Musik verbindet: Inklusion auf der Bühne

Szene2wei Musik verbindet: Inklusion auf der Bühne

Kunst und Kultur für alle: Bei Szene2wei tanzen Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen mit Profi-Tänzern zusammen.

Musik verbindet: Inklusion auf der Bühne Foto: Simon Wachter

Eine inklusive Atmosphäre

Die Musik berührt uns alle: Es ist ganz egal, wo wir her kommen, wer wir sind, was wir tun, ob wir gesund sind oder mit einer Beeinträchtigung leben. Das Tanzensemble Szene2wei aus Lahr hat sich diesen Grundgedanken zur Aufgabe gemacht. „Szene2wei ist eine mixed Tanz-Company. Wir arbeiten in einer inklusiven Atmosphäre. Wir haben Tänzer mit und ohne Behinderung und sie tanzen gemeinsam auf der Bühne“, erklärt der Choreograf und Gründer William Sánchez H. im Gespräch mit Klassik Radio.

Natürlich ist es uns ein wichtiges Anliegen, über Inklusion zu sprechen. Der Hauptfokus liegt aber darauf, Inklusion zu leben.
Timo Gmeiner, Leiter und Gründer von Szene2wei

Passion für das Tanzen

Angefangen hat das Projekt in den Studienzeiten von William Sánchez H. und Timo Gmeiner. „Das war eine Idee von Timo. Er hat mich während unseres Studiums gefragt, ob ich Lust hätte, einen solchen Tanzkurs in der Uni zu geben […] seitdem arbeite ich in diesem Diversity-Feld“, erzählt Sánchez und Gmeiner ergänzt: „In dieser Zeit kam es immer wieder zu ganz inspirierenden Gesprächen mit William und so konnten wir tolle und schöne Dinge gemeinsam auf die Beine stellen.“ In der Entstehungsphase bemerkten die beiden Männer, wie viel Leidenschaft und Freude Menschen mit Beeinträchtigung in den Tanz und die Bewegung stecken und gleichzeitig auch, wie viel unentdecktes Talent häufig in ihnen schlummert: „Als Choreograf sehe ich viel Lust und viel Passion für Tanz und Bewegung, egal ob es ein Mensch mit oder ohne Behinderung ist. Das Besondere ist die Kombination.“

Timo Gmeiner (links) und William Sánchez H. (rechts)
Foto: Simon Wachter
Es ist uns wichtig, Fähigkeiten in den Vordergrund zu rücken und zu sehen, wo sind die Stärken des Einzelnen.
Timo Gmeiner, Leiter und Gründer von Szene2wei

Der Weg zum professionellen Tanz

Im Laufe der Zeit kristallisierte sich heraus, wer am besten mit den ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzer ohne Beeinträchtigung harmoniert und vor allem auch, wer wirklich das Zeug zum professionellen Tänzer hat. „Menschen, die sich einfach bewegen wollen und mit ihrer Bewegung kommunizieren wollen. Mit der Zeit haben wir ungefähr vier oder fünf Menschen gesehen, die auch auf eine professionelle Ebene gehen können. Von da an war es auch für sie kein reines Hobby mehr, aber die Lust und Freude am Tanzen ist nie verloren gegangen“, erzählt uns der Choreograf. 

In Deutschland gibt es für Menschen mit Behinderung wenig bis kaum Zugangsmöglichkeiten in die normalen Ausbildungsstrukturen im Bereich Kunst und Kultur. Szene2wei ermöglicht es Künstlerinnen und Künstlern mit einer Beeinträchtigung eine tänzerische Ausbildung zu durchlaufen und einen Weg als professioneller Berufstänzer einzuschlagen. „Wenn du dann siehst, dass da Menschen sind, die tanzen wollen und das Talent und Feuer mitbringen, dann will man sie begleiten und unterstützen“, bestätigt uns Timo Gmeiner.

Tanzen ist mein Ausdruck, meine Leidenschaft und mein Leben.
Jörg Beese, Tänzer mit Trisomie 21
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"Wir gehen Hand in Hand"

Von Montag bis Freitag probt die Gruppe mehrere Stunden am Tag. Immer wieder geben sie Auftritte und gehen auf Tour. Neben dem begeisterten und faszinierten Publikum profitieren am meisten die Tänzerinnen und Tänzer von dieser Möglichkeit. Ricarda Noetzel ist ebenfalls Teil der Gruppe. Sie sitzt im Rollstuhl und erzählt uns: „Es ist toll, mehr aus dem Rollstuhl rauszukommen und mehr Bewegungsfreiheit zu bekommen.“ Auch ihr Team-Kollege Matthieu Bergmiller kann sich ein Leben ohne das Tanzen nicht mehr wirklich vorstellen. Er liebt die Möglichkeit seinen Gefühlen neuen Ausdruck zu geben und ist begeistert davon, sich selbst und seinen Tanz stets weiterentwickeln zu können: „Man kann seine Fähigkeiten ausbauen und es ist sehr schön so viel auszuprobieren.“

Neben dem Tanzen geht es aber vor allem um eines: das Miteinander. In der Dance-Company entstehen Verbindungen und Freundschaften fürs Leben. „Wir finden auf jeden Fall auch Freundschaften im Tanzen […] Wir haben ein gemeinsames Ziel und gehen Hand in Hand“, bekräftigt Bergmiller und auch für Timo Gmeiner stehen diese Aspekte im Vordergrund: „Es sind nicht nur die Momente auf der Bühne, sondern auch immer die Prozesse, die dort hinführen und die Zeit, die wir miteinander verbringen. Das ist ein schönes, familiäres und vor allem achtsames Miteinander.“

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