Die Wahre Geschichte der Woche: Bücherautomaten

Ausgewählt von Alena KohlerDie Wahre Geschichte der Woche: Bücherautomaten

Jede Woche wählt ein Mitglied aus der Redaktion eine persönliche Wahre Geschichte der Woche aus und verleiht ihr eine besondere Note.

Die Wahre Geschichte der Woche: BücherautomatenFoto: Klassik Radio

Diese Woche kommentiert Alena Kohler:

In der 11. Klasse verliebte ich mich in Goethes Worte. Meine damalige Deutschlehrerin kam in den Klassenraum und zeigte uns voller Begeisterung ihr Lieblingsbuch: „Die Leiden des jungen Werther“. Eine neue Lektüre stand an und jeder kaufte sich, typisch für eine Schullektüre, die Reclam-Version. Mit ihrem Enthusiasmus und ihrer Liebe für dieses Buch hatte mich meine Deutschlehrerin angesteckt. Ich verschlang die tragische Liebesgeschichte förmlich und kaufte mir eine Reihe an Goethe Werken, erstmal alle als Reclam-Heft.

Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir's, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich's immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein.
Aus "Die Leiden des jungen Werther"

Wissen ist Macht

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannte man in Deutschland die Macht des Wissens. Die Wissenslücken der Bevölkerung sollten mit möglichst anspruchsvoller Literatur gefüllt werden. Auch die Politik und vor allem die Sozialdemokraten wollten die Bildung der Arbeiterklassen vorantreiben. Schnell sprangen die Verlage auf diesen Zug mit auf und sie begannen durch verbesserte Techniken Bücher in Massenauflagen zu produzieren.

Lesen ohne Scham

Die Idee eine Art Universalbibliothek zu gründen und so möglichst preisgünstig Werke der Weltliteratur weiten Kreisen zugänglich zu machen, wurde durch die gerade erfolgte Klassikerfreigabe begünstigt. Damit hatte man die Möglichkeit Werke verstorbener Autoren, ohne Tantiemen an vorherige Verlage zu zahlen, zu veröffentlichen. Der Verlag, der sich diese Art der Universalbibliothek zur Aufgabe gemacht hatte, hatte sich auch dem Ideal der Volksbildung verschrieben. Auf verschiedenste Art und Weise versuchte er die Arbeiterklasse für das Lesen und seine Bücher zu gewinnen. So entstand zwischen 1912 und 1914 eine Art anonymer Vertriebsweg. In dieser Zeit verbreiteten sich 1800 neuartige Buchverkaufsstellen. Dort konnte man, ohne sich bei einem möglichen Verkaufsgespräch mit Unwissenheit zu blamieren, die gesamte Weltliteratur in billiger Heftform erwerben. Der Leipziger Reclam-Verlag hatte die innovative Idee von Bücherautomaten.

Ein Reclam-Buch liegt auf einem Tisch
Foto: Photo by Jan-Niclas Aberle on Unsplash

Die Reclam-Version mit Eselsohr

Mittlerweile zieht man sich die Reclam-Hefte nicht mehr an der Straßenecke neben dem Kaugummiautomaten. Die kleinen, gelben Bücher sind aber aus keiner Schule mehr wegzudenken.

Irgendwann bekam ich zu Weihnachten eine Sammlung der schönsten Goethe Werke in gebundener Form. Mit schönem rotem Einband stehen diese andächtig in meinem Bücherregal. Noch heute lese ich immer wieder „Die Leiden des jungen Werther“ und auch wenn meine gebundene Version um einiges schicker aussieht, greife ich meist zu meiner bereits etwas zerflatterten Reclam-Version. Ein Eselsohr mehr oder weniger ist da nämlich auch nicht mehr so schlimm.

Herzliche Grüße

Alena Kohler

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