„Singspiel ist wie Karaoke, nur dass die Leute hier wirklich singen können!"

Bülent Ceylan erobert die Oper:„Singspiel ist wie Karaoke, nur dass die Leute hier wirklich singen können!"

So haben Sie Mozarts „Entführung aus dem Serail“ sicher noch nie gesehen: mit Comedian Bülent Ceylan in der Rolle als Herscher Bassa Selim und als Kommentator. Am Samstag feiert er sein Operndebüt an der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum dieses Werk von Mozart für ihn besonders spannend ist, wie er altes und neues Opernpublikum überraschen will und was Bach und Beethoven mit Metal Rock gemeinsam haben.

Bülent Ceylan bei seinem OperndebütFoto: Stephan Rabold

Bülent Ceylan, einer der erfolgreichsten Comedians Deutschlands, feiert Samstagabend sein Operndebüt an der Berliner Staatsoper. Nicht als Sänger, aber in einer Doppelrolle als Kommentator und Herrscher Bassa Selim in Mozarts „Entführung aus dem Serail. Und obwohl er ein Millionenpublikum gewohnt ist, hat er etwas Lampenfieber, wie er uns gesteht:

Bülent Ceylan: Ehrlich gesagt, bin ich sehr nervös, weil ich nicht weiß, wie das beim Opernpublikum ankommen wird, dass ich da auch mal kommentiere und dass das Stück eigentlich so noch nie gesehen wurde. Vor allem hoffe ich einfach, dass die geile Stimmung machen und dass sie sich trotz allem freuen, dass ein Comedian mit Opernsängerinnen und -sängern zusammenarbeitet. (…) Es ist etwas Neues und erfrischend, glaube ich. Außerdem denke ich, so ein Stück wie "Entführung aus dem Serail" hat ja auch viele Elemente drin, wo man heute sagen würde: `Das kann man doch heute nicht mehr so sagen! Das ist eigentlich, mit heutigen Augen gesehen, etwas rassistisch!‘ Und dann komme ich und kommentiere das und dadurch breche ich das Ganze auf bzw. greife das auf und mache mich darüber lustig. (…) Aber es ist nicht nur so, dass ich kommentiere und einen Witz daraus mache, sondern auch die ein oder andere Botschaft mit drin ist. Und dann muss ich ja auch noch die Rolle übernehmen vom Bassa. Das ist schon eine Herausforderung. Tatsächlich ist es so, dass die Regisseurin Andrea Moses das ganze Stück auf mich zugeschnitten hat. Also, ich darf nicht krank werden. (lacht).

Am Ende weiß man nicht genau: "Bin ich Bassa oder Bülent?"

Klassik Radio: Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Sie jetzt auf der Opernbühne stehen?

Bülent Ceylan: Die Staatsoper Berlin ist auf uns zugekommen und man hat schnell gemerkt, dass die Chemie zwischen uns passt. (…) Und die Intendantin war hin und weg und das ist natürlich erstmal ganz wichtig: dass die Leute hinter einem stehen und das auch unbedingt wollen. Dann kam die Regisseurin dazu, Andrea Moses, die überlegt hat, wie ich in das Ganze eingebunden werden kann. So ist das entstanden.

Klassik Radio: Verleihen Sie der Rolle des Herrscher Bassa Selim eine ganz persönliche oder humorvolle Note? Gibt es da Gestaltungsspielraum?

Bülent Ceylan: Tatsächlich hat man den Bassa so, wie ich ihn spiele, noch nie gesehen. Wenn man mein Live-Programm „Diktatürk“ kennt, da gibt's auch die Rolle des Diktatürks. Diese Rolle kann man, auch vom türkischen Akzent her und vielem mehr, ein bisschen vergleichen mit dem Bassa, den ich spiele. Allerdings: Bei der „Entführung aus dem Serail“ klingt der Bassa erstmal witzig, wird dann aber im Laufe des Stücks auch ernster, auch der starke türkische Akzent lässt nach. Es verschwimmt alles irgendwie – man weiß am Ende nicht mehr so genau, ob ich jetzt Bassa oder Bülent bin. Es wird spannend, aber das muss man sich selbst anschauen, ich will nicht zu viel verraten.

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Klassik Radio: Was man aber sicher sagen kann: So hat man die „Entführung aus dem Serail“ sicher noch nie gesehen. Wie kann man sich diesen Mix aus Mozart und Comedy denn vorstellen?

Bülent Ceylan: Ich habe ja an dem Stück tatsächlich mitgeschrieben, vor allem an den Kommentaren. Dann haben wir auch noch ein paar Stand-Up-Elemente, also aus meinem Live-Programm „Diktatürk“, natürlich nicht alles, nur ein paar kurze Elemente, bei denen man gedacht hat, das könnte in diese Oper passen.

