Vom Knast ins „Paradies“ – wie Klassik Häftlingen eine neue Perspektive gibt

Projekt „Himmel über Adelsheim“Vom Knast ins „Paradies“ – wie Klassik Häftlingen eine neue Perspektive gibt

Das Stuttgarter Kammerorchester hat klassische Musik in die JVA gebracht – jetzt krönt die gemeinsame EP „Paradies“ dieses außergewöhnliche Projekt. Im Gespräch mit Klassik Radio-Redakteurin Farah Losch berichten Intendant Markus Korselt und Louis, Ex-Häftling und Projektteilnehmer, von musikalischen und sozialen Erfolgen.

Projekt "Himmel über Adelsheim"Foto: Oliver Röckle

„Machen wir doch ein gemeinsames Projekt, das wird spannend“

Die Idee zur „Knastoper“, wie Markus Korselt sie nennt, kam ihm bei dem Vortrag eines Kriminologen, in dem es um Jugendkriminalität ging. Es habe ihn erschüttert zu hören, wie Lebensentwürfe schon früh durch eigene Fehler vorgezeichnet scheinen.

„Und da habe ich mir sofort gedacht: Musik ist das, was alle Sprachbarrieren, alle gesellschaftlichen Barrieren und wahrscheinlich auch Gefängnismauern überwinden kann.“, erklärt Markus Korselt. Er will die Geschichten der Häftlinge mit dem Stuttgarter Kammerorchester hörbar machen – mit einer Mischung aus Rap und Klassik.

Klassik meets Rap hinter Gittern

In Workshops haben das SKO und die Inhaftierten der JVA Adelsheim zusammengearbeitet. Sie haben Schubert-Lieder gesungen und die Rapsongs der Jugendlichen mit einer klassischen „Deluxe-Veredelung“ versehen.

Doch Häftlinge und Klassik – das scheint auf den ersten Blick eher nicht zusammenzupassen. Wie haben denn die Jugendlichen auf das Projekt reagiert?

„In den ersten gemeinsamen Proben in der JVA war natürlich eine gewisse Reserviertheit diesen völlig ungewohnten klassischen Harmonien gegenüber spürbar. Aber durchs gemeinsame Singen haben sie gemerkt, was für eine Kraft und was für eine Gefühlstiefe in diesen Liedern liegt. Und das ist eine super Ergänzung zu dem Hip-Hop, der von seiner Aggressivität lebt, von der Härte in der Sprache und dem Sujet, um das es geht. Und da kann die Klassik einfach sehr viel mehr ausdrücken als das. Und das wurde mit großem Erstaunen und großer Wertschätzung zur Kenntnis genommen.“, beschreibt der Intendant des Stuttgarter Kammerorchesters.

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„Hoppla, ich werde wertgeschätzt für etwas, was nicht mit Drogen verticken zu tun hat“

Die Musik, die bei den Treffen entstand, sollte aber nicht hinter den Gefängnismauern bleiben. Die Stücke wurden sowohl im Gefängnis als auch im Wilhelma-Theater in Stuttgart aufgeführt – selbstverständlich mit dem notwendigen Polizeischutz.

Und an den Auftritt im Wilhelma-Theater kann sich Louis noch sehr gut erinnern:

„Als dann das Licht wieder angegangen ist und die Leute Standing Ovation gegeben haben, dann hat man gemerkt: Hey, das kommt nicht nur bei uns an, das kommt auch bei den Leuten an, die gekommen sind. Die in gewisser Weise einen realistischeren Querschnitt der Gesellschaft abgeben. Heißt, ich fühle mich das erste Mal so richtig der Gesellschaft zugehörig, weil man merkt: Okay, man kann was bieten, was die Leute auch wirklich feiern, unabhängig aus welchen Gesellschaftsschichten.“

„Street Credibility in puncto Gangster-Rap ist bei mindestens 100 %“

Aber nicht nur das. Zusätzlich zu den Auftritten ist ein Alum mit fünf Songs entstanden – „Paradies“. Mit einem zentralen Thema, das die Häftlinge bewegt:

„Es geht nicht nur darum, die Kriminalität darzustellen oder in gewisser Weise zu glorifizieren, sondern auch, Reue zu zeigen oder zu erklären, wie es dazu gekommen ist.“, erklärt Louis. Er ist auf vier der fünf Tracks des Albums zu hören.

Ein Moment hat die Dimension der Musik für Markus Korselt besonders deutlich gemacht:

„Und ich würde sagen, eine kleine Szene aus der Live-Vorstellung im Wilhelma-Theater trifft es ganz gut: Plötzlich standen offensichtlich Verwandte von einem der Gefangenen, der gerade performte, auf und haben ihn lautstark angefeuert und er hat einfach unterbrochen und gerufen: ‚Mama, ich liebe dich.‘ Und dieser Schmerz, irgendwie auch aus der Familie rauszufallen, getrennt zu sein von den eigenen Wurzeln, das ist wohl das Dominierende.“

Graffiti
Foto: SKOrecords

Ende gut, alles gut?

„Wir haben erlebt, wie dieses Projekt Herzen aufschließt, Grenzen überwindet, dabei trotzdem nicht ignoriert, dass jeder Gefangene vermutlich zu Recht dort sitzt, wo er sitzt. Und hoffen inständig, mit diesem Projekt etwas dazu beizutragen, dass, wenn sie entlassen werden, sich die soziale Perspektive ein wenig verbessert hat.“

Aber, Markus Korselt hebt auch hervor, dass ungefähr 70 bis 80 Prozent der entlassenen Häftlinge rückfällig werden. Umso mehr hätte es das Stuttgarter Kammerorchester angespornt, den Häftlingen durch die klassische Musik einen Aufschwung zu geben. Und bei Louis hat es geklappt:

„Man möchte natürlich immer nicht mit Floskeln um sich werfen. Es gehört sehr, sehr viel dazu zu sagen: Okay, ich (…) schaffe es, straffrei zu bleiben oder mir ein richtiges Leben aufzubauen. Und es gibt so viele Faktoren, die mitspielen. Und da gehört natürlich die Familie dazu, eine liebende Partnerin, Freunde, die alles mitmachen oder da auch wieder helfen, rauszukommen, die Musik, die man macht, aber absolut auch die klassische Musik.“

Farah Losch / 07.04.2026

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