Sommer in der Klassik bedeutet weit mehr als Vogelgezwitscher und Sonnenschein. Komponisten ließen Felder flimmern, zeichneten drückende Mittagshitze nach, erzählten von erschöpften Bauern, aufziehenden Gewittern und der Erleichterung nach dem ersten Regen. Manche gingen dabei so weit, dass sie mit ihren Instrumenten Insekten, Wind und sogar die flirrende Luft hörbar machten. Ein Streifzug durch Werke, die den Sommer nicht nur beschreiben, sondern spürbar werden lassen.

Fragt man nach Sommer in der Klassik, fällt fast jedem sofort Antonio Vivaldi ein. Zu Recht. Doch der Sommer hat weit mehr Komponisten beschäftigt, als man zunächst vermutet. Das Interessante daran: Kaum einer wollte einfach schönes Wetter vertonen.
Der Sommer war für sie Arbeit. Er war Staub auf den Wegen, sengende Sonne über den Feldern, flirrende Luft und die bange Frage, wann endlich Regen fällt. Wer heute Klimaanlagen gewohnt ist, vergisst leicht, dass Hitze über Jahrhunderte eine existenzielle Erfahrung war. Genau das hört man in vielen Werken.
Natürlich beginnt alles mit „L'estate" - dem Sommer - aus den Vier Jahreszeiten. Doch erstaunlicherweise steht hier nicht das Idyll im Mittelpunkt.
Dem Konzert liegt ein Sonett zugrunde, vermutlich von Vivaldi selbst. Darin leiden Hirten und Tiere unter der brennenden Sonne. Die Luft steht. Der Kuckuck ruft. Eine Turteltaube antwortet. Dann frischt Wind auf. Kurz keimt Hoffnung auf, ehe der Nordwind alles hinwegfegt und schließlich ein vernichtendes Gewitter losbricht.
Das Geniale daran ist die Instrumentierung.
Die Solovioline gerät immer wieder in nervöse Figuren, die keine Ruhe finden. Lange Liegetöne der Streicher wirken, als würde die Landschaft regungslos in der Mittagshitze liegen. Wiederkehrende rhythmische Muster lassen die Hitze beinahe körperlich spürbar werden.
Ein Detail, das selbst viele Klassikliebhaber überhören: Vivaldi schreibt nicht einfach Vogelstimmen nach. Er gibt verschiedenen Vogelarten jeweils eigene musikalische Gesten. Der Kuckuck ruft anders als die Turteltaube, beide wiederum anders als der Distelfink. Für das Publikum des frühen 18. Jahrhunderts waren diese Rufe sofort wiederzuerkennen.
Und das berühmte Gewitter am Schluss?
Es beginnt keineswegs plötzlich. Vivaldi baut die Spannung über viele Takte auf. Die Solovioline rast in virtuosen Läufen, während das Orchester mit immer heftigeren Akkorden den Himmel verdunkelt. Erst ganz am Ende entlädt sich der Sturm mit voller Wucht. Für das Jahr 1725 war diese Radikalität beinahe filmisch.
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Dass Beethovens Sechste den Beinamen „Pastorale" trägt, verleitet zu einem Missverständnis.
Er selbst schrieb ausdrücklich, seine Sinfonie sei „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei." Er wollte also keine Naturgeräusche sammeln, sondern beschreiben, was Natur mit einem Menschen macht.
Trotzdem steckt das Werk voller konkreter Bilder.
Im zweiten Satz murmeln die tiefen Streicher wie ein Bach. Gegen Ende lässt Beethoven Nachtigall, Wachtel und Kuckuck auftreten. Jede Vogelart bekommt ihr eigenes Instrument. Die Flöte singt die Nachtigall, die Oboe übernimmt die Wachtel, die Klarinette den Kuckuck.
Dann folgt einer der eindrucksvollsten Sommerstürme der Musikgeschichte.
Er beginnt leise. Einzelne Tropfen scheinen auf den Boden zu fallen. Die Pauken rücken näher, die Kontrabässe verdichten den Himmel, die Posaunen brechen plötzlich herein. Es ist kein dekoratives Gewitter, sondern eines, vor dem Menschen tatsächlich Schutz suchen würden.
Danach geschieht etwas Bemerkenswertes.
Der letzte Satz beginnt nicht triumphierend. Erst langsam löst sich die Anspannung. Die Hirten danken nicht laut jubelnd für den Regen, sondern mit einer Musik, die fast demütig wirkt. Das eigentliche Wunder ist nicht der Sturm, sondern die Erleichterung danach.
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Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten" wird oft hinter Vivaldi und Beethoven übersehen. Dabei findet sich hier eine der eindrucksvollsten musikalischen Sonnenaufgänge überhaupt.
Haydn beginnt den Sommer beinahe im Dunkeln.
Die Musik tastet sich langsam nach oben. Erst nach und nach hellt sich das Orchester auf. Die Instrumente scheinen sich gegenseitig Licht zu geben, bis schließlich die Sonne über den Horizont steigt.
Doch Haydn bleibt nicht lange beim Postkartenmotiv.
Schon bald wird die Hitze zur Belastung. Menschen suchen Schatten unter Bäumen. Die Luft wird schwer. Dann kündigt ein gezacktes Motiv die ersten Blitze an. Dieses Motiv hatte Haydn Jahre zuvor bereits verwendet und hier noch einmal verschärft. Sein Librettist Gottfried van Swieten formulierte den Text bewusst bildreich, damit Haydn möglichst viele Naturerscheinungen musikalisch ausgestalten konnte.
Eine spannende Verbindung entdecken Musikwissenschaftler erst beim genaueren Hinsehen: Haydns Gewitterszene wurde zum wichtigen Vorbild für Beethovens Pastorale. Beethoven entwickelte viele dieser Ideen später auf seine eigene Weise weiter.
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Claude Debussy interessierte sich weniger für konkrete Naturbeschreibungen als für Licht.
In „Ibéria", dem Mittelstück seiner Images pour orchestre, erzählt er zwar eigentlich von Spanien. Doch die eigentliche Hauptfigur ist die Sommeratmosphäre.
Hier geschieht etwas Raffiniertes.
Debussy verzichtet oft auf deutliche Konturen. Holzbläser, Harfen und gedämpfte Streicher verschmelzen miteinander. Harmonien verändern ihre Farbe, ohne sich wirklich aufzulösen. Dadurch entsteht der Eindruck flimmernder Hitze, wie man sie über aufgeheizten Straßen beobachten kann.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Debussy dieses musikalische Spanien weitgehend erfand. Er zitiert kaum echte Volksmusik. Die sommerliche Stimmung entsteht fast ausschließlich durch raffinierte Orchesterfarben und Rhythmus.
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Vielleicht überrascht gerade das am meisten.
Kaum ein großer Komponist zeigt den Sommer als unbeschwerte Ferienzeit.
Bei Vivaldi kämpfen Mensch und Tier gegen die Hitze.
Haydns Bauern sehnen das Gewitter herbei.
Beethoven erzählt vom Glück, nach dem Sturm wieder aufatmen zu können.
Der Sommer war über Jahrhunderte eben keine Urlaubszeit, sondern die arbeitsreichste Saison des Jahres. Er bedeutete Ernte, körperliche Anstrengung und die ständige Hoffnung auf ausreichend Regen. Gerade deshalb wirkt die Musik bis heute so unmittelbar. Sie erzählt nicht vom Kalender, sondern vom Leben.

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