„Musik hat ihre Wurzeln im Boden“ – Sir John Eliot Gardiner über Bach, Mozart und das Leben

Interview„Musik hat ihre Wurzeln im Boden“ – Sir John Eliot Gardiner über Bach, Mozart und das Leben

Bach, Mozart, Sibelius – und ein Dirigentenleben zwischen Weltruhm, Naturverbundenheit und täglicher Yoga-Routine. Sir John Eliot Gardiner spricht im Interview über musikalische Offenbarungen, die Macht historischer Aufführungspraxis, über Lampenfieber vor dem Auftritt und darüber, warum ihn ausgerechnet die Bassettklarinette bei Mozart noch immer staunen lässt.

John Eliot GardinerFoto: ©Maciej Schumacher

Sir John Eliot Gardiner gehört zu den prägenden Dirigenten der letzten Jahrzehnte. Der britische Musiker, geboren 1943 in England, hat sich früh einen Namen gemacht als einer der wichtigsten Vertreter der historisch informierten Aufführungspraxis –einer Spielweise, die sich an der Zeit orientiert, in der die Musik entstanden ist, und versucht, den ursprünglichen Gedanken der Komponisten wieder hörbar zu machen.

Mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists hat er diese Idee konsequent weiterentwickelt und damit vor allem unsere Sicht auf die Barockmusik nachhaltig beeinflusst. Besonders seine Interpretationen der Werke von Johann Sebastian Bach haben ihm international große Bewunderung eingebracht.

Einen Höhepunkt seiner Arbeit bildete die Bach Cantata Pilgrimage im Jahr 2000: ein außergewöhnliches Projekt, bei dem Gardiner sämtliche Bach-Kantaten innerhalb eines Jahres genau dort aufführte, wofür sie geschrieben wurden – an den jeweiligen Kirchen und Orten in ganz Europa.

Doch seine Karriere verlief keineswegs nur geradlinig. Neben großer Anerkennung gab es auch immer wieder Diskussionen und einen heftigen Skandal im Jahr 2013: Gardiner entschuldigte sich öffentlich und zog sich anschließend zeitweise aus dem Konzertleben zurück. Und doch zählt er bis heute zu den prägenden Persönlichkeiten der internationalen Klassikszene. 

Wir treffen Sir John Eliot Gardiner am Rande des Augsburger Mozartfests – konzentriert, wach und mit einer besonderen Ruhe, die uns sofort für ihn einnimmt. Sobald es aber um die Klassik geht, wird aus dieser Ruhe plötzlich Energie: er spricht mit dieser Begeisterung, die aus echter Hingabe kommt - als würde er für uns jedes musikalische Detail noch einmal neu entdecken.


Klassik Radio: Gibt es etwas, das Sie an Deutschland besonders charmant oder ungewöhnlich finden?

Sir John Eliot Gardiner: Beides – ich finde das Land charmant und ungewöhnlich. Es gibt so vieles, das ich an der deutschen Kultur bewundere. Ich habe mich dieser Kultur sehr intensiv gewidmet, sie genossen, geschätzt und auf meine Weise als Musiker auch mitgeprägt.

Einige der größten Musikwerke überhaupt stammen aus Deutschland, nicht zuletzt von Johann Sebastian Bach, der für mich ein besonderer Held ist. Ich bewundere Deutschland sehr und liebe es, dort zu musizieren. Und ich habe als Gastdirigent mit vielen großartigen Orchestern gearbeitet.


Klassik Radio: Welche Bedeutung hat das Mozartfest in Augsburg für Sie?

Sir Gardiner: Ich bin zum ersten Mal beim Festival hier. Das Programm ist sehr reichhaltig und sehr zukunftsorientiert gestaltet – das finde ich großartig.Und Augsburg ist eine wunderbare Stadt, mit sehr viel Charme.


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Klassik Radio: Haben Sie nach so vielen Jahren auf der Bühne noch Lampenfieber? Und wenn ja, was hilft Ihnen dagegen?

Sir Gardiner: Ein bisschen Adrenalin vor einem Konzert ist ja gut. Ich versuche durch Yoga innere Ruhe zu finden – und das mache ich jeden Tag. Atemübungen direkt vor dem Auftritt helfen sehr, um sich zu zentrieren.


Klassik Radio: Sie haben ja als Geiger angefangen… .

Sir Gardiner: Nicht wirklich. Ich habe zwar Geige gespielt, aber ich war nicht besonders gut, und meine Arme waren zu lang dafür. Deshalb bin ich zur Bratsche gewechselt.

Eigentlich habe ich als Sänger angefangen, nicht als Instrumentalist.


Klassik Radio: Wann war Ihnen klar, dass das Dirigieren Ihre Passion ist?

Sir Gardiner: Ich habe diese Anziehung schon im Alter von 14 oder 15 gespürt. Aber entscheidend war es, als ich mit 21 Jahren Monteverdis „Vespern“ dirigieren durfte. Das war die große Feuertaufe für mich.

Auch wenn es nicht perfekt war, war es die Offenbarung, die ich gesucht hatte – der Moment, in dem ich wusste, dass ich mich dem wirklich widmen will.


Klassik Radio: Sie gelten als Pionier der historisch informierten Aufführungspraxis. Gab es einen Moment, bei dem Sie sagen würden, dass eine grundlegende Veränderung auf die Musikwelt merkbar wurde?

Sir Gardiner: Ja, sehr deutlich. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich in der klassischen Musik viel verändert.

Ein wichtiger Schritt war die historisch informierte Herangehensweise, begonnen von Pionieren wie Leonhardt, Harnoncourt und den Kuijken-Brüdern. Das hat meine Arbeit vollständig verändert.

