„Ohne Berlin kein Bach“: Die Wiedergeburt eines Genies

Zum 341. Geburtstag von Johann Sebastian Bach„Ohne Berlin kein Bach“: Die Wiedergeburt eines Genies

Bach gehört heute zu den größten Komponisten der Geschichte – doch das war nicht immer so. Seine Musik geriet in Vergessenheit, bis ein einziger Abend in Berlin alles veränderte. Zum 341. Geburtstag ein Blick auf den Moment, der seinen Nachruhm erst begründete.

Ohne Berlin kein BachFoto: privat / Stefan Hirtz

Berlin, März 1829. Menschen drängen sich vor den Türen eines Konzertsaals, hoffen auf Einlass, doch für viele bleibt er verschlossen. „Der ganze Hofstaat war da, 1000 Berliner mussten weggeschickt werden“, berichtet Jörg Hansen, Direktor vom Bachhaus Eisenach, im Interview mit Klassik Radio Moderatorin Evita Helling. Auf der Bühne steht ein 20-Jähriger am Dirigentenpult. Mit dem ersten Schlag seines Taktstocks geschieht etwas Unerwartetes: Musik erklingt, die jahrzehntelang niemand gehört hat. Was heute unvorstellbar wirkt, war damals Realität: Johann Sebastian Bach war nahezu vergessen. „Seine Musik ist schlicht nicht gespielt worden“, so Hansen. Doch dieser Abend ist mehr als ein Konzert. Es ist ein Wendepunkt – der Moment, in dem ein lange überhörtes Genie zurück ins Bewusstsein geholt wird und seinen Platz in der Musikgeschichte endgültig einnimmt.



Ein Tag für die Musikgeschichte

Doch wer ist dieser 20-Jährige, der hier einen vergessenen Komponisten zum Leben erweckt? Es ist Felix Mendelssohn Bartholdy. Seine Geschichte mit dieser Musik beginnt lange vor diesem Abend in Berlin. Zu seinem 13. Geburtstag bekommt er eine Abschrift der Matthäuspassion – ein Geschenk seiner Großmutter. Ein Manuskript, das in anderen Händen vielleicht einfach im Regal verschwunden wäre – nicht aber bei ihm. Mendelssohn erkennt, was andere übersehen haben und handelt. Mit gerade einmal 20 Jahren bringt er das Werk zurück auf die Bühne – zum ersten Mal seit Bachs Tod. Was anfangs wie ein gewagtes Experiment wirkt, entwickelt schnell eine ungeahnte Dynamik. „Die Aufführung wurde noch zwei weitere Male wiederholt. Die Zeitungskritiken überschlugen sich“, sagt Hansen. Aus einem einzelnen Konzert wird ein Ereignis. Es markiert den Beginn einer Entwicklung, die Bach wieder ins Zentrum der Musik rückt. „Wenn man an einem Datum in der Geschichte Bachs festhalten will“, so Hansen, „dann da – an diesem 11. März 1829.“

Aufgrund Ihrer Consent Einstellungen können Sie dieses YouTube Video nicht sehen.
Einstellungen Ändern

Der Beginn einer Bewegung

„An diesem 11. März 1829 hat das Publikum diese Musik kennengelernt und festgestellt: Das ist was ganz Besonderes. Seit dieser Aufführung kann man wirklich von einer regelrechten Bachrenaissance sprechen“, so Hansen. Bach wird nicht nur gespielt – er wird seitdem gefeiert. Gesellschaften entstehen, Festivals werden ins Leben gerufen, ganze Programme widmen sich ausschließlich seiner Musik. Ein neues Verständnis von Musik entsteht: Nicht nur als Unterhaltung, sondern als kulturelles Ereignis, das Menschen zusammenbringt.

