Sie steht zwischen Geige und Cello und verbindet die Klangwelten beider Instrumente: Die Bratsche ist vielseitig, charaktervoll und längst mehr als eine Mittelstimme im Orchester. Was sie besonders macht, warum sie spieltechnisch eigene Anforderungen stellt und weshalb Bratschist Bernhard Lindner vom Rossini Quartett München ihr so viel abgewinnen kann.

Wer eine Bratsche zum ersten Mal in der Hand hält, könnte sie für eine etwas größere Geige halten. Ganz falsch ist das nicht – und doch erzählt diese Ähnlichkeit nur die halbe Geschichte. Die Bratsche gehört zwar zur selben Instrumentenfamilie wie die Violine, ist aber tiefer gestimmt und hat eine eigene Klangwelt. Vier Saiten, C–G–d–a, also eine Quinte tiefer als die Geige. Dadurch reicht ihr Ton nach unten in die Region des Cellos, während sie nach oben beweglich und hell genug bleibt, um sich mit den Geigen zu verbinden.
Genau zwischen diesen beiden Welten liegt ihre besondere Stärke. Bernhard Lindner, Bratschist des Rossini Quartetts aus München, beschreibt es so: „Die Viola hat einfach diese unglaubliche Wärme, diese Tiefe, dieses Räumliche, dieses Verweilen, dieses Verbindende.“
Das ist auch musikalisch ihre besondere Position. Im Streichquartett steht die Bratsche zwischen Geige und Cello, im Orchester bildet sie häufig die Mittelstimme. Sie verbindet, füllt, kommentiert und übernimmt immer wieder melodische Aufgaben. Gerade diese Rolle hat allerdings lange dazu geführt, dass die Bratsche weniger Aufmerksamkeit bekam als ihre beiden bekannteren Verwandten. Das hat weniger mit den Möglichkeiten des Instruments zu tun als mit der Geschichte der Musik.
Die heutige Bratsche entwickelte sich - wie die Violine auch - im Italien des 16. Jahrhunderts. Schon früh gehörten Instrumente dieser Familie zu den Streichensembles; seit dem 17. Jahrhundert ist die Viola fester Bestandteil des Orchesters.
In früheren Konzerten war ihre Aufgabe häufig eine eher verbindende: Sie füllte Harmonien aus und bewegte sich in den mittleren Lagen. Das bedeutete nicht, dass sie unwichtig war. Im Gegenteil: Ohne die Mittelstimmen würde sich das musikalische Gefüge vieler Werke deutlich verändern. Nur standen sie selten im Mittelpunkt.
Das erklärt auch ein Stück weit den Ruf, der der Bratsche bis heute anhängt.
Bernhard Lindner führt diese Entwicklung auf die historische Funktion der Mittelstimmen zurück. Wenn Stimmen lange Zeit vor allem harmonische Aufgaben übernehmen, entsteht leicht der Eindruck, sie seien technisch weniger anspruchsvoll. „Diese Mittel stimmen von einfacher und auch wenn wir in die Orchester Literatur schauen, ist ja manchmal nicht immer.“
Spätestens in der Klassik und Romantik änderte sich das. Komponisten begannen, der Viola immer eigenständigere und anspruchsvollere Aufgaben zu geben. Mozart setzte sie in seiner Kammermusik besonders wirkungsvoll ein, Beethoven schrieb ihr wichtige Stimmen, und im 19. und 20. Jahrhundert entstand zunehmend ein eigenständiges Repertoire für das Instrument. Auch heute gehören Werke von Telemann, Berlioz, Brahms, Schumann, Hindemith, Bartók und vielen anderen zum festen Repertoire.
Ein schönes Beispiel dafür ist Beethovens eigene Geschichte: In seiner Zeit als Musiker der Bonner Hofkapelle spielte er Viola. Das Beethoven-Haus Bonn besitzt die Bratsche, die er dort vermutlich ab etwa 1789 spielte.
Auch Mozart spielte in Kammermusik-Ensembles gerne Bratsche. Damit steht er in einer bemerkenswerten Reihe von Komponisten, die selbst Viola spielten – darunter auch Bach, Beethoven und Dvořák.
Der Unterschied zur Geige ist nicht einfach eine Frage von „größer“ und „tiefer“. Die Bratsche besitzt durch ihre tiefere Stimmung einen anderen Charakter. Ihre C-Saite reicht deutlich weiter nach unten als die tiefste Saite der Geige. Gleichzeitig bleiben die oberen beiden Saiten mit der Geige verwandt. Dadurch kann sie sich klanglich in beide Richtungen bewegen.
Der Bratschist aus unserem Gespräch beschreibt diese Zwischenposition als „ein melodisches Crossover, weil du beide Welten sich in der Mitte finden.“Gerade das macht die Viola im Ensemble so wertvoll. Sie kann Wärme geben, ohne so tief zu liegen wie das Cello. Sie kann eine Melodie tragen, ohne die helle Präsenz einer Geige zu übernehmen. Und sie kann im nächsten Moment wieder Teil des musikalischen Gefüges werden.
Wer die Bratsche als Soloinstrument hört, erlebt diese Eigenschaften besonders deutlich. „Der, der ganz viele Menschen berührt. Und dann sagen sie. Oh, ist das schön“, erzählt der Bratschist über die Reaktion des Publikums.
