Sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen

Das Frauenbild in der OperSich mit der Vergangenheit auseinandersetzen

Naive, liebestrunkene, eingebildete Furien: Das Frauenbild in Opern ist meist klischeebehaftet. Regisseurin Ilaria Lanzino will das ändern.

Sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen Foto: Ilaria Lanzino

Universelle Themen

Die Themen und Geschichten von Opern wirken auf den ersten Blick nicht mehr wirklich zeitgemäß. Besonders Frauen kommen nicht immer gut weg, zeigen sich in klischeehaften Rollen und auch einige Textpassagen wirken wie aus der Zeit gefallen. Regisseurin Ilaria Lanzino vom Staatstheater Nürnberg versucht mit ihren modernen Inszenierungen dem entgegenzuwirken. „Viele klassische Opern haben sehr universelle Themen, die auch noch jetzt gültig sind. [Sie] werden oft in einem Rahmen entfalten, der eine Art von Gesellschaft abbildet, die meiner Meinung nach nicht mehr wünschenswert ist. Das betrifft nicht nur Frauenbilder. Wir haben einfach ein anderes empfinden als vor ein paar Jahrhunderten“, erzählt sie im Gespräch mit Klassik Radio.

Ich verändere den Text nicht, sondern nehme ihn und versuche eine Reibung zwischen ihm und der Szene zu zeigen.

Szenisch etwas verändern

Ein großes Problem, das Lanzino bei vielen Inszenierungen von Opern erkennt, ist, dass den Zuschauern nicht direkt auffällt, dass ein Missstand gezeigt wird, da diese auch heute noch existieren: „Es gibt noch sehr viele Überbleibsel von patriarchalen Strukturen, die in der Oper propagiert werden, aber auch in unserer Gesellschaft immer noch vorhanden sind.“ Spätestens seit ihrer Inszenierung der Oper „Straszny Dwór“, ist der Opernregisseurin klar, dass sie mit Ihren Inszenierungen vor allem aufklären und weiterkommen möchte. In dieser Oper stellte sie die eigentliche Botschaft, dass der einzige Lebensinhalt einer Frau ein Mann und die Heirat sei, in Frage, in dem die Hauptdarstellerin ihr Hochzeitskleid zerschnitt. Außerdem fügte sie eine Figur hinzu, einen blinden Mann, dem die Frauen auf der Bühne mit dem Gesagten eigentlich nur etwas vorspielten. Der Text wurde im Vergleich zur Szene auf ironische Weise verwendet: „Ich bin der Meinung, dass alles aufgeführt werden darf […] gefährlich ist es nur, wenn man sich nicht kritisch damit auseinandersetzt.“

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Was soll übermittelt werden?

In dieser Art der Inszenierung sieht Ilaria Lanzino auch große Chancen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Die Oper bietet es an, dass wir in uns reinschauen: Wie stehen wir jetzt dazu? Wie haben wir uns entwickelt und was kann man noch machen? Damit können wir Widersprüche und Reibungen sichtbar machen.“ Dafür begegnet die Künstlerin jeder Oper erst einmal vorurteilsfrei und lässt sie auf sich wirken: „Jedes Mal, wenn ich eine Oper zum ersten Mal lese und zuhöre, behandele ich sie wie einen Menschen. Ich versuche herauszufinden, wie sie tickt und welche Werte sie vertritt. Dann frage ich mich, wofür steht sie und wofür stehe ich? Dann möchte ich die Gemeinsamkeiten und Reibungen im Bezug auf mein Empfinden, als Vertreterin einer Generation und eines Geschlechts, miteinander konfrontieren.“

Es bietet sich eine unfassbar wertvolle Chance, sich mit unserer Vergangenheit auseinander zu setzten.

Reaktionen des Publikums

Mit dieser Art der Inszenierung trifft die Regisseurin meist auf geteilte Reaktionen. Bei ihrer Inszenierung von „Straszny Dwór“ in Polen hatte sie auf der einen Seite mit einem großen Shitstorm zu kämpfen, während sie von der liberaleren Presse verehrt wurde: „Mir war bewusst, dass ich das patriotische Stück in etwas anderes verwandele und damit die Erwartungen der Zuschauer und Zuschauerinnen breche. Aber man geht das Risiko ein und man kann nur ehrlich sein und zu sich sagen, wie stehe ich eigentlich zu diesem Stück?“

Im Dialog zwischen Alt und Neu

Schlussendlich setzt Ilaria Lanzino auf ihre Grundwerte und ihre Sicht auf die Welt. Sie versucht mit ihrer Kunst etwas Lehrreiches und trotzdem Altbewährtes zu schaffen: „Auf jeden Fall ist es mir wichtig, die Stücke in Dialog mit uns zu bringen […] Es ist nicht wie ein Film, einmal gedreht und dann fertig […] Durch die Interpretation, die ich als Regisseurin auf die Bühne bringe, bleibt das Stück immer lebendig.“ Für die Zukunft des Musiktheaters wünscht sie sich vor allem mehr Offenheit seitens der Zuschauer. Sie hofft, dass die Menschen ganz ohne Erwartungen in Vorstellungen kommen und bereit sind, sich von etwas Neuen überraschen und begeistern zu lassen.

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