"Ohne Bach kein Berlin"

Genau hier setzt die Sonderausstellung des Bachhauses Eisenach „Ohne Berlin kein Bach“ an, die vom 12. März bis zum 3. Mai 2026 im Berliner Dom zu sehen ist. Die Ausstellung macht diese Geschichte sichtbar – mit Originaldokumenten, mit Klangbeispielen, mit Spuren aus genau dieser Zeit. „Wir haben auch den Ausdruck der Matthäuspassion von 1830 und einen Brief des preußischen Kronprinzen.“ Ein Brief, der zeigt, wie hoch die Musik von Bach plötzlich geschätzt wurde, wie sehr man sie ernst nahm. Gleichzeitig öffnet die Ausstellung den Blick über den einen Abend hinaus: Sie erzählt von den ersten Bachfesten, von einer wachsenden Begeisterung für seine Werke und davon, wie sich daraus eine internationale Tradition entwickeln konnte. Dabei machen historische Aufnahmen deutlich, wie diese Musik damals geklungen haben könnte – und zeigen auch, wie sehr sich unser Hören bis heute verändert hat.

341 Jahre Bach – und eine unerwartete Wahrheit

Heute ist Bach allgegenwärtig. Filme, Serien, Werbung – seine Musik taucht überall auf. Fast so selbstverständlich, dass man vergisst, dass es einmal anders war. „Sie werden kaum in einen Abspann eines Filmes gucken können, ohne dass Bach dort als Komponist mit erwähnt wird“, so Hansen im Interview. Und doch führt diese Allgegenwärtigkeit zurück zu einem ganz bestimmten Moment. Zu diesem einen Abend in Berlin. Zu dieser einen Entscheidung von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Wenn wir heute seinen Geburtstag feiern, feiern wir also nicht nur einen Komponisten, sondern auch den Moment, in dem seine Musik zurück ins Leben geholt wurde. Nicht in Leipzig, nicht in Köthen, sondern in Berlin! Dort, wo ein junger Mendelssohn ein altes Werk aufschlägt – und damit Bachs Geschichte neu beginnen lässt.

Valeska Baader / 20.03.2026

Erhalten Sie Informationen aus erster HandBestellen Sie den Klassik Radio Newsletter

* Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis

Neueste Artikel

Weltklasse-Musik in Roms heiligen Räumen: Ein einzigartiges Erlebnis aus Spitzenmusik und sakraler Schönheit
Festival Pro Musica et Arte SacraFoto: Photo © Musacchio, Pasqualini, Fucilla / MUSA

Festival Internazionale di Musica e Arte Sacra 2026 – präsentiert von Klassik Radio
Weltklasse-Musik in Roms heiligen Räumen: Ein einzigartiges Erlebnis aus Spitzenmusik und sakraler Schönheit

Als offizieller Radiopartner präsentiert Klassik Radio das Festival Internazionale di Musica e Arte Sacra 2026 – eine außergewöhnliche Begegnung von Weltklasse-Musik, sakraler Kunst und Spiritualität an den bedeutendsten Orten Roms.

Ein Rucksack voller Kultur – wie Nürnberg Kindern neue Welten eröffnet
Kinder sitzen in der OperFoto: Generiert mit KI

Ein Rucksack voller Kultur – wie Nürnberg Kindern neue Welten eröffnet

Ein Museum besuchen, Theater erleben oder klassische Musik entdecken: Was für manche Kinder selbstverständlich ist, bleibt für andere eine Ausnahme. Der Nürnberger KulturRucksack bringt Kunst und Kultur in den Schulalltag und ermöglicht Begegnungen, die sonst vielleicht nicht stattfinden würden. Dahinter steht eine einfache Idee: Jedes Kind soll die Chance bekommen, Kultur für sich zu entdecken.

„No Silence ist mein Leben“ – Starpianist Igor Levit über sein neues Musiklabel
Igor Levit PianistFoto: forartists

Interview
„No Silence ist mein Leben“ – Starpianist Igor Levit über sein neues Musiklabel

Igor Levit zählt zu den großen Pianisten unserer Zeit. Bekannt ist er nicht nur für seine Beethoven-Interpretationen und seine außergewöhnlichen Konzertprojekte, sondern auch für sein gesellschaftspolitisches Engagement. Mit seinem neuen Label möchte er eigene musikalische Visionen verwirklichen und Künstlern unabhängig von Alter und Genre eine Plattform bieten. Im Interview verrät er, was hinter der Labelgründung steckt, welche Rolle Kunst und Haltung für ihn spielen und warum „No Silence“ für ihn weit mehr als ein Musiklabel ist.

Klassik Radio - Deutschland nationalKlassik Radio - Deutschland national