Die Viola braucht dabei nicht den Vergleich mit der Geige oder dem Cello scheuen. Ihre Stärke liegt gerade darin, dass sie etwas Eigenes daraus macht: „Also einerseits das Lebendige, Helle, ohne jetzt in dieses, dieses Glitzernde der Geige vordringen zu können oder zu wollen, aber auch eben die Tiefe des Cellos, ohne dabei jetzt diese, diese totale Kraft und und Intensität, was ja das Cello hat, kopieren zu wollen, ebenso einen wunderbaren Zwischenraum," so Lindner.
Eine Bratsche ist in der Regel größer als eine Geige, allerdings gibt es keine einheitliche Standardgröße wie bei der Violine. Historisch wurden Instrumente in unterschiedlichen Dimensionen gebaut. Das hatte auch praktische Gründe: Eine möglichst große Viola kann akustisch Vorteile für die tiefen Frequenzen haben, ist für viele Spieler aber schwieriger zu greifen und zu halten. Schon im 18. Jahrhundert entstanden deshalb kleinere Instrumente, die sich für Musiker leichter spielen ließen.
Auch spieltechnisch unterscheidet sich die Viola von der Geige. Die Abstände zwischen den Tönen sind größer, und der Spieler muss mit dem Instrument körperlich anders umgehen.
Dazu kommt die Bogenarbeit. Um den charakteristischen Klang der Viola zu entwickeln, ist häufig ein anderer Umgang mit dem Bogen nötig. Gerade in schnellen Passagen wird die Herausforderung deutlich: Die Bratsche ist nicht einfach eine große Geige, die man mit denselben Bewegungen spielt. Das hat auch Komponisten immer wieder herausgefordert. Béla Bartóks Violakonzert gehört heute zu den anspruchsvollsten Werken des Repertoires. Bernhard Lindner weist darauf hin, dass die technische Entwicklung des Instruments und seiner Spieler enorm war. „Und es gibt unglaublich virtuose und fantastische Bratschisten und -istinnen. Also das ist überwältigend, was es da gibt an Brillanz und Beweglichkeit und Faszination.“
Dass die Bratsche lange vor allem als Orchesterinstrument wahrgenommen wurde, sagt deshalb wenig über ihre tatsächlichen Möglichkeiten aus. Schon Georg Philipp Telemann schrieb im 18. Jahrhundert eines der frühen bedeutenden Solokonzerte für Viola. Später folgten unter anderem Werke von Berlioz, Brahms, Hindemith und Bartók. Im 20. Jahrhundert wuchs das Repertoire noch einmal deutlich.
In der Kammermusik hat die Bratsche ohnehin eine besondere Stellung. Im Streichquartett ist sie weder einfach zweite Geige noch kleines Cello. Sie kann zwischen den Stimmen wechseln, Gegenmelodien übernehmen, harmonische Verbindungen schaffen und plötzlich selbst zum musikalischen Mittelpunkt werden.
Mozart nutzte diese Möglichkeiten besonders intensiv. In seinen Streichquintetten setzte er zwei Bratschen ein und schuf damit eine zusätzliche Mittelstimme, die dem Ensemble eine andere klangliche Balance gibt. Auch seine „Sinfonia concertante“ für Violine und Viola zeigt, dass die Bratsche durchaus als gleichberechtigter Solopartner funktionieren kann.
Vielleicht liegt darin überhaupt der interessanteste Zugang zum Instrument: Die Bratsche muss nicht permanent im Vordergrund stehen, um musikalisch prägend zu sein. Sie kann führen und begleiten, hervorheben und verbinden.
Wie groß die Begeisterung für das Instrument sein kann, zeigt ein ungewöhnlicher Weltrekord. Am 19. März 2011 versammelten sich in Porto 321 Bratschistinnen und Bratschisten zu einem gemeinsamen Konzert. Das Ensemble spielte unter anderem Tschaikowskys „Tanz der Mirlitons“ und „Bratchy Mambo“ von Jean-Loup Lecomte. Der Guinness World Records-Eintrag führt die Veranstaltung bis heute als größtes Bratschenensemble.
Hunderte Bratschen auf einer Bühne sind natürlich das Gegenteil dessen, was man im normalen Orchesterbetrieb erwartet. Dort wird die Viola selten als spektakulärer Mittelpunkt inszeniert. Ihre Wirkung entsteht meist aus dem Zusammenspiel.
Und vielleicht ist genau das eine ihrer interessantesten Eigenschaften:
Die Bratsche hat im Laufe ihrer Geschichte gelernt, mit ihrer besonderen Position umzugehen. Sie ist größer als die Geige, aber kleiner als das Cello. Sie ist tiefer als die Violine, aber beweglicher als das Cello. Sie kann eine Stimme führen und im nächsten Moment wieder Teil eines größeren Klangbildes werden.
Der Bratschist aus unserem Interview bringt diese Eigenschaft auf einen einfachen Nenner: „Die Viola hat einfach diese unglaubliche Wärme, diese Tiefe, dieses Räumliche, dieses Verweilen, dieses Verbindende.“
Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Bratsche für viele Spieler mehr als nur eine weitere Stimme im Streichorchester ist. Sie hat einen Charakter, den man nicht durch Lautstärke erklären kann. Wer sie einmal bewusst hört – im Quartett, im Orchester oder als Soloinstrument –, hört oft plötzlich Dinge, die vorher im musikalischen Ganzen verborgen geblieben sind.
Und wer selbst Bratsche spielt, weiß ohnehin längst, was dieses Instrument kann.