Sie war gefeierte Pianistin, Komponistin, Mutter und Ernährerin einer großen Familie. Clara Schumann führte ein Leben zwischen Konzertsaal, Musikzimmer und den Zumutungen ihrer Zeit. Lange wurde sie vor allem als Frau Robert Schumanns gesehen. Dabei war sie selbst ein Star, eine musikalische Autorität und eine der wichtigsten Pianistinnen des 19. Jahrhunderts.

Am 13. September 1819 wird in Leipzig ein Mädchen geboren, dessen Leben von Beginn an im Zeichen der Musik steht. Clara Wieck ist neun Jahre alt, als sie erstmals öffentlich im Leipziger Gewandhaus auftritt. Mit elf gibt sie bereits ihr erstes eigenes Konzert. Wenige Jahre später reist sie durch Europa, spielt vor ausverkauften Sälen und wird von Kritikern gefeiert. In Weimar hört sie Goethe, in Paris begegnet sie einer Musikwelt, die sie längst als außergewöhnliche Pianistin wahrnimmt. Ihr Vater Friedrich Wieck hat sie von klein auf auf diese Karriere vorbereitet. Er ist Klavierpädagoge, Instrumentenhändler und ein Mann mit ausgesprochen klaren Vorstellungen davon, was aus seiner Tochter werden soll.
Clara wird damit zu etwas, das im 19. Jahrhundert keineswegs selbstverständlich ist: zu einer Frau, die ihre Leidenschaft zum Beruf macht. Sie komponiert bereits als Jugendliche, tritt mit eigenen Werken auf und schreibt mit ihrem Klavierkonzert a-Moll op. 7 ein Stück, das sie 1835, gerade einmal 16 Jahre alt, selbst aufführt. Felix Mendelssohn Bartholdy steht am Dirigentenpult. Das Konzert ist nicht die nette Jugendepisode einer später berühmten Pianistin. Es zeigt, dass Clara schon früh eine ernstzunehmende Musikerin mit eigenen kompositorischen Vorstellungen ist.
Dann tritt Robert Schumann in ihr Leben. Er ist zehn Jahre älter, zieht als junger Mann in das Haus ihres Vaters und wird zunächst ihr musikalischer Weggefährte. Aus der Nähe wird Liebe, aus der Liebe ein jahrelanger Kampf gegen Friedrich Wieck. Der Vater hält Robert für ungeeignet, die Situation eskaliert, und schließlich entscheidet ein Gericht: Clara und Robert dürfen heiraten. Am 12. September 1840, einen Tag vor ihrem 21. Geburtstag, werden sie Mann und Frau. Die romantische Musikgeschichte hat daraus später gern diese große Liebesgeschichte des Jahrhunderts gemacht. Doch so einfach war es nicht. Christine Eichel rückt in ihrer 2024 erschienenen Biografie „Clara. Künstlerin, Karrierefrau, Working Mom“ genau diesen Mythos zurecht und fragt stärker danach, wie Clara ihr Leben tatsächlich organisiert und ihre eigene Karriere gegen die Erwartungen ihrer Zeit behauptet hat.

