Antigone in Leichter Sprache 

Sophokles Werk entspannt genießen:Antigone in Leichter Sprache 

Statt auf Schachtelsätze und schwer zu verstehende Texte setzen die Kammerspiele München auf eine Inszenierung in Leichter Sprache.

Szene aus der Neuinszenierung "Antigone" in Leichter Sprache an den Münchner Kammerspielen Foto: Münchner Kammerspiele_Pressebild_Judith_Buss

Leichte Sprache - aufwendiger Prozess

Hand aufs Herz: haben Sie Sophokles „Antigone” beim ersten Mal lesen oder ansehen direkt komplett verstanden? Zumindest manchmal macht es einem der sperrige Text doch etwas schwer, mitzufiebern - gerade wenn er in einer Oper oder einem aufwendigen Bühnenwerk verpackt ist. In den Münchner Kammerspielen können Sie heute und morgen deshalb “Antigone” in leichter Sprache sehen. Doch wie sieht so eine “Übersetzung” in leichte Sprache aus? Wir haben nachgefragt bei Regisseurin Nele Jahnke: "Zuerst haben die Dramaturgin Rania Mleihi und ich eine Strichfassung gemacht. Die haben wir Anne Leichtfuß gegeben, die professionelle Übersetzerin für Leichte Sprache ist. Sie hat einen ersten Entwurf gemacht und ihn an ihre Prüfungsgruppe gegeben. Die besteht aus Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, die als Beruf Prüferinnen und Prüfer für Leichte Sprache sind. Dann haben wir es mit Schauspielenden gelesen und Rückmeldung gegeben zu Rhythmus, zu Inhalt etc. " Dann ging das ganze noch ein paar Mal hin und her und schließlicht stand die Übersetzung. 

Erweiterung der vielen Übersetzungen von Antigone

Und wie unterscheidet sich nun die neue Fassung vom Original? "Ich würde sagen, ein großer Unterschied ist, dass wir auch das Ende geändert haben (...) Ich würde sagen, es ist wirklich eine eigene Fassung entstanden, die dadurch auch noch andere Schwerpunkte setzt und Sachen anders herausschält und auch verdichtet. Es ist ja, nur weil es Leichte Sprache ist, nicht einfach, sondern inhaltlich verdichtet", betont Nele Jahnke. 

Was ist das Original und wieviel bleibt davon übrig?

Doch was ist mit dem Vorwurf der Kritiker, es ginge dadurch zu viel vom Original verloren? "Also das Originalwerk, auf das wir uns beziehen, ist ja nur halb das Originalwerk, denn es ist ja schon die Übersetzung vom Griechischen ins Deutsche. (...) Es gehen Dinge verloren, aber es werden auch Sachen dazugewonnen durch die Leichte Sprache. Das Wichtige ist ja, dass es nie darum geht: 'das ist jetzt die neue Fassung und die soll immer gelten'. Sondern es ist eine Erweiterung in dem bunten Blumenstrauß der vielen Übersetzungen, die es von Antigone gibt (...). Keine Sorge, ich nehme niemandem seine komplexe Sprache weg", unterstreicht die Regisseurin und Dramaturgin. Zudem hätten sie intern auch immer wieder die Diskussion geführt, inwieweit die Fassung in Leichter Sprache manchmal dem griechischen Original zur damaligen Zeit nicht viel näher komme. Was man mit Original meine und was passiert sei zwischen der Enstehung von Antigone von Sophokles bis zum heutigen Zeitpunkt mit den Übersetzungen und was in einem gewissen bürgerlichen Diskurs gemacht wurde.

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Entspanntes Erleben

Schließlich profitieren nicht nur Menschen mit Handicap von der Inszenierung in Leichter Sprache: "Also ich glaube auch, dass es für andere Menschen das Stück zugänglicher macht.  Vielleicht für Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Ich glaube, es gibt eine Form, bei der man sich anders entspannen kann, bei dieser Fassung in Leichter Sprache. Man kann es auch mit weniger Wissen über das Stück beim einmaligen Schauen auch noch einmal anders greifen und fühlen und nachvollziehen", erläutert Nele Jahnke.

Neue sprachliche und poetische Räume

Auch sonst bringen Stücke in Leichter Sprache einige Vorteile mit sich, erläutert Nele Jahnke: "Es kann neue sprachliche und poetische Räume aufmachen und es kann für manche Menschen diesen Stoff zugänglicher und teilbarer machen und zum Teil auch für einige Spielerinnen und Spieler es einfacher machen, es sprachlich zu greifen. Das kommt aber ganz auf den einzelnen Spieler, die einzelne Spielerin an."

Antigone entspannt genießen

Fest steht: eine Inszenierung in Leichter Sprache birgt viele Chancen und Möglichkeiten und nimmt niemandem etwas weg. Wenn Sie also Antigone einmal ganz entspannt und trotzdem spannend genießen wollen, heute und morgen haben Sie in den Münchner Kammerspielen die Möglichkeit dazu. Auf deren Website finden Sie auch mögliche weitere Termine.

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