„No Silence ist mein Leben“ – Starpianist Igor Levit über sein neues Musiklabel

Interview„No Silence ist mein Leben“ – Starpianist Igor Levit über sein neues Musiklabel

Igor Levit zählt zu den großen Pianisten unserer Zeit. Bekannt ist er nicht nur für seine Beethoven-Interpretationen und seine außergewöhnlichen Konzertprojekte, sondern auch für sein gesellschaftspolitisches Engagement. Mit seinem neuen Label möchte er eigene musikalische Visionen verwirklichen und Künstlern unabhängig von Alter und Genre eine Plattform bieten. Im Interview verrät er, was hinter der Labelgründung steckt, welche Rolle Kunst und Haltung für ihn spielen und warum „No Silence“ für ihn weit mehr als ein Musiklabel ist.

Igor LevitFoto: forartists

Klassik Radio: Herr Levit, wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, ein eigenes Plattenlabel zu gründen?

Igor Levit: Auf die Idee gekommen bin ich anfänglich während der Corona-Pandemie, als ich meine Hauskonzerte gestreamt habe. Ich habe dabei diese unvergessliche Erfahrung gemacht, einfach intuitiv meinem Gefühl zu folgen: Wie möchte ich mit Publikum interagieren? Wie möchte ich gerne Repertoire-Entscheidungen treffen? Wie schnell möchte ich auch agieren? Und es war so sehr meine Stimme, so sehr meins.

Da wusste ich schon damals, dass ich gerne anfangen möchte, daran zu arbeiten, dieses Erlebte zu institutionalisieren und mein „eigenes Haus“ zu bauen und im nächsten Schritt auch andere Künstlerinnen und Künstler zu integrieren, denen es ähnlich geht. Der erste Gedanke kam tatsächlich während der Covid-Zeit.


KR: Spannend. Und was ist dann das Ziel des Plattenlabels? Sie haben ja schon die jungen Künstler angesprochen …

IL: Das Ziel ist ganz einfach. Ich möchte gerne, dass „No Silence“ über die nächsten Jahre und noch länger der Ort wird, an dem die aufregendste Musik unserer Zeit veröffentlicht wird und die aufregendsten Künstlerinnen und Künstler sagen: „Ja, das ist mein Ort und das ist meine Plattform. Hier fühle ich mich gesehen, hier fühle ich mich verstanden, hier möchte ich gerne publizieren.“ Das ist das Ziel. Das ist meine Ambition.


KR: Würden Sie sagen, dass es auch ein großer Teil des Labels ist, gerade für die jüngeren Künstler diese Plattform zu sein?

IL: Ob das junge Künstler sind oder ältere, spielt für mich keine Rolle. Wenn ich einem Künstler oder einer Künstlerin aus welchem musikalischen Genre auch immer begegne und das Gefühl habe, wir teilen diese Leidenschaft für die Kunst, wir teilen die Überzeugung, dass wir buchstäblich sterben würden, wenn wir unsere Kunst nicht machen könnten, dann natürlich. Wenn ich so jemandem begegne und man versteht einander, dann ist es dein Ort. Und ob du jung bist oder älter, ist am Ende zweitrangig. Quoten sind meine Sache nicht.


KR: Das macht das Plattenlabel zu etwas sehr Persönlichem …

IL: Das ist gerade das zentrale Projekt meines Lebens. Das Label ist der Anfang, „No Silence“ als Ganzes.

So heißt es ja, dieses Haus „No Silence“, das ich jetzt peu à peu ausweiten und ausbauen werde. Das ist gerade der wichtigste Inhalt meines Lebens – natürlich neben dem eigentlichen Musikmachen. Es bedeutet mir alles. „No Silence“ ist mein Leben.


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KR: Und was ist die inhaltliche, künstlerische Ausrichtung des Labels?

IL: Das ist genau das, was ich gerade gesagt habe: Der Inhalt ist das Feuer und die Leidenschaft für die Sache. Der Inhalt sind die Künstler, die publizieren. Und so vage es klingt, so ernsthaft und präzise meine ich es.


KR: Es gibt also keine künstlerischen Grenzen unter dem Dach „No Silence“. Auch keine Genregrenzen?

IL: Auch keine Genregrenzen. Es fängt jetzt natürlich als Label an, auf dem klassische Musik veröffentlicht wird, aber es wird sich organisch – ich fange ja klein an – auf alle Fälle ausweiten.


KR: Jetzt sind ja am Freitag, dem 23. Oktober, die ersten drei Alben erschienen. Wie hat sich das für Sie angefühlt?

IL: Es war einer der schönsten Tage meines Lebens. Bisher wurden drei Alben veröffentlicht – zwei davon von mir. Das erste ist eine Aufnahme der Dritten Sinfonie Ludwig van Beethovens, der „Eroica“, in der Klavierbearbeitung von Franz Liszt, in Kombination mit Arnold Schönbergs „Ode an Napoleon“. Ein Album, das ganz, ganz zentral für mich war, weil es einerseits diese ungeheure Musik zeigt und andererseits auch für etwas steht, wofür „No Silence“ steht. Hier begegnen wir zwei Komponisten, Beethoven und Schönberg, die sich auch politisch und individuell mit ihrer Kunst gegen ihre Welt aufgelehnt haben: gegen Diktatur, gegen Napoleon und im Fall von Schönberg gegen den deutschen Faschismus, gegen Adolf Hitler.

