Wie risikoreich ist nun das Musizieren?

Axel Brüggemann im Gespräch mit Prof. Dr. med. Matthias Echternach

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Wenn Sie bei einer Suchmaschine “A”, “E” und “R” eingeben, ist es das zweite Wort. Direkt nach Aerosmith stehen da die Aerosole. Ein Mann, der von Anfang an daran forscht, hat neue Erkenntnisse, wie risikoreich das Singen nun tatsächlich ist; Prof. Dr. med. Matthias Echternach.
Ein Wort, das momentan in aller Munde ist: Aerosole. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Aerosole sind kleinste Partikelchen, die wir beim Sprechen in die Luft pusten.

Singen als Risiko?

Neben dem Sprechen ist das natürlich auch besonders häufig beim Singen der Fall. Da die Aerosole dafür verantwortlich sein sollen, das Coronavirus zu übertragen, galt lange Singverbot und gilt immer noch Abstand zwischen den Sängern.

Prof. Dr. Matthias Echternach vom Universitätsklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München forscht seit März an den Aerosolen und ist selbst Sänger. Ende März, Anfang April, als das Virus auch in Deutschland ausbrach, gab es keinerlei Daten, wie sich das Singen und Spielen von Instrumenten auf die Übertragung von Corona auswirkt. Innerhalb von fünf bis sechs Wochen hat Echternach, gemeinsam mit einem Team, ein Konzept für eine Studie ausgearbeitet.

Im Gespräch mit Axel Brüggemann  

Unser Moderator Axel Brüggemann kennt Echternach aus Freiburg, wo die beiden studiert haben. Echternach ist selbst auch Musiker und singt in einem Chor. Brüggemann wollte im Gespräch von ihm wissen, ob er die Erwartungshaltung von Musikern verstehen könne.

Natürlich möchte auch Echternach wieder in seinem Chor singen, aber das vor allem ohne Risiken: „Wir brauchen erstmal ganz nüchterne Fakten, über die wir dann diskutieren können. Bis zu dem heutigen Tag kann keiner genau sagen, wie Corona übertragen wird. Ziemlich gesichert gelten die großen Tröpfchen, aber auch die kleinen Teile der Aerosole können dafür verantwortlich sein.“

Hoher Druck nach Wissen

Die Medien, die Sänger, aber auch die Politik brauchen schnelle Lösungen. Deshalb wurden die Daten aus der Studie schnell veröffentlicht.

„Der Druck nach Wissen ist hoch und dem widerspricht eigentlich das wissenschaftliche Arbeiten“, so Echternach. Der Prozess würde länger dauern, als er es gerade darf. Echternach musste sich auch neu justieren, was das betrifft: „Wir lernen im Moment sehr viel. Wir haben viele Diskussionen um Wissenschaft. (…) Es kommt zu Extremen in dieser Krise.“

Axel Brüggemann ist der Meinung, dass wir vor allen Dingen Flexibilität lernen. Echternach bestätigte das und sieht es so: „Wissenschaft ist eine Sache, die probiert die Wahrheit darzustellen. (…) So lange wir die Wahrheit aber nicht kennen, haben wir ein grundlegendes Problem.“ Das Risiko klein zu halten, das sei jetzt das oberste Ziel.

Kultur fördert die Gesundheit

Auf der einen Seite stehen klar die Risiken, die bei normalem Spiel- und Probenbetrieb von Musikern bestehe. Aber auf der anderen Seite sieht Echternach auch den nachhaltigen Schaden, den wir wiederum haben könnten, wenn wir keine Kultur mehr betreiben: „Es gibt es viele Untersuchungen dazu, dass die Beschäftigung mit kulturellen Events… dass das Singen gesundheitsfördernd ist. Abwehrstoffe werden gebildet, Stresshormone werden abgebaut, und natürlich ist die Sozialisation sehr davon abhängig, was ich kulturell tue. Wenn ich das nicht tue, kann es sehr gut sein, dass ich krank werde.“

Echternach sieht das Singen und Musizieren als Grundbedürfnis eines Menschen. Die Frage ist aber: welches Risiko ist damit behaftet, dass wir es tun?

Erste Ergebnisse der Studie

Inhalt der Studie waren zwei verschiedene Teilbereiche. Zum einen war es die Untersuchung der großen Tropfen, die beim Sprechen aus dem Mund kommen. Diese fallen innerhalb von 1,5 Metern zu Boden und wurden bei Sängern mit Hochgeschwindigkeitskameras untersucht.

Der zweite Bereich bezog sich auf die kleinen Partikel, die Aerosole, die nicht sichtbar sind. Für den gesungenen Text sind diese weniger als einen Meter weit gekommen, bei manchen Sängern aber durchaus weiter. Das Entscheidende: Die Aerosole blieben im Raum stehen und entfernten sich ohne eine Belüftung nicht. Die Luft, die man wiederum einatmet, bezieht man aber nur aus 10 Zentimeter Umkreis. Soweit die Untersuchungen und Ergebnisse heute.

Allerdings: "100% Garantie gib es ohnehin nicht. Ich glaube, mit den Abständen von zwei bis zweieinhalb Metern, die wir für den Gesang vorgelegt haben, fühlen wir uns wohl. (…) Von den sechs Metern oder drei Metern Abstand, die die Berufsgenossenschaften gefordert haben, gehen wir nicht aus“, so Echternach. Allerdings müsse eine kontinuierliche Belüftung sichergestellt werden, damit sich die Aerosole nicht anreichern.

Fehlerkultur

Aber in dem Gespräch betont Echternach nochmals, dass wir noch immer im Lernprozess stecken und die größten Lernerfolge auch durch Fehler entstehen.

„Ein Irrglaube schafft aber auch Neugierde und Wissensdurst, der uns dann wieder näher an die Wahrheit führt“, sagt Echternach im Gespräch mit Brüggemann. „In Deutschland haben wir auch das Glück, dass unsere Bundeskanzlerin eine Naturwissenschaflerin ist. Sie weiß, was Daten sind und kann damit umgehen“, sagt Echternach.

Weiterhin eine ungewisse Zukunft?

Es wird weiterhin trotzdem schwierig sein, die Daten aus der Wissenschaft eins zu eins in die Realität zu übertragen. „Eine Studie bezieht sich nun mal immer nur auf eine ganz bestimmte Sachlage, die in diesem Moment des Versuches herrschte“, sagt Echternach und ergänzt: „Wir müssen der Politik Hilfestellung geben, denn die können allein die Daten nicht in dem gleich Kontext sehen wie der Wissenschaftler, der diese erhoben hat.“

Laut Echternach gibt es jetzt zwei Möglichleiten: Entweder folge man den Daten, die jetzt vorliegen, oder man stoppe den Betrieb komplett. „Wenn man keine Verkehrstoten will, dann muss man den Verkehr komplett stoppen.“

Echternach selbst singt aktuell in keinem Chor, sondern nur in der Klinik, in der ein Flügel steht. Ob er bald wieder im Chor singen werde, das macht er von den neuen Fallzahlen abhängig. Da sich der Kammerchor Stuttgart an den Zahlen der Münchner Studie orientiert, sagt er: „Ich hätte keine Skrupel da mitsingen zu wollen... ich glaube, dass das absolut vertretbar ist.“

(A.Brüggemann/ KR Red.)

 

Das komplette Interview von Axel Brüggemann und Prof. Dr. med. Matthias Echternach können Sie hier hören:

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