„Ich würde sofort ein politisches Amt annehmen!“

Gespräch mit Anne-Sophie Mutter„Ich würde sofort ein politisches Amt annehmen!“

Sie ist ein Weltstar und findet auch klare Worte für die aktuelle Situation der Kulturbranche: Geigenvirtuosin Anne-Sophie Mutter.

„Ich würde sofort ein politisches Amt annehmen!“ Foto: Stefan Höderath DG

Himmelschreiende Ungerechtigkeit

"Katastrophal, absolut katastrophal. Dass es also am Nockherberg (Anm. der Red.: einer riesigen Gastwirtschaft in München, mit einem 1700 qm großen Saal) möglich ist, 800 Personen Bier trinken und Schweinebraten oder etwas Vegetarisches essen zu lassen und wenn dann der Kabarettist auf die Bühne kommt, müssen alle bis auf 200 Menschen den Saal verlassen.* Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Die Logik erschließt sich mir überhaupt nicht und daran gehen wir Künstler seelisch und auch finanziell zu Grunde", echauffiert sich die Musikerin. 

Man laboriert an Bedürfnissen vorbei

Eine Ungleichbehandlung der Kultur - die nicht nur Nachteile für Künstlerinnen und Künstler hat, erläutert sie, denn das Bedürfnis nach Kultur sei da. Schließlich gibt es Wartelisten an Opern- und Konzerthäusern. "Da laboriert man völlig am Bedürfnis von allen vorbei. Das Leben besteht eben nicht nur aus Essen, Trinken und zur Arbeit gehen. Da gibt es noch mehr. [...] Wir sind natürlich nur eine Branche von Vielen, aber immerhin der fünftstärkste Wirtschaftsfaktor in Deutschland, also das kann man auch nicht einfach als nicht systemrelevant frecherweise wegdiskutieren. Hier geht es ja auch um Menschen, nicht nur um Geld."

Her mit dem Amt!

Sie findet, dass eine Limitierung der Personenanzahl immer auch von der Größe des Raumes und der Ausstattung abhängig gemacht werden müsste. Auch die finanzielle Unterstützung der Solokünstlerinnen und Solokünstler sei minimal. Um den Forderungen der Klassik- und Kulturszene mehr Nachdruck zu verleihen, könnte sich Anne-Sophie Mutter auch vorstellen, selbst in die Politik zu gehen: "Also vor Corona hätte ich das strikt abgelehnt, jetzt während Corona würde ich geradezu mit größter Begeisterung ein politisches Amt annehmen wollen, damit ich mit meinem Insiderwissen der Kultur in einer ganz anderen Art und Weise helfen kann."

Denn: "So gutwillig die Politik einerseits ist, sie ist natürlich im Zusammenhang mit der Coronahilfe für Musiker einfach nicht zu Ende gedacht. Und jemand, der natürlich direkt mitfühlt und weiß, wie es um die Kollegen steht, würde politisch sicherlich für die Kulturlandschaft Deutschland, die sich ja rühmt, Dichter und Denker zu beherbergen, die jetzt aber am Verhungern sind, Positives bewirken können. Also her mit dem Amt!", sagt sie mit einem Lachen. Ein Manko sieht sie allerdings: "Wobei ich mich für die Politik natürlich nicht eigne, ich bin sehr wahrscheinlich viel zu undiplomatisch. Aber ich wäre durchaus bereit, es zu versuchen." 

Es muss sofort gehandelt werden

Denn ihrer Meinung nach muss sofort gehandelt werden: "Es hat überhaupt keinen Sinn auf die Impfung zu warten, wir müssen jetzt anfangen, schnellstens darüber nachzudenken, wie wir zehntausenden von Menschen, an denen ja weitere Berufe hängen, aus der Notsituation zu helfen. Wissen Sie, was wir einmal verloren haben an kultureller Vielfalt in Deutschland, das kann man nicht auf Knopfdruck wieder hochholen, das ist dann weg."

Es ist ja schön, dass man mal ganz kurz an die Kunst denkt, aber an den Lebensumständen von uns Solo-Selbstständigen ändert das natürlich null [...] Kein Preis, kein Orden der Welt nutzt mir jetzt etwas.
Anne-Sophie Mutter

Kein Preis der Welt nutzt mir jetzt etwas

Vor dem Hintergrund sieht sie auch die Auszeichnung als beste Instrumentalistin des Opus Klassik letzten Monat kritisch: "Natürlich freue ich mich, doch die globale Situation lässt eigentlich ein Feiern nicht zu. Es ist ja schön, dass man mal ganz kurz an die Kunst denkt, aber an den Lebensumständen von uns Solo-Selbstständigen ändert das natürlich null [...] Kein Preis, kein Orden der Welt nutzt mir jetzt etwas. Ich habe sämtliche bayerische Verdienstorden und mich in der Vergangenheit sehr darüber gefreut. Jetzt im Moment frage ich mich, wozu wird das einem Künstler überhaupt verliehen, wenn im Moment der Krise nicht wirklich zu Ende gedacht wird, wie diesem Berufsstand unter die Arme gegriffen werden kann. Mir geht es nur um Gleichberechtigung, ich möchte keine Privilegien. Aber es ist doch eine Privilegien-Gesellschaft, wenn im Biergarten ein Konzert [...] vor 1000 Gästen möglich ist. Das geht in einer Demokratie nicht, meiner Meinung nach."

(14.10.2020/ K.Jäger)

*Zum Hintergrund: in Bayern sind Kulturveranstaltungen auf 200 Zuschauer begrenzt, bei Gaststätten gibt es keine Obergrenze, solange die erforderlichen Abstände gewahrt sind

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