10. Jubiläum des integrativen Grenzgänger-Festivals

Peepshow mit Aschenputtel?10. Jubiläum des integrativen Grenzgänger-Festivals

Inklusion und künstlerischer Anspruch werden beim Grenzgänger-Festival vereint. Dem Publikum bietet sich ein abwechslungsreiches, facettenreiches Programm, das zum Lachen und Nachdenken anregt.

10. Jubiläum des integrativen Grenzgänger-FestivalsFoto: Adobe Stock/Framestock

Zwölf Produktionen aus sieben Ländern

Vor 10 Jahren hat das integrative Grenzgänger-Festival das erste Mal stattgefunden. Damals ein kleines Event, ist es heute eine Veranstaltung mit Spielstätten in der ganzen Stadt. Das Repertoire ist bunt, facettenreich und unangepasst.

Dabei möchte sich Lorenz Seib, einer der Leiter, nicht auf ein Highlight festlegen: "Eigentlich besteht das Festival meiner Meinung nach aus Highlights", meint er mit einem Augenzwinkern, "aber auf jeden Fall kommt jetzt in der 2. Hälfte des Festivals die "Peepshow per Cenerentola" ("Eine Peepshow für Aschenputtel") (...). Das finde ich eine ganz außergewöhnliche Vorstellung auf jeden Fall. Es spielt eben stark mit dem Motiv der Peepshopw. Es geht um Ausgestelltsein von Körpern, um Schönheitsideale und Körperbilder und das ist, vor allem im Zusammenhang mit Behinderung, ein sehr spannendes und komplexes Feld."

Neue Rollen statt alter Muster

Das Besondere: Menschen mit Handicap werden zwar in den Mittelpunkt gestellt, nicht aber ihre Behinderung. So führt z.B. eine Tänzerin mit Down-Syndrom bei "Dance in the 21st Century" Regie und zeigt ihre eigene, entwickelte Choreografie. Denn obwohl z.B. in der Film- und Fernsehlandschaft mittlerweile öfter Menschen mit Handicap zu sehen sind, spielen sie oft eben "nur" Personen mit Behinderung.

Trotzdem sei es ein positives Zeichen, dass sie nun öfter in Filmen repräsentiert würden, meint Lorenz Seib, gerade weil der deutschen Filmlandschaft immer wieder mangelnde Diversität vorgeworfen wird: "Es ist doch auf jeden Fall ein weiterer Schritt gelungen, wenn Menschen mit Handicap und ihre Themen vermehrt in solchen Filmen vorkommen."

Es geht doch auch immer um die Frage, wen wir in Filmen repräsentieren und wenn da Menschen mit Handicap repräsentiert werden, dann ist auf jeden Fall ein wichtiger und nciht gerade kleiner Teil unserer Gesellschaft da mit abgebildet.

Theater bietet mehr Experimentierfreude

Doch bietet das Theater tatsächlich bessere oder andere Möglichkeiten als das Medium Film? Ja, meint Lorenz Seib: "Im Film hat man ja schon den Anspruch, gewissermaßen einen Ausschnitt der Realtität zu zeigen. (...)Im Theater geht man eher mit dem Publikum eine Art "Komplizenhaft" ein." Unter dem Motto "Wir spielen Euch etwas vor", sei es einfacher, experimentieller und frecher z.B. mit der Besetzung umgehen. Zudem seien die Prozesse beim Film oft mit mehr Vorlauf und Kapital verbunden, da habe das Theater einen schnelleren Rhythmus und so sei mehr Experiment möglich.

Der Vorgänger des Grenzgänger-Festivals:

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Raus aus der sozialen Ecke!

Seit das Grenzgänger-Festival vor 10 Jahren das erste Mal stattfand, hat sich nicht nru die Größe des Events verändert, erklärt Lorenz Seib. Integrative Theatergruppen seien mittlerweile gesellschaftlich und künstlerisch "raus aus der sozialen Ecke". Damals seien die meisten Theatergruppen von Menschen mit Handicap noch von entsprechenden Einrichtungen initiiert worden und seien somit auch deren Organisation unterstanden. Heute hingegen hätten sich viele Künstlerinnen und Künstler selbstständig gemacht oder sich mit Kolleginnen und Kollegen zusammengetan, so dass sie gar nicht mehr an solche Strukturen angebunden seien. Auch Companys hätten sich insofern professionalisiert, so dass sie z.B. Zuschüsse nicht mehr beim Sozial- sondern beim Kulturamt anfordern würden. "Mit dieser Professionalisierung ist ein ganz anderes Selbstbwusstsein enstanden, auch ein  künstlerisches Selbstbewusstsein. Das setzt natürlich große Kräfte frei, die sich dann auch in den künstlerischen Arbeiten niederschlagen." 

Dass ein Theater wie die Münchner Kammerspiele nun ein inklusives Ensemble hat - das ist ein großer Meilenstein auf diesem Weg.

Weiter Weg zur gesellschaftlichen Teilhabe

Dennoch sei der Prozess der Inklusion noch lange nicht abgeschlossen. So spricht Lorenz Seib auch von "Barrierearmut" statt von "Barrierefreiheit" weil er weiß, dass die "Barrierefreiheit" zwar das Ziel sei, doch die Zwischenetappen seien eben immer nur "barrierearm". Gesellschaftlich sei noch viel zu tun. Eine Patentlösung für eine ganzheitliche Veränderung gibt es wohl nicht. Helfen kann aber folgendes, so Lorenz Seib: "Was es auf jeden Fall braucht, ist ein politischer Wille, eine starke Lobby wahrscheinlich, aber auch eine Gesellschaft, die den Mut hat, Dinge zu verlernen und neu zu lernen, von alten Mustern abzurücken und auf Menschen zuzugehen."

Dabei helfen kann z.B. ein Besuch des Grenzgänger-Festivals in München. Es läuft noch bis zum 10. Juli 2022. Mehr Infos zum Programm gibt es auf der Festival-Website.

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