Ich habe sehr gerne entdeckt, wie Musik durch historische Instrumente lebendig wird. In den 70er- und 80er-Jahren war das noch experimentell, nicht immer perfekt – die Instrumente sind schwierig zu spielen, es gab auch Fehler.

Heute ist das viel stabiler geworden, die Musiker sind sehr viel besser darin. Und es bringt die Musik, glaube ich, näher zu den Menschen.

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Klassik Radio: Gibt es Komponisten, zu denen Sie immer wieder zurückkehren?

Sir Gardiner: Bach natürlich, aber auch viele andere. Immer wenn ich Monteverdi, Haydn, Mozart, Beethoven oder Schumann mache – die Liste ist lang – habe ich das Gefühl, dass ich ständig von ihnen lerne.

Sie fordern mich immer wieder heraus. Man kann nie sagen, man hätte etwa Haydn endgültig verstanden. Man entwickelt sich weiter, und das ist eines der schönen Dinge des Älterwerdens.


Klassik Radio: Ich habe gelesen, dass in ihrem Elternhaus, ein Bild von Bach hing. Hat das vielleicht auch Ihre Wahrnehmung von Musik beeinflusst?

Sir Gardiner: Ich habe das schon oft erzählt: als Kind habe ich die Bach-Motetten auswendig gelernt. Und gleichzeitig hing dieses Porträt von Johann Sebastian Bach bei uns zu Hause, und ich bin täglich daran vorbeigegangen, seitdem ich laufen konnte.

Ich war davon eingeschüchtert, weil er sehr streng wirkt – wie ein Kapellmeister. Das passte für mich nicht zu dieser lebendigen, tänzerischen Musik in seinen Werken.

Später habe ich erfahren, dass er kurzsichtig war und deshalb die Stirn runzelte. Er hatte auch Augenoperationen, die nicht funktioniert haben. Wenn man den unteren Teil seines Gesichts betrachtet, sieht man einen viel zugänglicheren Menschen – jemanden, der Familie, gutes Essen, Trinken und das Leben genoss.


Klassik Radio: Gibt es ein Werk, das Sie Ihr Leben lang begleitet?

Sir Gardiner: Viele. Ich habe als Kind alle Bach-Motetten auswendig gelernt: „Singet dem Herrn ein neues Lied“, „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“, „Komm, Jesu, komm“, „Jesu, meine Freude“.

Ich kannte sie alle auswendig. Und sie sind geblieben. Ich kehre immer wieder zu ihnen zurück – mit Freude und auch mit Nostalgie.


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Klassik Radio: Schafft es Mozart noch, Sie zu überraschen?

Sir Gardiner: Ja, besonders das Klarinettenkonzert, das wir hier auf dem Mozartfest aufführen. Nicola Boud spielt es auf einer Rekonstruktion des Instruments von Anton Stadler, Mozarts Freund. Dieses Instrument hat eine Erweiterung in den tiefen Bereich. Dadurch verändert sich das gesamte Konzert – es bekommt verschiedene Ebenen: Sopran, Alt, Tenor, Bass.

Es ist wunderbar, wenn es in die Tiefe geht. Das ist für mich eine neue und faszinierende Entdeckung.


Klassik Radio: Würden Sie sagen, dass Sie alles erreicht haben, oder gibt es noch einen Traum, den Sie sich erfüllen wollen?

Sir Gardiner: Viele. Ich lerne gerade zum ersten Mal die Sinfonien von Sibelius wirklich kennen. Meine Großmutter war Finnin – vielleicht liegt das also auch in meiner Familie.

Ich habe mich völlig in seine Sinfonien verliebt. Sie sind sehr anders als die deutsche Tradition – Beethoven, Schumann, Mendelssohn, Brahms und so weiter. Originell, sehr emotional und kraftvoll. Besonders liebe ich seine Nähe zur Natur – wie er mit wenigen orchestralen Farben Landschaften, Licht, Dunkelheit, Wälder und ihre Bewohner entstehen lässt. Das ist etwas ganz Besonderes.


Klassik Radio: Sie haben ja auch Kontakt zu König Charles III. - worüber unterhalten Sie sich mit ihm?

Sir Gardiner: Über alles eigentlich. Ich bewundere ihn sehr für seine Visionen und seine Interessen. Er ist hat sehr interessante Ansichten zu Umweltfragen, beim Klimawandel, beim Bevölkerungsdruck, bei der Bildung, beim Zugang zu Musik und beim Schutz der Natur und der Nachhaltigkeit.

Es gibt viele Themen, über die wir sprechen. Seine Aufgabe als König ist sehr, sehr schwierig. Und ich bewundere ihn dafür.


Klassik Radio: Sie betreiben ja selbst eine Bio-Farm. Inspiriert Sie das auch bei Ihrer Arbeit als Dirigent?

Sir Gardiner: Ja, beides sind sich ergänzende Tätigkeiten. Es geht um Balance und um das Bewusstsein für die Zyklen des Lebens, der Natur und des landwirtschaftlichen Jahres – genauso wie in der Musik.

Das hat sich für mich in der Bach-Kantaten-Pilgerreise im Jahr 2000 gezeigt, als wir Bach-Kantaten in ganz Europa genau an dem Tag aufgeführt haben, für den sie komponiert wurden. Diese Musik hat ihre Wurzeln im Boden. Und genau das möchte ich mit der Springhead Constellation weiter fördern und sichtbar machen.

Das Interview führte Klassik Radio-Redakteurin Farah Losch.

Farah Losch, Holger Hermannsen / / 31.05.2026

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