Auch das ist der Charakter von „No Silence“. Mir war enorm wichtig, dass ich diese Werke aufnehmen kann. Das Album heißt „Resistance“ und ist sehr, sehr wichtig für mich.

Das zweite Album, das ich aufgenommen habe, ist zugegeben ein bisschen durchgeknallt, aber es hat mir auch großen Spaß gemacht. Es ist die knapp 16-stündige Gesamtaufnahme von Eric Saties „Vexations“ – einem kurzen, eineinhalbminütigen Werk, das Satie 840 Mal wiederholt haben möchte. Das habe ich aufgenommen.

Es gibt davon eine streng limitierte, wunderschöne Box mit weltweit 840 Exemplaren. Einmal verkauft, ist sie weg. In dieser Box gibt es eine sehr, sehr schöne Vinylplatte.

Dazu gibt es eine handsignierte Notenseite aus den Noten, die ich bei der Aufnahme benutzt habe, und ein wunderschönes Schmuckstück der großartigen Designerin Saskia Dietz mit einem persönlichen NFC-Chip, der dir als Hörer deinen exklusiven Zugang zur Gesamtaufnahme gibt. Es ist wirklich ein ganz, ganz schönes Stück dieser Aufnahme und, wie gesagt, streng limitiert.

Die dritte Platte ist die Debütaufnahme des jungen Pianisten Lukas Sternath, ein ganz besonderes Album mit Werken von Franz Liszt und Franz Schubert.

Mit diesen drei Alben ist „No Silence“ in die Welt getreten. Und wie gesagt, das war einer der schönsten Tage meines Lebens.

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KR: Sie haben schon gesagt, es war einer der schönsten Tage Ihres Lebens. Haben Sie die Veröffentlichungen dann auch besonders gefeiert?

IL: Wir hatten ein ganz tolles Launch-Event in Berlin im Columbia Theater mit mehreren Hundert Menschen im Zuschauerraum. Ich habe gespielt und über das Label erzählt – mein Tonmeister hat erklärt, wie das alles funktioniert hat.

Also ja, wir hatten eine ganz tolle Party.


KR: Das freut mich. Haben Sie vielleicht schon ein erstes Gefühl dafür, wie die ersten drei Alben ankommen? Dafür ist es natürlich noch sehr früh, aber wie kommt denn das Label bisher an?

IL: Bisher bekam ich nur wunderbare Nachrichten. Aber sehen Sie es mir nach: Es ist buchstäblich erst vergangenen Freitag erschienen.

Das heißt, ich werde jetzt die kommenden Wochen abwarten, aber ich bin sehr, sehr guter Dinge.


KR: Jetzt haben Sie ja auch erzählt, dass eines der Alben die „Eroica“ ist. Würden Sie sagen, dass Beethoven Ihr Lieblingskomponist ist? Können Sie sich da entscheiden?

IL: Nein, ich kann mich nicht entscheiden. Aber zweifelsfrei steht Beethoven ganz, ganz stark im Zentrum, mit vielleicht wenigen anderen, im Zentrum meines künstlerischen Schaffens, aber ehrlich gesagt auch im Zentrum meines Lebens als solches. Das ist ein Komponist, mit dem ich mich beinahe tagtäglich auseinandersetze.


KR: Und Sie haben auch von diesem dritten Album des jungen Pianisten gesprochen. Würden Sie sagen, dass ein solches Plattenlabel jungen Künstlern eine Chance geben kann?

IL: Potenziell kann es natürlich sehr helfen. Es gehören aber viele Dinge zusammen.

Du musst als Label brennen, du musst als Künstler brennen. Beides gehört zusammen. Aber natürlich kann das helfen, wenn alle ernsthaft und mit viel Leidenschaft ihren Job machen. Ja, absolut. Das ist ja auch die Geschichte meines Lebens.


KR: Möchten Sie unseren Lesern noch ein bisschen von diesem jungen Pianisten erzählen? Was macht Lukas Sternath so besonders? Warum hat gerade er es geschafft, gleich am Anfang ein Album bei „No Silence“ zu veröffentlichen?

IL: Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Ich kenne ihn schon, als er noch jünger war als jetzt. Und die Begegnung mit ihm war wirklich außergewöhnlich.

Mir war von Beginn an klar, dass hier ein junger Mann heranwächst, der das Potenzial für sehr Großes hat – das Künstlerische. Er wurde mein Student, aber er ist vom ersten Tag an ein ganz selbstständiger Künstler gewesen, der seinen ganz eigenen Bedingungen gefolgt ist, und das ist er immer mehr geworden. Als ich angefangen habe, „No Silence“ zu planen, habe ich ihn ins Vertrauen gezogen und gefragt: „Willst du dabei sein?“ Er sagte: „Ja.“ So ist es dazu gekommen. Und wie gesagt, es ist ein ganz außergewöhnliches Album, das da entstanden ist.

KR: Vielen Dank für das Interview, Herr Levit.

Farah Losch, Holger Hermannsen / / 25.10.2026

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