Vier kleine, in rotes Leder gebundene Notenbände galten jahrzehntelang als verschollen. Jetzt sind sie wieder aufgetaucht: Die Sammlung mit 149 Vokalwerken eröffnet einen überraschend persönlichen Blick auf Antonio Salieri - als spontanen Komponisten, geselligen Humoristen und sensiblen Zeitzeugen seiner Epoche. Ein spektakulärer Fund, der das Bild des lange missverstandenen Mozart-Rivalen neu zeichnet.

Vier kleine Bände, in rotes Leder gebunden. Darin dicht beschriebene Notenseiten und insgesamt 149 Vokalwerke von Antonio Salieri, die lange Zeit als verschollen galten. Man wusste gar nicht, dass diese Werke noch existieren“, erzählt Musikwissenschaftler Timo Jouko Herrmann im Interview mit Klassik Radio Redakteurin Valeska Baader. „Man wusste nur über ihre Existenz, weil sie Salieri in seinem Testament erwähnt hat.“ Doch seitdem hat sich jede Spur im Laufe der Zeit verloren. Für die Forschung schien klar: Diese Sammlung existiert wahrscheinlich nicht mehr – bis jetzt.
Über einen Kollegen hörte Timo Jouko Herrmann Anfang 2025 von einer Privatsammlung, in der sich möglicherweise Autographen von Salieri befinden könnten. „Da war das eigentlich noch gar nicht klar, dass das diese verschollenen Bände sind“, erinnert er sich. Die Besitzer wussten zwar, dass es sich um originale Handschriften des Komponisten handelt – dass die Forschung aber seit Jahrzehnten nach genau diesen Bänden suchte, war ihnen nicht bewusst. Erst als Herrmann erste Scans der Manuskripte sah, wurde langsam klar, was hier tatsächlich vor ihm lag. „Für die Forschung ist das natürlich ein Riesenschatz, der da jetzt aufgetaucht ist.“
Die Werke stammen aus Salieris später Lebensphase – einer Zeit, über die bislang vergleichsweise wenig bekannt ist. Nach dem Tod seiner Frau zog sich der Komponist zunehmend aus dem öffentlichen Musikleben zurück. „Er hat nach dem Tod seiner Frau keine Opern mehr geschrieben, sondern wirklich nur noch Kirchenmusik und kleine Kompositionen für den engsten Freundeskreis“, erklärt Herrmann im Interview. „Und genau das ist im Prinzip dieser Schatz, der da jetzt aufgetaucht ist.“ Die Sammlung besteht vor allem aus Kanons, Duetten, Terzetten und kleinen vokalen Stücken – Musik, die eben nicht für die großen Bühnen gedacht war, sondern für private Abende, gesellige Runden und spontane musikalische Momente.
Salieri scheint ein Meister dieser spontanen Musik gewesen zu sein. Viele Stücke entstanden direkt aus solchen spontanen Situationen heraus, wie Herrmann erzählt. „Wenn irgendeine witzige Situation zustande kam, konnte er daraus innerhalb von ein paar Minuten ein Gesangsstück machen.“ Solche kleinen musikalischen Einfälle finden sich zahlreich in den Bänden – und zeichnen ein überraschend lebendiges Bild des Komponisten.
Das passt auch zu den Beschreibungen seiner Zeitgenossen. Salieri galt als äußerst geselliger Mensch, der in jeder Runde für Unterhaltung sorgte. „Er war in jeder Gesellschaft gern gesehen. Es war immer total witzig mit ihm“, wie Herrmann weiter erzählt. Musik war für ihn also offenbar nicht nur Kunst, sondern auch Spiel. Eine spontane Idee, ein kurzer Text, ein paar Stimmen – und schon entstand ein neues Stück.
Neben seiner Spontanität war Salieri, wie Herrmann berichtet, ein ausgesprochener Liebhaber von Süßigkeiten: „Er hatte immer kandierte Früchte oder Bonbons dabei.“ Eine Anekdote berichtet sogar von einer spontanen Straßenszene: Auf dem Weg zu Beethoven – einem seiner Schüler – traf Salieri einen Freund, der gerade ein neues Stück hören wollte. Kurzerhand sangen sie es mitten auf der Straße. Dann kam noch ein vierter Sänger dazu und so wurde gleich ein Quartett daraus. Und als Belohnung gab es am Ende von Salieri für alle Süßigkeiten.
Neben humorvollen Momenten enthalten die wiederentdeckten Notenbände aber auch tief bewegende Musik. Eines der Stücke trägt eine genaue Zeitangabe: „11. Mai 1809, 7 Uhr morgens“. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. „Das ist der Moment, in dem Napoleon angefangen hat, Wien zu bombardieren“, erklärt Herrmann. „Und Salieri schreibt aus dieser Situation heraus einen ganz eindringlichen Kanon in Moll.“ Ein musikalisches Gebet – ein Flehen um das Ende des Blutvergießens. „Das zeigt, dass das ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, der auch unter den politischen Entscheidungen seiner Zeit gelitten hat.“
Heute ist Antonio Salieri vielen vor allem als Gegenspieler Mozarts bekannt. Doch daneben war Salieri ein hoch angesehener Komponist, Lehrer von Beethoven, Schubert und Liszt – und offenbar auch ein humorvoller, lebensfroher Mensch, der gerne spontan Musik machte. Genau dieses Bild zeigen die wiederentdeckten Werke. „Es ist wirklich ein ganz persönlicher Blick auf diesen Komponisten“, wie der Musikwissenschaftler im Interview erzählt. Dank der neuen Edition, die nun ein Jahr nach dem Fund erschienen ist, wird dieser Schatz nun auch für die Öffentlichkeit erstmals wieder zugänglich. Und vielleicht erklingen diese kleinen Stücke bald wieder so, wie sie einst gedacht waren: in geselliger Runde, mit Freunden und vielleicht sogar mit ein paar Bonbons danach.
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