diesem Album getan.
Klassik Radio: Am Wochenende bekommen Sie den Opus Klassik für Ihr vorheriges Album "Femmes" in der Kategorie "Klassik ohne Grenzen". Herzlichen Glückwunsch! Sie haben schon viele Preise bekommen, aber sie meinten, der Opus sei etwas ganz besonderes für Sie. Warum?
Esther Abrami: Als ich vor etwa fünf Jahren zum ersten Mal nach Berlin gekommen bin (...), wurde ich eingeladen, die Opus-Klassik-Gewinner auf dem roten Teppich zu interviewen. Ich war noch Studentin, stand dort und schaute mir die Verleihung an. Ich sagte mir: "Eines Tages wird mein Album einen Opus" gewinnen. Dieser Traum blieb in meinem Kopf und Sie wissen ja, was für ein Gefühl es ist, wenn ein Traum dann Wirklichkeit wird! Und ich bin sehr froh, dass es ausgerechnet dieses Album ist, das mir so viel bedeutet.
Klassik Radio: Sie werden an dem Abend auch selbst spielen - können Sie uns schon sagen, welches Stück oder soll es eine Überraschung bleiben?
Esther Abrami: Das Stück ist noch nicht veröffentlicht und erscheint erst am Freitag (9.10.26 Anm.d.R.). Es ist der zweite Satz der Suite, “Envoûter”, ein Walzer. Er steht für dieses Gefühl, wenn man nach dem ersten Funken alles wie schwingend erlebt, als würde man in einen großen Tanz hineingezogen – das frühe Verliebtsein, die Schmetterlinge im Bauch.
Klassik Radio: Es ist vielleicht etwas nervig, weil gerade Frauen diese Frage immer gestellt bekommen - aber ich bin neugierig: Was werden Sie an diesem besonderen Abend tragen?
Esther Abrami: Natürlich, kein Problem. Ich habe nach dem letzten Album auch ein Buch geschrieben, das gerade auf Deutsch erschienen ist (Anm.d.R. "Musik ist (auch) Frauensache)" – darin gibt es ein ganzes Kapitel darüber, was Frauen tragen und über diese Frage. Ich brauche zwei Outfits: eines für den roten Teppich, eines für den Auftritt. Fürs Spielen ist es schwieriger – das Kleid muss geigentauglich und bequem sein. Auf dem roten Teppich hätte ich gern etwas Auffälliges. Es sind Klassikpreise, aber ich bin dafür bekannt, Regeln auch mal zu brechen.
Vor allem ist Esther Abrami dafür bekannt, die Welt der Klassik mit dem Hier und Jetzt zu verbinden und sie auch jungen Generationen zugänglich zu machen. Mit dem neuen Album wird sie im kommenden Jahr im Klassik Radio Land auf Tournee gehen.
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