Die Ehe mit Robert zwingt Clara nicht aus der Musik, aber sie verändert ihre Möglichkeiten. Acht Kinder kommen zwischen 1841 und 1854 zur Welt. Gleichzeitig komponiert sie, gibt Konzerte und übernimmt immer stärker die finanzielle Verantwortung für die Familie. Konzertreisen sind für Clara nicht bloß künstlerische Ausflüge. Sie bringen Geld ein. Gerade nach Roberts Erkrankung und seinem Aufenthalt in der Heilanstalt Endenich wird ihre Konzerttätigkeit zur Lebensgrundlage der Familie.
Was dabei leicht übersehen wird: Clara Schumann ist nicht einfach eine Frau, die trotz Kindern irgendwie weiter Klavier spielt. Sie entwickelt im Lauf ihres Lebens eine bemerkenswert moderne Vorstellung davon, was eine professionelle Musikerin ausmacht. Sie plant Programme, entscheidet über deren Auftritte, pflegt Kontakte zu Veranstaltern und Musikern und baut sich einen Namen auf, der unabhängig von ihrem Mann funktioniert. Musikwissenschaftler beschreiben Clara deshalb nicht einfach als Musikerin, deren künstlerische Arbeit nur im Zusammenhang mit den Bedingungen verstanden werden kann, unter denen Frauen im 19. Jahrhundert öffentlich arbeiten konnten.
Dabei verändert Clara auch die Konzertpraxis selbst. In ihrer Jugend spielt sie noch das, was das Publikum von einem virtuosen Wunderkind erwartet: technisch brillante Stücke, Variationen, effektvolle Nummern. Später verschiebt sich ihr Repertoire: Bach, Beethoven, Schubert, Chopin, Mendelssohn und Robert Schumann bekommen immer mehr Gewicht. Sie gehört zu den ersten Pianistinnen, die Beethovens anspruchsvolle Hammerklaviersonate öffentlich aufführen. Ihre Programme werden damit zu einem Stück Musikgeschichte. Was heute selbstverständlich zum klassischen Klavierrepertoire gehört, war damals keineswegs der Status Quo.
Um so bemerkenswerter, wie konsequent sie diese Entwicklung verfolgt. Von Claras Konzerttätigkeit sind mehr als 1.300 Programme aus den Jahren 1828 bis 1891 überliefert. Sie trat in rund 160 Städten auf. Eine musikwissenschaftliche Auswertung ihrer Konzerte zeigt, dass Robert Schumann, Mendelssohn, Beethoven und Chopin fast ein drei Viertel ihrer dokumentierten Auftritte ausmachen. Clara war also nicht nur eine Virtuosin. Sie hatte erheblichen Anteil daran, welche Musik im Konzertsaal gespielt wurde.
Heute überstrahlt Robert Schumanns Name den ihren bei Weitem, obwohl Clara zu seinen Lebzeiten eine weitaus größere öffentliche Bekanntheit besaß. Sie spielte seine Werke, machte sie beim Publikum bekannt und wurde nach seinem Tod zu einer ihrer wichtigsten Interpretinnen. Später gab sie eine umfassende Ausgabe seiner Klavierwerke heraus und hielt in ihren Bearbeitungen fest, wie sie seine Musik verstand: mit Fingersätzen, Pedalangaben und Hinweisen zur Interpretation. Damit wurde Clara gewissermaßen zur Hüterin eines Schumann-Bildes, das bis heute nachwirkt.
Ihre eigene Musik geriet dagegen nach ihrem Tod schnell ins Abseits. Clara hatte bereits 1856 weitgehend aufgehört zu komponieren. Nicht, weil ihr das Komponieren gleichgültig gewesen wäre, sondern weil sich ihre Ansprüche an die eigene Arbeit verändert hatten und ihr Leben immer stärker von Konzertreisen, Familie und der Musik Roberts bestimmt wurde. Ihre Werke verschwanden aus dem Repertoire. Erst im 20. Jahrhundert begann die Wiederentdeckung, die bis heute anhält.
Gerade deshalb lohnt es sich, ihre Kompositionen nicht nur als Anhang zu ihrer Biografie zu betrachten. Das Klavierkonzert, die Romanzen, das Klaviertrio und die Variationen über ein Thema Robert Schumanns zeigen eine Musikerin, die mit den Formen ihrer Zeit vertraut war und sie auf eigene Weise nutzte. Die Musikwissenschaftlerin Janina Klassen hat in ihren Studien besonders darauf hingewiesen, wie eng Claras kompositorische Arbeit mit ihrer Erfahrung als Virtuosin verbunden war. Ihre Stücke waren für eine Pianistin geschrieben, die genau wusste, was auf einem Konzertpodium funktioniert.

Nach Roberts Tod 1856 wird Clara zur zentralen Figur einer anderen musikalischen Geschichte. Johannes Brahms kommt in ihr Leben, zunächst als junger Komponist, der Robert Schumann bewundert und die Familie in einer schweren Zeit unterstützt. Zwischen Clara und Brahms entsteht eine lebenslange, außerordentlich enge Beziehung. Über ihre Briefe ist viel spekuliert worden. Die neuere Forschung interessiert sich stärker für das, was sich tatsächlich belegen lässt: den künstlerischen Austausch, die gegenseitige Kritik, gemeinsame Arbeit und die Bedeutung, die beide füreinander hatten.
Clara selbst wird in diesen Jahren immer mehr zu einer Institution. Seit 1856 tritt sie nur noch in Schwarz auf. Sie konzertiert weiter, reist nach England und in andere europäische Musikzentren, spielt mit Joseph Joachim und anderen bedeutenden Musikern und bleibt bis ins hohe Alter auf der Bühne. 1878 übernimmt sie am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt eine Klavierklasse und prägt dort eine neue Generation von Pianisten. Noch 1891 steht sie öffentlich auf der Bühne.
Und genau das ist der erstaunliche Teil der Gecshichte: Clara Schumann wird nicht dadurch bedeutend, dass sie sich gegen die Musik ihrer Zeit behauptet. Sie prägt sie elementar. Ihre Interpretationen am Klavier tragen dazu bei, Beethoven und Bach als festen Bestandteil der Aufführungspraxis zu etablieren. Sie machte Robert Schumann beim Publikum bekannt. Sie beeinflusste über ihre Schüler, deren Interpretationen, wie Musik gespielt wird. Und sie tat all das in einer Zeit, in der Frauen auf dem Konzertpodium noch immer als Ausnahmeerscheinung betrachtet werden. Clara Schumann war nicht die stumme Frau neben einem berühmten Komponisten. Sie war eine öffentliche Persönlichkeit mit einer Jahrzehnte währenden Karriere.
Am 13. September 1819 wurde in Leipzig ein Wunderkind geboren. 77 Jahre später starb in Frankfurt eine Musikerin, deren Einfluss weit über ihre eigenen Kompositionen hinausreichte. Dazwischen liegen mehr als sechs Jahrzehnte auf der Bühne, zahllose Reisen, acht Kinder, eine schwierige Ehe, eine lebenslange Freundschaft mit Brahms und eine Karriere, die für eine Frau ihrer Epoche kaum vorstellbar war.
Clara Schumann wird heute vor allem als Komponistin wiederentdeckt. Vielleicht sollte man sie zugleich als das sehen, was sie schon zu Lebzeiten war: eine der großen Musikerinnen des 19. Jahrhunderts.
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