Fast sieben Jahrzehnte nach dem Tod von Ralph Vaughan Williams sorgt ein spektakulärer Archivfund in London für Aufsehen: Ein bislang unbekanntes Lied des britischen Komponisten ist im Morley College aufgetaucht. Das Manuskript eröffnet nicht nur einen seltenen Blick auf die frühen Jahre Vaughan Williams’, sondern erinnert auch daran, dass selbst die Musikgeschichte noch Überraschungen bereithält.

Manchmal verändert ein einzelnes Blatt Papier den Blick auf die Musikgeschichte. Im Archiv des Morley College in London ist ein bislang unbekanntes Werk von Ralph Vaughan Williams entdeckt worden – jenem Komponisten, dessen Musik heute wie kaum eine andere mit der englischen Klangwelt des frühen 20. Jahrhunderts verbunden wird. Der Fund gilt als außergewöhnlich: Neue Werke eines derart intensiv erforschten Komponisten tauchen nur selten auf.
Entdeckt wurde das Manuskript von Elaine Andrews, der Archivarin und Bibliotheksleiterin des Colleges. Sie sichtete eine bislang nicht katalogisierte Archivbox mit historischen Unterlagen, als ihr ein handschriftliches Notenmanuskript mit der Signatur Vaughan Williams’ auffiel. Eine erste Recherche ergab, dass der Titel „Before the Mirror“ in keinem Werkverzeichnis auftauchte. Die Ralph Vaughan Williams Foundation bestätigte schließlich, dass es sich tatsächlich um ein bisher unbekanntes Lied handelt.

Das Werk entstand vermutlich um 1899 und stammt damit aus einer frühen Schaffensphase des Komponisten. Gerade dieser Zeitpunkt macht die Entdeckung musikwissenschaftlich besonders interessant. Vaughan Williams war damals noch weit entfernt von jener unverwechselbaren Tonsprache, die später Werke wie „The Lark Ascending“ oder die „Fantasia on a Theme by Thomas Tallis“ prägen sollte. Das Manuskript zeigt einen jungen Komponisten im Prozess des Suchens: Korrekturen, Streichungen und Überarbeitungen ziehen sich durch die Partitur und machen den kreativen Arbeitsvorgang unmittelbar sichtbar.
Vertont wird ein Text des präraffaelitischen Dichters Algernon Charles Swinburne. Dessen Gedicht „Before the Mirror“ wiederum entstand unter dem Eindruck von James McNeill Whistlers Gemälde „Symphony in White, No. 2“, das heute in der Tate Britain zu sehen ist. Bereits diese Verbindung aus Malerei, Literatur und Musik verweist auf die ästhetische Welt des Fin de Siècle, in der sich Vaughan Williams damals bewegte.
Musikalisch beschreibt Dimitris Karydis vom Morley College das Lied als chromatisch gefärbt und von großer innerer Spannung geprägt. Die Gesangslinie bewege sich über weite Strecken in engem Umfang, ehe einzelne Höhepunkte plötzlich intensive emotionale Verdichtungen erzeugten. Gerade in diesen Momenten lässt sich bereits jene Sensibilität für Atmosphäre erkennen, die Vaughan Williams später berühmt machen sollte.
Dass ein solcher Fund weltweit Aufmerksamkeit erregt, liegt auch an der herausragenden Stellung des Komponisten selbst. Ralph Vaughan Williams, geboren 1872, zählt zu den zentralen Figuren der britischen Musikgeschichte. Während viele europäische Komponisten seiner Generation stark von der deutschen Spätromantik geprägt blieben, entwickelte Vaughan Williams einen unverwechselbar englischen Tonfall. Inspiriert von Volksliedern, Landschaften und alter Kirchenmusik schuf er Werke von großer Ruhe, Weite und emotionaler Tiefe.
Besonders seine intensive Beschäftigung mit englischer Volksmusik wurde stilbildend. Vaughan Williams reiste selbst durch ländliche Regionen, notierte traditionelle Melodien und bewahrte damit musikalische Traditionen, die andernfalls womöglich verloren gegangen wären. Aus diesen Einflüssen entwickelte er eine eigene musikalische Sprache, die nie folkloristisch wirkte, sondern stets kunstvoll transformiert blieb.

Genau deshalb besitzt die Entdeckung von „Before the Mirror“ eine besondere Bedeutung. Das Werk dokumentiert eine Phase, in der Vaughan Williams noch experimentierte und unterschiedliche Ausdrucksformen erprobte. Für die Forschung eröffnet sich damit die seltene Möglichkeit, die Entwicklung eines bedeutenden Komponisten genauer nachzuzeichnen – nicht anhand später Meisterwerke, sondern mitten im Prozess seiner künstlerischen Selbstfindung.
Zugleich liegt in diesem Fund eine beinahe poetische Dimension. Über Jahrzehnte ruhte das Manuskript unbeachtet in einem Archivkarton, während Vaughan Williams längst zu einer festen Größe der Musikgeschichte geworden war. Nun tritt diese Musik plötzlich wieder ans Licht und erweitert das Bild eines Komponisten, den man eigentlich längst zu kennen glaubte.
Das Morley College plant bereits eine erste Einspielung des Werkes. Damit wird eine Musik hörbar werden, die seit mehr als einem Jahrhundert niemand mehr vernommen hat – ein seltenes Ereignis selbst in der Welt der klassischen Musik.
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