Als Dirigent hat er nicht nur Orchester geleitet, sondern neu gedacht: von offenen Proben über ungewöhnliche Konzertformate bis hin zu international gefeierten Produktionen. Immer wieder bricht Iván Fischer mit Routine, fördert Beteiligung und Verantwortung und zeigt, dass klassische Musik mehr sein kann als bloße Aufführung. Ein Porträt über einen Dirigenten, der den Betrieb von innen verändert hat – leise, konsequent und überraschend.

Iván Fischer wird am 20. Januar 1951 in Budapest geboren, in eine jüdische Familie, in der Musik zum Alltag gehört. Der ältere Bruder Ádám wird ebenfalls Dirigent. Doch während viele Karrieren aus Begabung und Gelegenheit entstehen, entwickelt Fischer früh eine eigene Vorstellung davon, was dieser Beruf leisten soll. Ihn interessiert weniger das Dirigieren als die Frage, wie gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe möglich wird.
Seine Ausbildung ist breit angelegt. Er lernt mehrere Instrumente, beschäftigt sich früh mit Komposition. Musik ist für ihn kein Ausnahmezustand, sondern eine Form des Denkens. Diese Haltung bleibt prägend. Fischer sucht die Verständlichkeit, nicht das Überwältigende - er will das Nachvollziehbare.
Nach ersten Studien in Budapest geht er nach Wien, um bei Hans Swarowsky Dirigieren zu lernen. Dort begegnet er einer strikten Tradition, die Genauigkeit verlangt und Verantwortung einfordert. Entscheidender noch wird die Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt. Dessen Umgang mit Musik wird ihn für immer prägen: Werke werden nicht einfach bestätigt, sie werden hinterfragt. Und diese Haltung übernimmt Fischer. Sie schützt ihn vor Routine.
1976 gewinnt er den Dirigierwettbewerb der Rupert Foundation in London. Der Preis öffnet ihm den internationalen Markt. Fischer nutzt diese Möglichkeiten, ordnet sich ihnen aber nicht unter. Anfang der achtziger Jahre kehrt er nach Ungarn zurück, obwohl der kulturelle Betrieb dort von Trägheit und strenger politischer Kontrolle geprägt ist.
1983 gründet er gemeinsam mit dem Pianisten Zoltán Kocsis das Budapest Festival Orchestra. Dieses Orchester entsteht nicht als Gegenmodell aus Protest, sondern aus praktischer Notwendigkeit. Fischer will anders arbeiten: ohne starre Hierarchien, mit Verantwortung für alle Beteiligten, mit Proben, in denen gesprochen werden darf.
Das Ensemble wächst rasch zu einem international anerkannten Orchester heran. Entscheidend ist nicht der schnelle Erfolg, sondern die Arbeitsweise, die beibehalten wird, auch als der Ruhm wächst. Fischer stellt das Konzert nicht als unveränderliches Ritual dar. Er verändert Abläufe, öffnet Formate, richtet Aufführungen für Kinder aus, verzichtet auf Programmankündigungen, setzt Publikum und Musiker in ungewohnte Nähe - sogar TikTok-Konzerte finden statt. Das Ziel ist es, die Neugier einer frischen Generation von Klassikliebhabern zu wecken. Musik soll nicht beeindrucken, sie soll erreichbar werden.
Parallel dazu arbeitet Fischer international. Er übernimmt Leitungsfunktionen in Washington, Lyon und Berlin, arbeitet mit Orchestern in ganz Europa. Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit dem Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam. Über viele Jahre entstehen dort mehr als 150 gemeinsame Konzerte. Dass ihm das Concertgebouw 2026 seinen Preis verleiht, würdigt diese Zusammenarbeit nur folgerichtig.
Seit den frühen 2000er Jahren komponiert Fischer auch regelmäßig. Seine Werke sind überschaubar, oft direkt, nie selbstgenügsam. Die Deutsch-Jiddische Kantate verweist auf Geschichte, ohne sie zu überhöhen. Auch hier geht es ihm um Verständigung, nicht um Geste. Mit der Iván Fischer Opera Company verfolgt er ein Musiktheater, das auf Genauigkeit und Konzentration setzt. Die Produktionen reisen international, bleiben aber der Idee verpflichtet, dass Inhalt wichtiger ist als Aufwand.
Fischer äußert sich politisch, besonders wenn es um Ausgrenzung, Machtmissbrauch oder den Zustand der Demokratie in Ungarn geht. Er tut das ohne Pathos. Sein Engagement zeigt sich vor allem in Strukturen: in Bildungsarbeit, in offenen Zugängen, in der Überzeugung, dass kulturelle Institutionen öffentlich verantwortlich sind. Während der Pandemie reagiert er praktisch - die Entwicklung einer "Konzertmaske" folgt seinem Credo: Probleme werden nicht beklagt, sondern gelöst.
Klassik genießen, das geht nicht nur im Konzertsaal, sondern auch zuhause. Wer in Ruhe den Klang eines Orchesters auf sich wirken lassen und sich von der Musik tragen lassen möchte, findet bei unserem Streaming-Sender "Klassik Dreams" die perfekte Umgebung – Zeit zum Träumen und Entspannen mit klassischer Musik.
Die Zahl der Auszeichnungen ist groß, national wie international. Doch wichtiger als Preise ist die Wirkung seiner Arbeit. Iván Fischer hat gezeigt, dass Orchester keine starren Apparate sein dürfen, sondern Arbeitsgemeinschaften. Er hat den Betrieb nicht von außen kritisiert, sondern von innen verändert.
Zum 75. Geburtstag steht Fischer nicht als abstraktes Denkmal da. Die Bedeutung seiner Karriere liegt nicht in einzelnen Höhepunkten, sondern in der Beständigkeit seiner Arbeit. Er hat über Jahrzehnte daran festgehalten, dass Musik kein abgeschlossener, elitärer Raum ist, sondern eine öffentliche Aufgabe. Diese Haltung wirkt fort.
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