Dirigat mit Überraschungseffekt: 5 besondere Simon-Rattle-Momente

Zum 71. GeburtstagDirigat mit Überraschungseffekt: 5 besondere Simon-Rattle-Momente

Ein fliegender Taktstock, in Turnschuhe auf der Bühne und der richtige Applaus zur falschen Zeit: Simon Rattle hat im Konzertsaal einiges erlebt - und erleben lassen. Fünf belegte Episoden aus einem Musikerleben, das selten ganz nach Plan verlief – und gerade deshalb in Erinnerung bleibt.

Sir Simon RattleFoto: Monika Rittershaus

1. Ein ungewöhnliches Konzerterlebnis

Berlin, Philharmonie. Ein Willkommenskonzert für Geflüchtete, gestaltet von den Berliner Philharmonikern gemeinsam mit Daniel Barenboim und Iván Fischer. Viele der Gäste sind zum ersten Mal in einem klassischen Konzert. Die Musiker erscheinen ohne Frack, Kinder bewegen sich durch den Saal, zwischen den Sätzen wird geklatscht. Der Applaus kommt nicht immer dort, wo er sonst vorgesehen ist.

Simon Rattle steht am Pult und dirigiert weiter. Er unterbricht nichts, korrigiert nichts. Das Programm läuft, der Applaus setzt ein, wann immer er entsteht. Für diesen Abend hält sich niemand sichtbar an die üblichen Konzertregeln – und niemand scheint sie zu vermissen.

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

2. Stravinsky, 250 Jugendliche und ein sehr voller Proberaum

Berlin, frühe 2000er-Jahre. 250 Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichsten Schulen treffen auf die Berliner Philharmoniker. Auf dem Pult: Le Sacre du printemps. Statt im Zuschauerraum zu sitzen, stehen die Jugendlichen auf der Bühne oder tanzen davor. Wochenlang wird geprobt, diskutiert, gestritten, gelacht.

Am Ende entsteht eine Aufführung, die gefilmt wird und später unter dem Titel Rhythm Is It! in die Kinos kommt. Die Berliner Philharmoniker spielen Stravinsky, während Jugendliche dazu tanzen – ein Bild, das um die Welt geht.

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

3. Der Taktstock, der sich selbstständig machte

Das Programm war lang, der Abend fordernd. Simon Rattle stand am Pult der Berliner Philharmoniker und dirigierte bis zum Schluss Schuberts Neunte. Dass er sich an diesem Tag mit einer Magen-Darm-Grippe herumschlug, merkte man ihm nicht an. Erst im Finaleein kurzer Moment der Schwäche: Der weiße Taktstock verließ seine Hand, beschrieb einen sauberen Bogen über den Orchestergraben und landete in der ersten Reihe des Publikums. Niemand zuckte, niemand wurde getroffen. Rattle dirigierte weiter – nun eben ohne Taktstock – und brachte die Sinfonie souverän zu Ende. Der Schlussakkord saß. Der Taktstock tauchte später wieder auf.



4. Ein Konzert ohne Publikum

Im März 2020 stand Simon Rattle am Pult der Berliner Philharmoniker vor einem Saal, in dem sich niemand befand. Wegen der beginnenden Corona-Krise war das Konzert ohne Publikum geplant worden, nur für die Übertragung in der Digital Concert Hall. Die Musiker spielten Berios Sequenza und Bartóks Konzert für Orchester, und der Raum, sonst durch Zuhörer atemreich erfüllt, blieb leer. Trotzdem war der Ablauf wie immer: Rattle führte, die Musiker antworteten, und die Interpretation nahm ihren Lauf. Als dieser ungewöhnliche Abend endete, klang die Musik in einem Saal nach, der nur seinen eigenen Nachhall hörte, bevor sie in die Wohnzimmer und Kopfhörer der Zuhörer weitergetragen wurde.

Orchestrapunk - Simon Rattle
Foto: ©Sven-Kristian Wolf

5. Turnschuhe statt Lackschuhe

Bei vielen Dirigenten gehört der Frack zur Grundausstattung. Simon Rattle erschien in Berlin immer wieder ohne ihn. Keine Krawatte, kein Frack, gelegentlich sportliche Schuhe. Fotos aus Konzerten zeigen ihn so auch bei offiziellen Anlässen auf dem Podium.

Am Ablauf des Abends ändert das nichts. Einsatz, Tempo, Schlussakkord – alles dort, wo es hingehört.

Holger Hermannsen / 18.01.2026

Erhalten Sie Informationen aus erster HandBestellen Sie den Klassik Radio Newsletter

* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis

Neueste Artikel

"Musik ist immer Emotion" - SYMPHONIACS bringen Club-Gefühl in den Konzertsaal
Symphoniacs

"Musik ist immer Emotion" - SYMPHONIACS bringen Club-Gefühl in den Konzertsaal

Hip-Hop-Beats und klassische Musik – das geht nicht zusammen? Geht doch, sagt Andy Leomar. Mit den SYMPHONIACS verbindet er klassische Meisterwerke mit elektronischen Beats, Live-Remix inklusive. Wie daraus Club-Energie, tanzendes Publikum und ein völlig neuer Blick auf Klassik entstehen, erzählt er im Interview.

Das Klassikjahr 2025: An diesen Komponisten kam niemand vorbei!
Dirigent mit erhobenen Armen leitet ein großes Orchester vor Publikum in einem Konzertsaal

Das Klassikjahr 2025: An diesen Komponisten kam niemand vorbei!

31.455 Konzerte, Opern- und Tanzaufführungen in einem einzigen Jahr! Die neue Bachtrack-Statistik zeigt nicht nur, wie viel klassische Musik weltweit im Jahr 2025 gespielt wurde, sondern auch, welche Musik tatsächlich den Ton angegeben hat. Ein guter Anlass, auf dieses spannende Konzertjahr zurückzublicken.

Zauber(flöte) für die Seele - Warum uns Mozart emotional stabilisiert
Mozart

Zum 270. Geburtstag
Zauber(flöte) für die Seele - Warum uns Mozart emotional stabilisiert

Am 27. Januar wird Mozart 270 Jahre alt – Grund genug, die Wirkung seiner Musik einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Wissenschaftler haben gezeigt, dass seine Werke unser Gehirn stimulieren, Emotionen ausgleichen und uns innerlich stabilisieren. Wer diesen Effekt erleben möchte, sollte Klassik Radio einschalten: Wir ehren das Wunderkind der Klassik die komplette Woche mit seinen schönsten Meisterwerken.

Klassik Radio - Deutschland nationalKlassik Radio - Deutschland national