„Kultur auf Rezept“ – wenn der Arzt Konzertkarten verschreibt

„Kultur auf Rezept“ – wenn der Arzt Konzertkarten verschreibt

Es muss nicht immer Medizin sein – manchmal hilft auch Klassik. Das Projekt „Kultur auf Rezept“ setzt bei leichten Depressionen auf die positive Wirkung kultureller Erlebnisse. Im Interview mit Klassik Radio-Redakteurin Farah Losch erzählt Christoph Dammann, Leiter des Kulturreferats Kaiserslautern und Initiator des Projekts, von Hindernissen und ersten Erfolgen.

Kultur auf RezeptFoto: Tara Winstead/pexels

Finanzielle Sorgen, Trauer, Einsamkeit. Das Leben wirft Stolpersteine in den Weg, die manchmal nur schwer zu überwinden sind. Wenn Menschen in leichte Depressionen verfallen, gibt es mit dem Pilotprojekt „Kultur auf Rezept“ in Kaiserslautern nun eine Alternative zur Schulmedizin.

„Hintergrund ist, dass – durch Studien untersucht – etwa jeder fünfte Arztbesuch gar nicht schulmedizinisch therapiert werden kann. (…) Und diesen Menschen kann man auf eine wunderbare Art und Weise helfen, indem man sie ermutigt und ihnen ermöglicht, in die Mitte der Gesellschaft zu gehen – und vielleicht auch zurückzukehren, wenn sie sich abgekapselt haben, um etwas Schönes zu erleben.“

Vom Sprechzimmer in den Konzertsaal

In Kaiserslautern können sich Patientinnen und Patienten mit leichten Depressionen von ihrem Hausarzt oder Psychotherapeuten sozusagen ein Rezept für Kulturveranstaltungen verschreiben lassen. Diese werden dann in die Studie aufgenommen und an eine sogenannte Linkworkerin weitervermittelt, erklärt Christoph Dammann.

„Diese Vertrauensperson führt mit den Patienten ein oder auch zwei ausführliche Gespräche, um herauszufinden, was für diese Person am besten passt. Ob sie vielleicht einen Malkurs oder einen musikalischen Ensemblekurs belegt, regelmäßig an Kunstführungen im Museum teilnimmt oder regelmäßig in Konzerte geht – das kann Klassik, aber auch Rock oder Pop sein. Und diese Linkworkerin kennt sich bei den Kultureinrichtungen sehr gut aus, hat Kontakte zu den Leitungen der Häuser geknüpft und weiß genau, was es da Schönes im Angebot gibt. Und die vermittelt das und ermutigt dann auch die Patientinnen, dort regelmäßig hinzugehen.“

Dabei ist besonders wichtig, dass den Patienten ausschließlich kulturelle Programme vermittelt werden, die ihnen gefallen und bei denen sie sich wohlfühlen: „Jemand, der Operette liebt, sollte eher nicht in ein Metal-Konzert gehen, um geheilt zu werden und sich besser zu fühlen. Also da muss man sich bei „Kultur auf Rezept“ klar nach den Vorlieben der Patientinnen richten.“

Die Teilnahme bei einem kulturellen Angebot sollte über längere Zeit hinweg erfolgen, idealerweise einmal pro Woche oder alle zwei Woche.

Fast 50 Plätze wurden schon vergeben – einige letzte Patienten können für das Projekt noch aufgenommen werden. Um an der Studie teilzunehmen, sollte man sich mit der Diagnose leichte Depression selbst oder über den betreuenden Arzt an Frau Dr. med. Janina Geib an der psychosomatischen Klinik am Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern wenden.

Grafik Kultur auf Rezept
Foto: Referat Kultur der Stadt Kaiserslautern

Kultur als Weg zurück in die Gesellschaft

Laut Christoph Dammann gibt es bereits erste positive Rückmeldungen:

„Ein Patient hat (…) ganz bewegend beschrieben, wie schlecht es ihm gegangen ist, wie er in Depression versunken ist, Kontakte abgebrochen hat, nichts mehr unternommen hat. Und wie er durch dieses Projekt ermutigt wurde, jetzt bereits in einigen Konzerten gewesen ist, wie er alte Freunde wieder getroffen hat, wie er kontaktfreudiger geworden ist. Also das war wirklich bewegend und sehr ermutigend.“

Überrascht von den positiven Ergebnissen war der Initiator von „Kultur auf Rezept“ nicht. Denn in einigen Ländern ist dieses Projekt schon seit einigen Jahren ins Gesundheitssystem integriert:

„Das gibt es zum Beispiel seit 2019 im National Health System in England. Und da nennt sich das ‚Social Prescription‘, also soziale Verschreibung. Und da spielt Kultur eine ganz große Rolle. Das bedeutet, die Patienten gehen zu ihrem Arzt. Der sieht, das möchte ich nicht schulmedizinisch therapieren, sondern diese Person, diese Patientin soll etwas Schönes in Gemeinschaft erleben und der verschreibe ich etwas Kulturelles zum Beispiel.“

Kultur als Therapie der Zukunft?

Aber bis es in Deutschland so weit ist, ist es laut Christoph Dammann noch ein weiter Weg: „In Deutschland kennt das praktisch noch kein Mensch. Ich frage jeden Arzt, jede Ärztin, die ich treffe: Hast du von „Kultur auf Rezept“, von sozialer Verschreibung, schon mal was gehört? Und die Antwort ist eigentlich immer: Nein. Wir wollen das bekannt machen und wir wollen dafür sorgen, dass es auch in Deutschland ins Gesundheitssystem integriert wird.“

Ein erster Schritt dahin ist dieses Pilotprojekt, das von der Bundeskulturstiftung und vom Kulturministerium Rheinland-Pfalz unterstützt wird. „Das werden wir dieses Jahr abschließen und hoffen, dass wir dann in die zweite Förderphase kommen, um das auf eine breitere Basis zu stellen.“

Die bisherigen Rückmeldungen und Erfahrungen in anderen Ländern zeigen: „Kultur auf Rezept“ hilft – in Zukunft hoffentlich auch im ganzen Klassik Radio-Land.


Sie möchten sich schonmal auf Ihren Konzertbesuch einstimmen? Dann hören Sie doch in unseren Streamingsender "Best of Oper" rein.

Farah Losch / 24.02.2026

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