„Mozart erfüllt mich“ – Papst Franziskus und die Liebe zur Musik

„Mozart erfüllt mich“ – Papst Franziskus und die Liebe zur Musik

Viele kannten ihn als Stimme der Armen, als Anwalt des Friedens, als Brückenbauer zwischen den Religionen. Doch nur wenige wissen, dass Papst Franziskus auch eine tiefe Liebe zur klassischen Musik in sich trug – still, bescheiden und doch voller innerer Leidenschaft. Wir möchten an einen Menschen erinnern, für den Musik mehr war als ein bloßer Zeitvertreib - sondern eine universelle Sprache, die ihn mit dem Göttlichen verband.

Papst Franziskus beim SegnenFoto: Jeffrey Bruno/CC BY-SA 2.0

Es gibt Menschen, die ihre Leidenschaften groß zur Schau stellen – und es gibt jene, die sie still, fast geheim, in sich tragen. Papst Franziskus gehörte zweifellos zur zweiten Gruppe. Wer an ihn denkt, denkt an Demut, an soziale Gerechtigkeit, an eindringliche Appelle für Frieden. Aber an Musik? Und dann auch noch klassische Musik?

Dabei spielte sie in seinem Leben eine tiefere Rolle, als viele ahnten. Es war keine Leidenschaft, die einer öffentlichen Inszenierung bedurfte – keine Papstaudienzen mit Orchester, keine medienwirksamen Konzerte auf dem Petersplatz. Franziskus war vielmehr ein leiser Genießer. Einer, zu dem die Musik sprach, ohne viele Worte zu machen.

Eine musikalische Spurensuche

Den vielleicht stärksten Hinweis auf diese unbekannte Seite gab Franziskus bereits kurz nach seiner Wahl. In einem Interview mit dem Jesuitenmagazin "America" sprach er ungewöhnlich persönlich über sein Verhältnis zur Musik. Er erwähnte Mozart, nicht als Allgemeinplatz – sondern ganz konkret: die „Messe in C-Dur“, besonders das gefühlvolle „Et incarnatus est“. Diese Musik, so sagte er, „bringt mich näher zu Gott“.

Mozart erfüllt mich. Aber ich kann nicht über seine Musik nachdenken; ich muss sie hören.

Papst Franziskus

Es ist ein ruhiges, geradezu zärtliches Stück. Eines, das keiner großen Gesten bedarf, um tief zu wirken. Vielleicht war es gerade diese Art Musik, die Franziskus so schätzte – Musik, die nicht predigt, sondern einlädt. Die nicht erschlägt, sondern Raum gibt.



Doch Mozart war nicht der einzige Komponist, dem der Papst sich nahe fühlte. Auch Johann Sebastian Bach wurde von ihm immer wieder genannt – vor allem für die geistige Klarheit seiner Werke. Besonders schätzte er Bachs Fähigkeit, Struktur, Gefühl und auch Spiritualität in Einklang zu bringen. Es verwundert kaum, dass es gerade die Passionen waren, die es ihm angetan hatten.

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Dramatik, Pathos und zarte Menschlichkeit

Doch es wäre zu einfach, Franziskus auf eine Vorliebe für das Sanfte zu reduzieren. Im persönlichen Interview klangen auch andere Namen an: Beethoven mit seiner dramatischen Intensität, seinem Ringen mit dem Schicksal: „Ich höre Beethoven gerne, aber auf eine prometheische Weise, und der prometheischste Interpret ist für mich Furtwängler.“ Ja, sogar Wagner, den Franziskus laut Aussagen von Wegbegleitern aus Buenos Aires vor allem wegen seiner musikalischen Monumentalität bewunderte.