Erstmal denkt man: ‚Oha, das passt vielleicht gar nicht, wie soll das funktionieren?‘ Aber es passt tatsächlich! Man muss nur die Übergänge finden und den richtigen Moment. Das muss ich natürlich auch mit dem Dirigenten absprechen. Er hat auch mal gesagt: ‚Hey, hier vielleicht nur ein, zwei Gags und dann bitte weiter. Sonst wird’s zu viel, da geht die Spannung verloren von der Musik!‘ Da haben wir uns auch dran gehalten. Und natürlich brauchen die Opernsängerinnen und -sänger und vor allem das Orchester, immer den Schlusssatz oder die letzten Worte! Da kann man nicht einfach mal so improvisieren, (…) das ist alles schon getaktet! Zwischendurch kann ich auch mal improvisieren. Aber es gibt Parts, da habe ich ganz wenig Zeit. Wir haben zwar mitgestaltet, aber es gibt kein Open End. Die Leute wollen ja auch irgendwann mal nach Hause! Sonst wird's ja eine sechs Stunden Oper und das wollen wir alle nicht.

"Es gibt kein Open End - sonst wirds eine sechs Stunden Oper und das wollen wir alle nicht!"

Klassik Radio: Die Begeisterung einer Person im Publikum ist Ihnen ja auf jeden Fall sicher….wer ist das? 😊

Bülent Ceylan: (Lacht) Na, ich denke mal, Sie meinen meine Mutter, oder? Die ist auf jeden Fall sehr stolz, dass ich da mitmache, aber sie wird leider bei der Premiere noch nicht dabei sein. Sie fliegt sehr ungern und wir gucken mal, dass wir sie vielleicht überzeugen können von Mannheim nach Berlin mit dem Zug zu fahren, mit meiner Schwester vielleicht. (…) Meine Mama ist auch schon 84, da spielt natürlich auch ein gewisser Stress mit. Aber vielleicht schaffen wir es, dass sie doch nach Berlin kommt. Das wäre schön!

Klassik Radio: Sie waren schon als Kind von der Oper begeistert – haben Sie eine Lieblingsoper oder ein Lieblingsstück aus einer Oper?

Bülent Ceylan: Natürlich: die Arie „Nessun Dorma“ des Prinzen Kalaf aus Giacomo Puccinis Oper „Turandot“. Als ich Pavarotti gesehen habe, der sie so rausgepowert hat, da habe ich Gänsehaut bekommen.

Aber ich mag auch Kunstlieder, wie Schuberts Winterreise. Und auch orchestrale Werke wie die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach. Das hat mich schon immer fasziniert und deswegen hatte ich auch sofort einen Bezug zu der Anfrage der Staatsoper Berlin. Also nicht als Opernsänger, das würde ich mir nicht zutrauen. Da braucht man eine jahrelange Ausbildung und damit will ich mich auch gar nicht messen. Aber Bassa Selim, die Sprechrolle, und das noch ein bisschen witzig verpackt, das finde ich cool.

"Beethoven und Bach - das geht schon in Richtung Metal Rock."

Klassik Radio: ….Sie haben jetzt Schubert, Bach, Puccini erwähnt, spielen in einer Oper von Mozart…wer ist denn Ihr Lieblingskomponist der Klassik und warum?

Bülent Ceylan: Für mich sind eigentlich Johann Sebastian Bach und Beethoven ganz oben. Mozart steht nicht an erster Stelle. Also meine kleine Tochter mag „Die Zauberflöte“ und so, das ist auch alles toll! Aber musikalisch wollte ich es dann doch ein bisschen härter haben und das sind Beethoven oder auch Bach, z.B. mit seiner Toccata, schon eher, das geht schon Richtung Metal Rock.

Aber zur Comedy passt jetzt Mozart sehr gut. Er hat sich ja selbst damals auch lustig gemacht über die Türken und hat sie aber auch irgendwie faszinierend gefunden. Außerdem hat Mozart selbst einen krassen Humor gehabt. Deshalb passt es ganz gut, dass ich bei der „Entführung aus dem Serail“ mitmache und auch noch einen türkischen Migrationshintergrund habe etc. Also das ist voll auf die Zwölf, sage ich mal!

Klassik Radio: Denken Sie, durch diese neue und frische Inszenierung können auch jüngere Menschen für die Oper begeistert werden?

