Stellen Sie sich: der Club ist voll, es ist voll, alle tanzen - und in der Mitte spielt ein Pianist auf seinem Flügel: das ist "Piano Unplugged" - ein Format, dass Pianist und Komponist Leon Gurvich ins Leben gerufen hat. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, welche Tracks am Besten ankommen, warum Klassik im Club anders wahrgenommen wird und was er mit diesem Konzept erreichen möchten.

Klassik Radio: Herr Gurvitch, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Klassik ausgerechnet in den Club zu holen?
Leon Gurvitch: Ich komme eigentlich aus der klassischen Welt. Ich spiele sonst in großen Konzerthäusern wie der Carnegie Hall in New York oder der Elbphilharmonie in Hamburg. Das sind Orte mit unglaublicher Akustik, viel Tradition und auch einer gewissen Ernsthaftigkeit.
Und genau deshalb hat mich irgendwann der Gedanke gereizt, was passiert, wenn man genau diese Musik aus diesem Rahmen herausnimmt und in einen völlig anderen Kontext setzt. Mich interessiert schon lange die Frage, warum begegnen wir Musik immer in denselben Räumen? Klassische Musik hat unglaublich viel Kraft, aber oft erreicht sie nur die Menschen, die ohnehin schon den Weg in den Konzertsaal gefunden haben. Ich wollte den Spieß einmal umdrehen und die Musik dorthin bringen, wo Menschen heute ausgehen, sich treffen und Neues entdecken. Ein Club ist dafür perfekt. Er nimmt der Klassik nichts von ihrer Tiefe, aber er nimmt ihr die Distanz.
Klassik Radio: Und darin liegt auch schon ein bisschen die Antwort zur nächsten Frage: Was möchten Sie mit "Piano Unplugged Vol.2" bestenfalls erreichen?
Leon Gurvitch: Im besten Fall entsteht ein Perspektivwechsel. Ich wünsche mir, dass Menschen klassische Musik nicht als etwas Fremdes oder Elitäres erleben, sondern als etwas, das unmittelbar mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. Wenn jemand kommt, weil er neugierig auf die Location oder auf die Atmosphäre ist und plötzlich feststellt, wie emotional und mitreißend ein Klavier sein kann, dann ist schon viel gewonnen. Für mich geht es darum, neue Türen zu öffnen, besonders für ein jüngeres Publikum. Und ich möchte vor allem jüngere Menschen erreichen, die vielleicht nie bewusst ein klassisches Konzert besuchen würden. Wenn sie aber im Club plötzlich emotional gepackt werden, entsteht ein ganz anderer Zugang. (...)
Klassik Radio: „Piano Unplugged“ geht ja bereits in die zweite Runde – welche Menschen sind denn zum Debüt gekommen?
Leon Gurvitch: Also genau diese Mischung, die ich mir erhofft hatte. Klassikliebhaber aus dem Konzertsaal standen neben Leuten, die sonst eher auf Techno-Partys oder in Indie-Clubs unterwegs sind. Manche kamen mit der Erwartung: "Ach, mal sehen, was das wird!" Sie sind geblieben, weil sie überrascht waren, wie intensiv ein Klavier wirken kann. Für mich war das fast wie ein Brückenschlag zwischen zwei Welten, die sich sonst selten begegnen.
Zum Weiterhören: Bei Klassik Radio Plus gibt es mit „Klavier Solo“ einen kostenlosen Stream, der sich ganz dem Piano widmet – mit Werken von Beethoven, Schumann, Debussy, Satie und weiteren Komponisten, interpretiert von renommierten Pianisten.
Und als wir das neue Format "Piano Unplugged" vor einem Jahr im Docks Club in Hamburg zum ersten Mal präsentiert haben, habe ich den bekannten DJ Vlada eingeladen, der die Performance live begleitet hat mit fein abgestimmten Beats und Sounds, die sich, ich denke, organisch mit dem Klang des Flügels verbunden haben. Gerade diese Mischung hat den Abend im Club geprägt und ist beim Publikum sehr gut angekommen.
Klassik Radio: Sie haben einmal gesagt: „Klassik muss nicht steif sein – sie darf tanzen“ – welches Stück hat das Publikum beim letzten Mal besonders dazu animiert?
Leon Gurvitch: Interessanterweise waren es nicht unbedingt die lautesten oder schnellsten Stücke. Es waren die Stücke mit einem starken Puls, die etwas Hypnotisches hatten. Man hat gemerkt, wie die Musik die Menschen langsam mitnimmt: Erst wird mit dem Fuß gewippt, dann bewegt sich der ganze Körper und plötzlich wird aus einem Konzert ein kollektiver Flow. Das ist kein Programm, das passiert einfach und genau das macht es so besonders. Die intensivste Reaktion kam auf meine Bearbeitung des Prélude Nummer 4 in e-Moll von Frédéric Chopin. Ich habe dieses Stück neu arrangiert und den Titel "Chopin Rocks" gegeben und dieser Name sagt eigentlich schon alles. Es war Bewegung, Überraschung und Begeisterung im Publikum zu spüren.
Klassik Radio: Wenn das Publikum, statt still zu sitzen tanzt– wie ist das für Sie als Pianist – spielen Sie anders?
Leon Gurvitch: Man spielt freier, risikofreudiger, manchmal auch intuitiver. Es ist weniger Interpretation eines Werkes und mehr ein gemeinsamer Moment, der sich im Raum entwickelt. In dem Moment wird aus einem Konzert ein Dialog. In einem klassischen Saal wie z.B. der Elbphilharmonie entsteht oft eine konzertierte, fast meditative Stille. Im Club kommt dagegen alles sofort zurück. Man spürt jede Nuance, jede Energie.
Klassik Radio: Haben Sie auch das Bedürfnis mitzutanzen?
Leon Gurvitch: Definitiv. Ich würde sagen, ich tanze ständig, nur eben sitzend und zum Glück kann man auch am Klavier tanzen, zumindest mit den Händen. Aber ehrlich gesagt, wenn die Musik das Publikum bewegt, bewegt sie mich genauso.
Klassik Radio: Im Gesamten gesehen - wie fühlt sich das Ganze im Gegensatz zu einem klassischen Konzert an?
Leon Gurvitch: Es fühlt sich an, als würde man die Musik näher an die Menschen heranrücken. Im Konzertsaal schaut man oft zur Bühne und im Club ist man Teil desselben Moments. Die Distanz verschwindet und genau das finde ich wirklich sehr spannend. Man verlässt die gewohnten Konzertformate bewusst und geht ein Risiko ein, Musik in einem Raum zu bringen, der nicht dafür gebaut wurde und genau dadurch entsteht etwas Neues, Frisches, Emotionales. Für mich ist das kein Gegensatz zur Klassik, sondern eine Erweiterung. Dieselbe Musik, aber ein völlig anderes Erleben. Gemeinsam mit einem DJ und zusätzlichen visuellen Projektionen entsteht ein Abend, der klassische Klaviermusik nicht nur hörbar, sondern auch visuell intensiv erlebbar macht. Musik, Rhythmus und Licht, Videos verschmelzen dabei zu einer einzigen Atmosphäre, die den Raum komplett verwandelt und die Wahrnehmung der Musik noch einmal verstärkt.
Und wer nun neugierig geworden ist: "Piano Unplugged Vol. 2" kommt am Sonntag, 27. September 2026 ins Docks in Hamburg.
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