Von schwierigen Freundschaften und Papierkämmen - die unbekannten Seiten des Claude Debussy

Zum 164. GeburtstagVon schwierigen Freundschaften und Papierkämmen - die unbekannten Seiten des Claude Debussy

Debussy gilt heute als einer der großen Erneuerer der europäischen Musik. Sein Privatleben wirkt dagegen erstaunlich wenig feierlich: Er konnte sich langweilen, beleidigt sein, sich mit Freunden anlegen und über musikalische Konventionen lästern. Ein paar kleine Episoden zeigen einen Mann, der deutlich eigenwilliger war als das übliche Bild vom eleganten Pariser Komponisten.

 Claude DebussyFoto: Félix Nadar (Gemeinfrei)

1. Rom? Bloß weg!

1885 gewann der 22-jährige Debussy den Prix de Rome, den wichtigsten französischen Kompositionspreis seiner Zeit. Damit durfte er in der Villa Medici in Rom leben und arbeiten.

Nur hatte Debussy offenbar wenig Lust auf das große Künstlerglück.

Ein Mitstipendiat schrieb zwei Wochen nach seiner Ankunft, Debussy sei „terribly bored“ und träume nur davon, nach Paris zurückzukehren. Debussy selbst beklagte in Briefen die Villa, die Gesellschaft und das ganze Leben dort.

Auf einem Foto der Stipendiaten, das er seinen Eltern schickte, markierte er sein eigenes Bild mit: „L’enfant prodigue“ – „Der verlorene Sohn“. 22 Jahre alt, Rom vor der Haustür – und schon überzeugt, dass er eigentlich woanders hingehört.

2. „Dann mach’s doch selbst!“

Pierre Louÿs war Schriftsteller, Dichter und einer von Debussys engsten Freunden. Die beiden gehörten zum jungen Pariser Künstlerkreis und arbeiteten sogar gemeinsam an einer Oper namens Cendrelune.

Louÿs schrieb den Text. Debussy mischte sich offenbar zunehmend ein. Am 12. Mai 1895 war die Geduld des Dichters erschöpft. Seine Antwort an Debussy:

„Ecris TOI-MÊME Cendrelune.“ - „Dann schreib Cendrelune doch selbst.“

Die Oper wurde nie vollendet. Die Freundschaft schon – und Louÿs' Texte lieferten Debussy später unter anderem das Material für die Chansons de Bilitis.

Debussy Stern in Wien
Foto: 1971markus@wikipedia.de/CC-by-sa-4.0
Stern für Claude Debussy auf der Musikmeile Wien

3. Entschuldigung? Lieber großes Theater!

Louÿs war begeisterter Wagnerianer. Debussy hatte zu Richard Wagner ein kompliziertes Verhältnis – und die beiden gerieten darüber aneinander.

Nach einem Streit fiel Debussys geplante Versöhnung offenbar etwas größer aus als nötig: Er bot sinngemäß an, Victor Hugos längstes Werk auswendig zu lernen und es barfuß und kniend auf der Place de la Concorde vorzutragen. Anschließend könne Louÿs über ihn richten – mit dem „Schwert des Parsifal“.

Eine normale Entschuldigung wäre vermutlich schneller gegangen.

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4. „Warum eigentlich?“

Debussy hatte eine ziemlich schlechte Meinung von musikalischen Regeln, wenn sie nur deshalb galten, weil sie schon lange galten.

In einem Brief an Louÿs vom Januar 1895 schrieb er über Tonika und Dominante, sie seien zu „leeren Schatten“ geworden, die nur noch für „dumme Kinder“ von Bedeutung seien. Auch die angeblich klare Grenze zwischen Konsonanz und Dissonanz stellte er infrage.

Das ist mehr als eine kleine Bosheit. Debussy griff damit genau das musikalische Ordnungssystem an, in dem er selbst ausgebildet worden war.

Vielleicht ist das die beste Art, seine Musik neu zu entdecken: Nicht darauf warten, dass sie sich so verhält, wie Musik sich unserer Meinung nach verhalten sollte.

5. Ein Elefant. Zwei Papierkämme.

Claude-Emma, genannt Chouchou, war Debussys einzige Tochter. Und für sie hatte der oft schwierige Komponist eine ausgesprochen verspielte Seite. 1911 schrieb er seinem Freund André Caplet, Chouchou habe gerade ihr erstes „symphonisches Gedicht“ fertiggestellt:

„The Elephant on the Branch“ – „Der Elefant auf dem Ast“.
Besetzung: Stimme, zwei Papierkämme und Klavier ad libitum.

Debussys Urteil: „Es ist sehr dramatisch.“

Auch auf Reisen schrieb er seiner Tochter kleine Geschichten widmete ihr auch seine Klaviersuite "Children’s Corner". Der Mann konnte sich also mit erwachsenen Künstlern über die Grundfesten der Musik streiten – und anschließend mit seiner Tochter ein Orchester aus Papierkämmen gründen.

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Holger Hermannsen / 20.08.2026

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