Bülent Ceylan: (…) Wir versuchen jetzt schon viel Werbung über Social Media und über die Medien zu machen, wir möchten wirklich ein möglichst breites Publikum erreichen. (…)Also wenn wir erst mal nur ein paar kriegen, die zum ersten Mal in die Oper gehen, dann wäre das ja schon ein Erfolg. Und wenn die sagen: ‚Hey, das hat mir so gut gefallen, ich gehe jetzt auch mal in eine andere Oper rein!‘ Mal gucken, ob das funktioniert. Ich glaube, dass man mich eingeladen hat, ist auf jeden Fall mal einen Versuch wert. Es ist ein Projekt und vielleicht wird es ja auch sehr erfolgreich. Das wünschen wir uns alle. Ich bin gespannt, wie die Zuschauer das aufnehmen! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Klassik Radio: Denken Sie, der Oper würde generell ein bisschen mehr Humor gut tun?

Bülent Ceylan: Ja, ich glaube, dass ein Großteil der Bevölkerung, wenn sie „Oper“ hören oder „Ich gehe in die Staatsoper!“ , denkt: „Ist das denn überhaupt was für mich, ist das nicht zu steif, oder zu hochgestochen?“

Wenn man das so ein bisschen mit Humor versetzt und ein bisschen lockerer macht, auch für die Leute, die sagen: ‘Hey, das finde ich cool, jetzt habe ich auch ein bisschen was zum Lachen!‘ Dann kriegen wir das eher gebacken, auch für das neue Publikum. Bei der „Entführung aus dem Serail“ frage ich am Anfang auch, ob wir ein neues Publikum haben und erkläre: „Oper, das ist Singspiel. Singspiel ist sowas Ähnliches wie Karaoke, nur mit dem Unterschied, dass die, die in der Staatsoper auftreten, auch wirklich singen können.“ Und so versuche ich alle abzuholen. Wir übertreiben es ja auch nicht mit dem Humor, aber wir bringen ihn schon stark rein. Ich denke auch, wenn das Opernpublikum wiederum jemanden sieht, bei dem es denkt, er sei ein Komiker, der nur Witze macht, doch dann kommen auch mal ernste Botschaften, eben von diesem Comedian, dann ist das auch für sie neu, weil sie das vermutlich nicht erwarten. Und so versuche ich, sowohl das neue Publikum, aber auch das Publikum, das schon immer in die Oper geht, zu überraschen.

Wir dürfen uns also auf ein Operndebüt mit Humor und Tiefgang freuen. Die Produktion "Die Entführung aus dem Serail" an der Staatsoper Berlin hat am Samstag, den 27. Juni 2026 Premiere und läuft bis Februar 2027.


Und wenn Sie jetzt Lust auf Oper bekommen haben - genießen Sie jetzt die schönsten Opern-Highlights mit unserem gratis Musik-Sender – einfach Play drücken.

Klara Jäger / 25.06.2026

Erhalten Sie Informationen aus erster HandBestellen Sie den Klassik Radio Newsletter

* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis

Neueste Artikel

„Ich versuche, nicht darüber nachzudenken“ – Spielen auf dem teuersten Instrument der Welt
Amihai Grosz

Erster Solobratscher der Berliner Philharmoniker:
„Ich versuche, nicht darüber nachzudenken“ – Spielen auf dem teuersten Instrument der Welt

Heute Abend erklingt beim Konzert der Berliner Philharmonikern das wertvollste Instrument der Welt: die MacDonald-Viola von Stradivari - sie soll für über 23 Millionen Dollar versteigert worden sein. Gespielt wird sie vom ersten Solo-Bratscher Amihai Grosz. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie es sich anfühlt, auf so einer teueren Bratsche zu spielen, ob man nicht ständig in Sorge ist und was den Klang so besonders macht.

5 Urlaubsziele, die weltberühmte Komponisten inspirierten
Insel Staffa, Teil der Hebriden, Schottland

Auf den Spuren der Komponisten
5 Urlaubsziele, die weltberühmte Komponisten inspirierten

Es ist Urlaubszeit. Zeit andere Kulturen und Landschaften kennenzulernen. Auch bekannte Komponisten, wie Gustav Mahler und Frédéric Chopin, wussten um die Inspiration durch ferne Orte.

Lang Lang wird 44: Wie ein Junge aus China zum Superstar der Klassik wurde
Lang Lang

Lang Lang wird 44: Wie ein Junge aus China zum Superstar der Klassik wurde

Er ist einer der berühmtesten Pianisten der Gegenwart: Lang Lang hat die großen Bühnen der Welt erobert und zugleich Millionen Menschen erreicht, die mit klassischer Musik zuvor kaum Berührung hatten. Wie aus einem hochbegabten Kind mit außergewöhnlichem Ehrgeiz ein Künstler wurde, der wie kaum ein anderer für die moderne Seite der Klassik steht.

Klassik Radio - Deutschland nationalKlassik Radio - Deutschland national