Wenn es um seinen persönlichen Favoriten ging, zog er nicht das Große und Dramatische vor, sondern das Zarte und Berührende. An dem Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ hing sein Herz ganz besonders: „In seiner tiefen Schlichtheit lässt uns dieses Lied das Geschehen der Heiligen Nacht begreifen.“

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Musik als universelle Sprache

Während seines Pontifikats sprach Franziskus selten über persönliche Vorlieben. Doch wenn es um Musik ging, wurde er fast weich. In einer Ansprache an junge Musiker sagte er einmal, Musik sei „eine universale und unmittelbare Sprache, die keine Übersetzung oder komplizierte Erklärung erfordert.“ Diese Formulierung ist bezeichnend. Für einen Papst, der so oft über Migration, Entwurzelung und Einsamkeit sprach, war die Vorstellung von Musik als globaler Stimme wohl mehr als nur ein schönes Bild.

Seine Liebe zur Musik wurzelte nicht im Ästhetischen, sondern im Spirituellen. Klassische Musik war für ihn ein Raum der Einkehr, ein stilles Gebet. Besonders Werke des Barock – Palestrina, Händel, Monteverdi – schienen ihn zu begleiten, gleich alten Freunden, die keine Worte brauchen.

Papst Franziskus
Foto: La Cancillería de Ecuador/flckr.com/CC BY-SA 2.0

Ein Plattensammler im Vatikan

Dass diese Liebe mehr als bloßes Lippenbekenntnis war, zeigte sich manchmal ganz unauffällig. So berichtete der italienische Journalist Emilio Grimaldi 2014, dass der Papst in seinem vatikanischen Appartement eine CD-Sammlung von 1800 Aufnahmen besaß – fein säuberlich katalogisiert, mit Schwerpunkten auf klassischer Musik, sakralem Gesang, aber auch auf argentinischem Tango, der Musik seiner Kindheit, und sogar eine Rap-CD fand sich in seiner Kollektion. Diese Sammlung, so wird vermutet, hatte er schon als Kardinal aufgebaut.

Musik schafft Harmonie und erreicht so alle, tröstet die Leidenden, weckt den Enthusiasmus in den Niedergeschlagenen und bringt wunderbare Werte wie Schönheit und Poesie hervor, die das harmonische Licht Gottes widerspiegeln.

Papst Franziskus

Und tatsächlich wurde 2022 ein Moment bekannt, der fast märchenhaft wirkte: Papst Franziskus besuchte – ohne großes Gefolge – einen kleinen Plattenladen in Rom. Er sei dort früher öfter gewesen, sagte der Inhaber später. An jenem Abend nahm er eine klassische Schallplatte mit – diskret und doch ganz selbstverständlich. Ein Papst unter Musikliebhabern.

Ein eigenes Album – zwischen Pop und Gebet

Weniger leise war das Musikprojekt "Wake Up!", das 2015 erschien. Es vereinte Originalzitate Franziskus’ mit modernen Kompositionen zwischen Sakralmusik und Progressive Rock. Franziskus selbst stand nicht als Musiker hinter dem Album – aber er genehmigte das Projekt ausdrücklich. Es war ein Brückenschlag zwischen Glauben und Klang, ein Experiment, das weltweit für Aufmerksamkeit sorgte.

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Der verantwortliche Priester Giulio Neroni erklärte später: „Wir wollten zeigen, dass seine Worte Musik tragen – und dass Musik eine Sprache ist, die alle verstehen.“ Ob Franziskus das Album selbst oft hörte, ist unklar. Aber die Erlaubnis zur Veröffentlichung war ein deutliches Zeichen: Musik war für ihn keine Dekoration, sondern Ausdruck des Evangeliums.

Wer klassische Musik liebt, dürfte sich in diesen Facetten des Papstes wiederfinden. Da ist jemand, der Mozart nicht nur bewundert, sondern als spirituellen Begleiter empfindet. Der Bach nicht analysiert, sondern tief in sich spürt. Franziskus sprach nie von sich als Musikkenner. Aber vielleicht war er gerade deshalb so authentisch in seiner Liebe zur Musik. Sie war ein Teil seines Wesens – leise, tief und echt. Ein Mensch, der Musik nicht nur verstand, sondern fühlte.

Holger Hermannsen / 22.04.2025

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